Lars Stindl und Borussia Mönchengladbach

Favres Speyerer Taschenmesser

Freitag, 10.04.2015 | 13:31 Uhr
Tragen in der kommenden Saison das gleiche Trikot: Lars Stindl (l.) und Granit Xhaka (r.)
© getty
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Sympathieträger, Vorbild, Führungsfigur. Mit Lars Stindl muss Hannover 96 einen seiner wichtigsten Spieler ziehen lassen. Die Entscheidung pro Gladbach ist aber keine Geldfrage, Stindl will bei den Fohlen den nächsten Schritt machen und Spielern wie Hahn oder Kruse folgen. Für die Elf vom Niederrhein ist der 26-Jährige weit mehr als ein Kramer-Nachfolger.

Nicht ohne Stolz verkündete Hannover-96-Sportdirektor Jörg Schmadtke am 17.04.2012 die Vertragsverlängerung Lars Stindls bis 2016. Immerhin war es dem heutigen Geschäftsführer Sport des 1. FC Köln gelungen, sich gegen namhafte Konkurrenz aus dem Inland durchzusetzen.

Ein Interessent kam damals aus Mönchengladbach. Die Fohlen lagen zum gleichen Zeitpunkt mit 56 Punkten nach 31. Spieltagen auf dem vierten Platz und lockten Stindl mit dem möglichen Einzug in die Champions League und einer gehörigen Gehaltsspritze.

"Wir dürfen Lars nicht gehen lassen! Ich weiß, dass er ein sehr gutes Angebot von Gladbach hat. Aber unser Angebot muss wenigstens in die Nähe von Gladbach kommen! Das habe ich auch unserem Präsidenten Martin Kind gesagt", erklärte der damalige 96-Trainer Mirko Slomka den Stellenwert der Personalie - und das Management verstand.

Stindls Jahresgehalt von bis dahin 750.000 Euro wurde verdoppelt und hievte den Ex-Karlsruher auf eine Stufe mit Ron-Robert Zieler und Jan Schlaudraff, Hannovers Topverdienern. Weitere zwei Jahre später machten die Niedersachsen die Bedeutung ihres umworbenen Mittelfeldspielers noch unverkennbarer und streiften dem 26-Jährigen die Kapitänsbinde über den Arm. Nicht etwa Zieler, der seit Jahren Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft ist.

Damoklesschwert 'Ausstiegsklausel'

Was Hannover aber nie ganz beseitigen konnte, war das Damoklesschwert mit der Aufschrift 'Ausstiegsklausel'. Stindl wusste seinen Marktwert spätestens nach den vielen Anfragen der deutschen Top-Teams sehr wohl einzuschätzen und wollte sich die Möglichkeit offen halten, diesen Lockrufen eines Tages folgen zu können.

Trotzdem war man in Hannover zuversichtlich, Stindls Vertrag weiter verlängern zu können, wie Manager Dirk Dufner im Oktober vergangenen Jahres äußerte. "Ich bin optimistisch, angesichts der Signale, die ich wahrnehme. Lars fühlt sich in Hannover wohl". Zu diesem Zeitpunkt war Hannover mit drei Siegen aus den ersten sechs Partien hervorragend in die Saison gestartet und weckte Hoffnungen auf eine Rückkehr auf die Europäische Bühne.

Dass sich Stindl letzten Endes doch gegen einen Verbleib in Niedersachsen und für den Wechsel nach Mönchengladbach entschied, hängt sicher auch mit dem Saisonverlauf Hannovers zusammen. Nach gutem Beginn rutschte 96 in den Abstiegskampf. In Gladbach wird der 26-Jährige in der kommenden Saison in jedem Fall international spielen, wahrscheinlich sogar in der Königsklasse.

Stindl steht für Fairplay

Es steht aber außer Frage, dass dies nicht Stindls Hauptbeweggrund für den Transfer war. Gleiches hätte ihn im kommenden Jahr auch in Leverkusen, auf Schalke oder vermutlich spätestens in der Folgesaison auch in Dortmund erwartet. In seinem emotionalen Brief, den er via Twitter an die 96-Fans richtete, spricht der Kapitän darüber, bei den Fohlen den nächsten Entwicklungsschritt unternehmen zu wollen. Betrachtet man seine bisherigen Karriere-Entscheidungen, steckt in dieser oft rein phrasenhaften Aussage weit mehr Wahrheit, als zu erwarten ist.

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Es spricht ohnehin für Stindl, dass er so großen Wert darauf legte, seinen Wechsel den Fans der Niedersachen zunächst persönlich mitteilen zu können. Und die Vereine spielten mit. Erst nach der Veröffentlichung von Stindls Tweet verschickten auch die Klubs die entsprechenden Pressemitteilungen. Stindl ist ein fairer Sportsmann, ein Vorbild. In der Saison 2012/2013 wies er die DFL daraufhin, dass sie ihn mit nur vier statt fünf Gelben Karten führten und sperrte sich somit selbst für die nächste Partie.

