Melancholische Autofahrten aus dem Weideland

Dienstag, 04.04.2017 | 09:00 Uhr
Klaas-Jan Huntelaar erzielte in dieser Saison in zehn Bundesligaspielen nur ein Tor
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Klaas-Jan Huntelaar spielt seit fast sieben Jahren für den FC Schalke 04, ist der zweiterfolgreichste Stürmer der Vereinsgeschichte und war stets Stammspieler. In dieser Saison wurde der 33-Jährige von einer Knieverletzung und Markus Weinzierls Spielphilosophie ausgebremst. Nach Hunderten von Autofahrten mit seinem Vater vom niederländischen Angerlo nach Gelsenkirchen deutet Einiges auf eine Routen-Änderung ab Sommer hin. Huntelaars Vertrag läuft aus - und wird wohl nicht verlängert.

Angerlo ist ein kleines Dörfchen in der niederländischen Provinz Gelderland, das sich einerseits zwischen Weiden und andererseits ziemlich genau zwischen der Vergangenheit und Gegenwart von Klaas-Jan Huntelaars Karriere befindet. Vielleicht auch seiner Zukunft, denn die liegt womöglich in seiner Vergangenheit. Aber das ist natürlich noch nicht geklärt, Huntelaars Branche ist schließlich der Profifußball und da kann bekanntlich immer alles passieren.

Sollte aus Huntelaars Vergangenheit tatsächlich auch seine Zukunft werden, hätte das wohl vor allem Auswirkungen auf Dirk-Jan Huntelaar, Klaas-Jans Vater. Er müsste dann jeden Tag 36 Kilometer mehr mit dem Auto fahren, 18 mehr hin und 18 mehr wieder zurück. 99 Kilometer sind es von Huntelaars Wohnort Angerlo bis zum Sitz seines Arbeitgebers FC Schalke 04, 117 bis zu dem seines Ex-Klubs Ajax Amsterdam.

Sofern Schalke nicht trainingsfrei hat, fährt Huntelaars Vater seinen 33-jährigen Sohn jeden Tag von Angerlo über die A3 bis zum Ernst-Kuzorra-Weg 1 in Gelsenkirchen. Eigentlich würde Klaas-Jan schon gerne selbst fahren, aber das ist seinem Verein nicht ganz so geheuer. Der Kompromiss lautete eben Taxi Papa. "So muss ich nicht ständig auf die Straße schauen und kann mich voll auf den Fußball konzentrieren", sagte Huntelaar mal.

Derzeit sind Huntelaars konzentrierte Gedanken an den Fußball aber wohl nicht sonderlich befriedigend, denn es sind wahrscheinlich entweder melancholische oder traurige Gedanken. Knapp zwei Stunden sitzt er täglich im Auto (natürlich nur, sofern es nirgendwo staut) und kann sich Gedanken über seine Situation und seine Geschichte bei Schalke machen. Und diese Geschichte geht so:

Der glorreiche Weg zum Hunter

2010 wechselte Huntelaar für 14 Millionen Euro vom AC Milan nach Gelsenkirchen. Er kam als Ex-Stürmer von Real Madrid und in eine Mannschaft, in der er bald unter anderem mit Angelos Charisteas, Ali Karimi und Manuel Neuer spielte. Arrangiert hatte Huntelaars Verpflichtung der damals allmächtige Schalke-Macher Felix Magath, begründet hat er sie dann bei der pompösen Vorstellung: "Der Jan-Klaas weiß, wo das Tor steht."

Da Klaas-Jan diesen Umstand auch schnell unter Beweis stellte, kannte sein Trainer sogar bald seinen richtigen Namen. Magath ist aber längst wieder weg aus Gelsenkirchen, genau wie Charisteas, Karimi und Neuer. Nur Benedikt Höwedes (Benni) und Atsuto Uchida (Uschi) sind von der damaligen Mannschaft noch da. Wie diese beiden Schalker Koryphäen hat auch Huntelaar längst einen Spitznamen: Er ist nicht mehr Klaas-Jan oder gar Jan-Klaas - er ist einfach der Hunter.

Den ersten Schritt zum Hunter machte Huntelaar im September 2010, als er im Revierderby gegen Borussia Dortmund sein erstes Pflichtspieltor für Schalke erzielte. 124 weitere ließ er bis dato folgen. Zwei davon im DFB-Pokal-Finale 2011, Schalke besiegte den MSV Duisburg mit 5:0 und holte den ersten bedeutenden Titel seit neun Jahren. 29 davon in der darauffolgenden Saison, sie bescherten ihm die Torjäger-Kanone.

