Fussball

Archivar Gerd Kolbe im Interview: "Ich habe die BVB-Geschichte vor dem Untergang bewahrt"

Geld Kolbe ist Archivar beim BVB.
© spox

Gerd Kolbe ist 73 Jahre alt und Archivar von Borussia Dortmund. Kolbe verfolgt den BVB seit 1953, wurde später Pressesprecher des Vereins und stieß durch einen Zufall auf einen Fundus wichtiger vereinshistorischer Exponate.

Im Interview spricht BVB-Archivar Kolbe über den Start seiner Sammelleidenschaft, einen folgenschweren Gang aufs Klo, das Treffen mit Vereinsgründer Franz Jacobi und die Entstehung des Fan-Lieds "Heja BVB".

SPOX: Herr Kolbe, Sie sind mit acht Jahren nach Dortmund gezogen und wohnten mit Ihrer Familie in der Nähe des ehemaligen BVB-Stadions Rote Erde. Waren Sie damals schon Fußballfan?

Gerd Kolbe: Meine Familie ist 1946 aus Mecklenburg-Vorpommern nach Itzehoe vertrieben worden. Dort bin ich als Vierjähriger mit meinem Vater zum ersten Mal zum Fußball gegangen, beim Itzehoer Sportverein von 1909. Das war sozusagen mein fußballerisches Erweckungserlebnis. Aufgrund der besseren Arbeitsmöglichkeiten im Ruhrgebiet sind wir im Mai 1953 nach Dortmund gekommen, genau an einem Donnerstag vor Pfingsten. Mein Vater hat sich dann sofort informiert und festgestellt, dass am folgenden Mittwoch der BVB, also der auch damals schon führende Dortmunder Verein, in der Roten Erde spielen würde.

SPOX: Und ein Spiel hat gereicht, um sich in den BVB zu verlieben?

Kolbe: Ja. Die Borussia spielte eine Vorrundenpartie um die deutsche Meisterschaft gegen den HSV - also gegen den Klub, der den Itzehoer SV immer besiegt hatte, teilweise mit zweistelligen Ergebnissen. Ich wollte liebend gern wissen, ob die Borussen gegen den HSV genauso schlecht aussehen würden. Der BVB gewann mit 4:2. Ich habe das indirekt als Rache für Itzehoe angesehen und deshalb mit großer Genugtuung zur Kenntnis genommen. Von Stund an war ich BVB-Fan.

SPOX: Sie sind dann mit Ihren Freunden regelmäßig zum Training der Borussia gegangen und haben sich Autogramme der Spieler geholt. War dies der Beginn Ihrer ersten Sammlung?

Kolbe: Genau. Die Spieler haben immer mit Bleistiften in unseren Schreibkladden unterschrieben. Da ich neu in Dortmund war, wurde ich auch einmal veräppelt: Ich wollte ein Autogramm von Erich Schanko, nach August Lenz der zweite Nationalspieler des BVB, eine richtige Ikone also. Ich habe einen Freund gefragt, wer denn Schanko genau sei. Er meinte nur, er gäbe mir Bescheid, wenn dieser gleich an uns vorbeigehen würde. Das hat er dann auch gemacht. Ich bin also hingeflitzt und habe "Herrn Schanko" um eine Unterschrift gebeten. Der Angesprochene schmunzelte und sagte nur: "Na Junge, du bist sicher noch nicht lange in Dortmund." Zuhause habe ich das Autogramm meinem Vater gezeigt. Der meinte nur: Da steht doch nicht Schanko, da steht Heinrich Kwiatkowski. Dass der Kwiat so entspannt auf die falsche Anrede reagiert hat, habe ich ihm hoch angerechnet. (lacht)

SPOX: Haben Sie das Autogrammsammeln bald ausgeweitet?

Kolbe: Ja. 1956 und 1957 wurde der BVB Deutscher Meister. Danach kamen plötzlich ganz andere Mannschaften aus ganz Europa hier her: Spora Luxemburg, ManUnited, Steaua Bukarest, AC Mailand und so weiter. Wir wussten, dass alle Teams im Hotel Römischer Kaiser abstiegen. Dann haben wir dort manchmal stundenlang gewartet und uns Autogramme geholt, sobald sich die Möglichkeit ergab. Dortmund war eine tolle Sportstadt, sodass wir auch zur Leichtathletik oder zum Boxen gehen konnten, um Unterschriften zu bekommen.

SPOX: Mit 14 fingen Sie als Verwaltungslehrling beim Sportamt Dortmund an. BVB-Spieler Alfred Kelbassa war Ihr erster Lehrherr. Das dürfte in Sachen Autogramme auch geholfen haben.