Seine Entscheidung pro Gladbach spiegelt dies wieder. Sicher, das Paket von kolportierten 3,5 Millionen Euro Jahresgehalt, das die Fohlen Stindl zahlen sollen, ist eine satte Hausnummer. In Dortmund, Leverkusen oder auf Schalke hätte den Mittelfeldspieler aber kein Cent weniger erwartet - eher im Gegenteil. Dafür hat die Borussia und insbesondere Trainer Lucien Favre in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, Spielern eben genau diese Hilfe bei der Entwicklung zu bieten und schnellstmöglich Ergebnisse zu erzielen.

Parallelen zu Kruse und Hahn

Als Gladbach die Verpflichtungen von Andre Hahn und Max Kruse bekanntgab, hatte noch keiner von beiden ein Spiel in der A-Nationalmannschaft absolviert. Mittlerweile können beide sich als Nationalspieler bezeichnen, auch wenn sie bereits vor ihrer ersten Partie im Fohlen-Dress debütierten. Ein Schritt, den auch Stindl machen möchte.

Der gebürtige Speyerer, der schon mit drei Jahren das Fußballspielen begann, hat bis auf drei Auftritte in der U 20 und einen sehr unglücklichen Ausflug zur U 21 noch nie das deutsche Trikot getragen. Auch wenn Stindl dem Thema stets selbstreflektiert und gelassen entgegnete, ist ihm klar, dass seine Chancen auf einen Anruf Joachim Löws bei einem Verein wie Mönchengladbach deutlich besser sind.

Stindl ist aber auch für Borussia Mönchengladbach, das nicht erst seit 2012 um den 26-Jährigen buhlt, ein Glücksgriff. "Ich verfolge seinen Weg seit Karlsruher A-Jugend-Zeiten", erklärte Sportdirektor Max Eberl gegenüber SZ und ergänzte: "Vielleicht hat er sich auch deshalb für uns entschieden, weil wir ihm eine gut sichtbare Perspektive bieten konnten."

Gladbachs neue Möglichkeiten mit Stindl

Um seine Perspektive muss sich Stindl in Gladbach in der Tat keine Sorgen machen. Favres Wertschätzung für polyvalente Spieler ist hinlänglich bekannt, wie auch Eberl weiß: "Lars ist ein pflichtbewusster, kontrollierender, laufstarker Spieler, und in Hannover hat er schon auf der Acht, auf der Zehn und auf dem Flügel gespielt. So ein facettenreicher Spieler regt natürlich die Fantasie von Lucien Favre an."

Was Favre mit seinem Neuzugang, den man Dank dessen Ausstiegsklausel zum Schnäppchenpreis von drei Millionen Euro nach Gladbach holen konnte, in der kommenden Saison plant, ist noch völlig offen. Natürlich kann man nicht über die Verpflichtung Stindls sprechen, ohne gleichzeitig auch die Rückkehr Christoph Kramers zu Leverkusen zu berücksichtigen.

Ob Favre den Ex-Hannoveraner aber wirklich als den Nachfolger seines abwandernden Weltmeisters sieht, ist fraglich. Schließlich hat Stindl in Hannover eindrucksvoll bewiesen, dass ihm die Rolle vor dem defensiven Mittelfeld noch ein Stück weit besser liegt; eine Mischung aus offensivem Achter und Zehner, in der er nicht nur seine Bissigkeit in Zweikämpfen, sondern auch seine Torgefahr und sein gutes Auge ausspielen kann.

Was wird aus Nordtveit?

Gut möglich, dass Favre den Speyerer auch in der kommenden Saison auf dieser Position sieht. Eine Position, die Gladbach aktuell nur mit Raffael besetzen könnte, der dafür aber in der Rückwärtsbewegung zu schwach ist. Auch ein Abrücken vom traditionellen 4-4-2, in dem der Schweizer zu meist spielen lässt, hin zum modernen 4-2-3-1 mit Stindl zentral vor der Doppelsechs, ist denkbar.

Oder doch die konventionelle Doppelsechs als Nebenmann von Granit Xhaka, wodurch Havard Nordtveit die Möglichkeit hätte, eine Reihe nach hinten zu konvertieren und zum Innenverteidiger umzuschulen. Planspiele, die Favre bereits seit mehreren Jahren ausprobiert. So versucht sich Hahn der starken Konkurrenz geschuldet aktuell meist im Sturmzentrum statt auf dem Flügel.

Multifunktionswerkzeug Stindl

Lars Stindl erhöht die ohnehin schon mannigfaltigen Möglichkeiten des Gladbacher Spiels um eine weitere, bisher fehlende Komponente. Der 26-Jährige ist so flexibel einsetzbar wie ein Schweizer Taschenmesser. Im Notfall kann er sogar auf den Außen aushelfen, was angesichts der Fülle von hochkarätigen Gladbacher Flügelspielern allerdings eher selten der Fall sein dürfte.

Welchen Platz er in der kommenden Saison einnehmen wird, weiß vermutlich sogar Lucien Favre noch nicht genau und ist auch abhängig von den weiteren Verstärkungen. Sicher ist hingegen, dass er die Parallelen zu Kruse und Hahn unterbrechen wird. Zwar wurde auch sein Wechsel zu Gladbach im März bekanntgegeben, ein Debüt in der Nationalmannschaft im Mai, wie es Kruse 2013 und Hahn 2014 feierten, ist aber ausgeschlossen. Die nächste Länderspielpause ist erst im Juni angesetzt.

Das ist Lars Stindl

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