Insgesamt erzielte nur Klaus Fischer mehr Tore für Schalke als Huntelaar, 199 nämlich. Und diese 199 Treffer sind Grund genug, Fischers Worten Gehör zu schenken. "Die Knipser-Karriere von Klaas-Jan Huntelaar geht zu Ende", schrieb Fischer kürzlich in einer Zeitungskolumne. Er schrieb somit nieder, was sich längst andeutet und um den Ernst-Kuzorra-Weg 1 immer lauter getuschelt wird: Huntelaars siebtes Jahr auf Schalke könnte sein letztes sein.

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Der bittere Weg zur Alternative

Erst vier Treffer erzielte Huntelaar in dieser Saison wettbewerbsübergreifend, aber viel wichtiger: Er absolvierte erst 16 Spiele. Huntelaars hochdotierter Vertrag läuft zum Ende der Saison aus, automatisch verlängert hätte er sich nur, wenn der Stürmer mindestens die Hälfte aller Pflichtspiele absolviert hätte. Möglich ist das mittlerweile nicht mehr. Das liegt einerseits an einer Knieverletzung, die Huntelaar zwischen Oktober und Februar nicht spielen ließ, und andererseits an der Spielphilosophie von Trainer Markus Weinzierl.

"Ich will allen zeigen, dass ich der beste Stürmer bin", sagte Huntelaar im Februar noch, aber sein Trainer lässt ihn diesen Willen nicht verwirklichen. In den sieben Bundesligaspielen, seitdem Huntelaar wieder einsatzbereit ist, schickte ihn Weinzierl insgesamt 24 Minuten auf den Platz. "Wir wissen, dass der Hunter im Sechzehner eine super Quote hat. Wir haben mit ihm eine Alternative, die wir immer brauchen können", sagte Weinzierl jüngst. Was er dem somit nebenbei zur "Alternative" degradierten langjährigen Stammspieler damit auch sagte: Außerhalb des Strafraums passt er nicht wirklich in sein Konzept.

Viel besser in dieses Konzept passen da zum Beispiel Breel Embolo, der sich selbst gerade erst von einer schwerwiegenden Verletzung zurückkämpft, und vor allem Winterneuzugang Guido Burgstaller. Sie sind keine reinen Torjäger, sondern mitspielende Stürmer. Sie sind jünger, dynamischer und agiler. Sie pressen und verschieben und treffen nicht nur, sondern auch. "Man könnte ihm wahrscheinlich den Kopf abhacken und er würde immer noch Tore machen", meinte Lewis Holtby irgendwann während seiner längst abgelaufenen Zeit bei Schalke über Huntelaar. Diese Fähigkeit alleine reichte ihm sechs Jahre lang für einen Stammplatz bei Schalke, tut das im siebten aber nicht mehr.

Der Weg zurück in die Zukunft

"Meine Zeit auf Schalke ist noch nicht abgelaufen", sagte er neulich trotzdem, während sich die Schalker Vereinsführung behutsam darauf vorbereitet, Huntelaars Zeit im Verein stilvoll zu beenden. "Er ist dem Verein immer treu geblieben, aber auf der anderen Seite - und das weiß Klaas-Jan - geht es bei uns um Leistung. Kein Trainer der Welt nimmt Rücksicht darauf, ob einer schon sieben Jahre im Verein ist und viel erreicht hat. Das ist eine Selektion aus dem Training", sagt Manager Christian Heidel.

"Die Situation, wie sie gerade ist, sieht jeder, da brauche ich nichts zu interpretieren", sagt Heidel. Aktuell fällt Huntelaar durch die Trainings-Selektion, vier Wochen werden ihm vom Verein noch gewährt, um diesen Umstand zu ändern "Dann werden wir uns zusammensetzen und darüber reden, wie er die Zukunft sieht und wie wir die Zukunft sehen", meint der Manager und betont: "Wir werden respektvoll miteinander umgehen."

In diese vierwöchige Bewährungsphase, die Huntelaar für eine Verbleibs-Empfehlung nutzen muss, fallen unter anderem zwei Europa-League-Viertelfinalspiele gegen Ajax Amsterdam. Dabei geht es gegen Huntelaars Vergangenheit, (105 Tore erzielte er zwischen 2006 und 2008 für Ajax), und womöglich auch gegen seine Zukunft. "Klaas-Jan ist für uns immer interessant", sagt Ajax-Sportdirektor Mark Overmars.

Womöglich muss Dirk-Jan Huntelaar ab kommendem Sommer, wenn er zwischen den Weiden von Angerlo mit seinem 33-jährigen Sohn ins Auto steigt, also nicht mehr "Ernst-Kuzorra-Weg 1" in sein Navigationsgerät eingeben, sondern "Borchlandweg 18". Das ist die Adresse des Vereinsgsgeländes von Ajax Amsterdam, wo die Nachwuchsmannschaften und Profis trainieren. Es trägt den Namen: "De Toekomst." Auf Deutsch: "Die Zukunft."

Klaas-Jan Huntelaar im Steckbrief

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