Kolbe: Ich war zunächst sehr überrascht und hoch erfreut! Kelbassa vergab die Sportplätze und -hallen an die örtlichen Klubs. Er war nicht ganz leicht zu nehmen, aber wir beide verstanden uns ausgezeichnet. Das lag sicherlich auch daran, dass ich ihn sehr verehrt habe. (lacht) Nur über Uwe Seeler konnte man mit Kelbassa nicht sprechen, weil der ihn aus der Nationalmannschaft verdrängt hat und er das als blasphemischen Akt empfand. Meinen Wunsch, mir Autogramme von den gegnerischen Mannschaften mitzubringen, hat er gern und reichlich erfüllt.

SPOX: Anschließend kamen Sie ins Presseamt und waren für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt zuständig. Von 1976 bis 1981 waren Sie zudem nebenamtlich Pressesprecher des BVB. Wie kam das zustande?

Kolbe: Hans Ost war mein Vorgänger. Er war zuvor Sportredakteur der Westfälischen Rundschau, ging dann als Pressesprecher zur Westfalenhalle und war nebenamtlich auch Pressesprecher von Borussia. Im Verhältnis zu seinen früheren Kollegen musste er eine gut austarierte Balance finden, um nicht zu viel auszuplaudern. Letztlich gab es vorstandsinterne Differenzen, die zur Trennung führten. Über Umwege landete eine Anfrage des BVB bei mir und ich sagte zu. Wenn Vorstandssitzungen oder Pressebesprechungen waren, war ich vom Dienst beim Presseamt freigestellt.

SPOX: Wie sah Ihre Arbeit damals aus?

Kolbe: Der Verein hatte damals einen Etat von zwölf bis 15 Millionen Mark. Ich war bei allen Heim- und Auswärtspartien mit dabei und hatte einen guten Draht zu Spielern, Trainern und Verantwortlichen. Rückblickend habe ich wohl die ersten Ansätze einer BVB-Öffentlichkeitsarbeit kreiert. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Europapokalsiegs von 1966 habe ich zum Beispiel eine PR-Aktion durchgeführt und alle Kinder ins Stadion eingeladen, die am 5. Mai 1966 geboren worden waren. Insgesamt haben diese fünf Jahre meine Beziehung zum BVB noch einmal intensiviert. Außerdem habe ich viele zusätzliche Erfahrungen gemacht, von denen ich später als Pressesprecher der Stadt Dortmund sehr profitierte.

SPOX: Dass Sie nun offizieller BVB-Archivar sind, kam dann durch einen Zufall zustande: Zu Beginn Ihrer Zeit als Pressesprecher wollten Sie in der Geschäftsstelle des Westfalenstadions auf die Toilette gehen, als Sie plötzlich einen Raum mit vielen Exponaten aus der Vereinsgeschichte entdeckten. Was würde es für die Gegenwart bedeuten, wenn Sie damals das Klo direkt gefunden hätten?

Kolbe: Viele wichtige vereinshistorische Exponate wären für immer verschollen. Ich habe einen wichtigen Teil der BVB-Geschichte quasi vor dem Untergang bewahrt. Der damalige Präsident Heinz Günther war in einer finanziell kritischen Situation als Sanierer zum BVB gestoßen, hatte aber keine Beziehung zur Vereinsgeschichte. Er meinte nur zu mir: Das können Sie gerne mitnehmen, dann sparen wir uns 100 Mark an Müllgebühren. Ich fand dort Wimpel, Silberteller und vieles mehr. Zu Hause habe ich erst einmal den Keller ausgeräumt, um die wahren Schätze zu deponieren.

SPOX: Wie groß war denn dieser Fundus?

Kolbe: Rund 50 bis 60 Exponate. Es war vieles dabei, was sich in den 1950er und 1960er Jahren rund um die Europapokalspiele der Landesmeister bis hin zum Europacup der Pokalsieger angesammelt hatte. Wimpel vom legendären 5:0-Heimsieg gegen Benfica vom Dezember 1963 oder vom September 1957 waren dabei, als der BVB zur Eröffnung des Camp Nou beim FC Barcelona gastierte.

SPOX: Dadurch nahm Ihre Sammelleidenschaft weiter zu. Wie sind Sie vorgegangen, um sich weitere Exponate zu beschaffen?

Kolbe: Ich besuchte gezielt die wichtigsten Protagonisten der BVB-Vergangenheit, um ihre Erinnerungen festzuhalten. Das wurde auch Zeit, denn sie waren zumeist schon sehr betagt. Dabei wurden mir teils Exponate geschenkt, teils geliehen, damit ich sie reproduzieren lassen konnte. Vor allem Trikots, Plakate, Eintrittskarten und jede Menge Fotos.

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