Die Jagd auf Supertalent Martin Ödegaard

Der Schatz von der Drammenselva

Mittwoch, 12.11.2014 | 20:55 Uhr
Martin Ödegaard lässt sich feiern - folgt bald der Abschied aus Norwegen?
© imago
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Ein Politikum in der Heimat, die Obsession der Klub-Elite in ganz Europa: Martin Ödegaard ist 15 Jahre alt und kann sich seinen nächsten Verein selbst aussuchen. Ein Wunderkind im Konflikt zwischen Privatjets aus Madrid und dem Wunsch nach normaler Entwicklung.

Gibt man auf YouTube "the next messi" in die Suchleiste ein, wird man förmlich von Videos erschlagen. "Etwa 4.370.000 Ergebnisse", heißt es rechts oben in der Ecke. Darunter reihen sich die Vorschaubildchen unzähliger Videos, von wackligen Handyaufnahmen bis zu polierten Hochglanzfilmchen.

Tomy, der achtjährige Sohn des ehemaligen Aston-Villa-Stürmers Juan Pablo Angel, dribbelt sich genauso durch hilflos überforderte Gleichaltrige wie Esmir - "The amazing 7 year old talent!" Sogar Alen Halilovic, der momentan für die zweite Mannschaft des FC Barcelona seine Stiefel schnürt, taucht auf. Zwischen dem kleinen Adam, der seine Kunststücke auf einem Kunstrasenplatz vorführt und dem - laut Uploader "Grace A" - besten dreijährigen Fußballer der Welt.

Es ist in Mode gekommen, verheißungsvollen Talenten prophylaktisch den Stempel "nächster Messi" aufzudrücken. Stuttgarts Marco Rojas kam als Kiwi-Messi ins Schwabenland, Milans Edel-Youngster Hachim Mastour wird als der marokkanische Messi gepriesen. Jetzt hat auch Norwegen seinen eigenen La Pulga: Martin Ödegaard.

"Noch nie einen derartigen Hype erlebt"

Davon ist zumindest in den Medien die Rede, wenn es um den 15-Jährigen geht, nach dem sich die Welt-Elite des Fußballs die Finger leckt. Dem Jungen, der erst in diesem Jahr seine Schulpflicht hinter sich gebracht hat. Aufgewachsen in Drammen, der Stadt am Drammensfjord, südwestlich der Hauptstadt Oslo, der Heimat von Biathlon-König Ole Einar Björndalen und ansonsten höchstens passionierten Lachsanglern aufgrund der Drammenselva ein Begriff.

Jetzt schickt sich der blonde Teenager an, der berühmteste Sohn der Stadt zu werden. "Der norwegische Fußball hat in seiner Geschichte noch nie einen derartigen Hype erlebt", erklärt Tore Ulrik Bratland, Sport-Journalist und Nationalmannschafts-Experte des norwegischen "Dagbladet" gegenüber SPOX. "Die Zeitungen schreiben jeden Tag über Martin. Aber letzte Woche hat alles einen Höhepunkt erreicht."

Spätestens der Bericht der "Sport Bild" über das Interesse von Bayern, Dortmund und Stuttgart spülte den Namen Martin Ödegaard auch in das Bewusstsein der deutschen Fußballfans. Es ist der Name eines Überfliegers, der gerade seine erste Saison als Profi hinter sich hat und einen Rekord nach dem anderen pulverisiert.

15 Jahre, drei Monate und 27 Tage war Ödegaard alt, als er am 13. April zum jüngsten Spieler in der Geschichte der Tippeligaen wurde, noch im Mai verewigte er sich als jüngster Torschütze in Norwegens höchster Spielklasse. Auf den Tag sechs Monate nach seinem Liga-Debüt trug er zum ersten Mal das Nationaltrikot, als er in der 63. Minute im EM-Quali-Spiel gegen Bulgarien unter Standing Ovations von 18.990 Zuschauern eingewechselt wurde. Als jüngster Spieler aller Zeiten in diesem Wettbewerb - natürlich.

Die Elite bringt sich in Position

Doch was macht den 15-Jährigen so gut - und zum momentan begehrtesten Youngster auf dem Planeten? "Er hat eine großartige Technik", sagt Bratland, der den Norweger für seine Ballbehandlung und Pässe in den Himmel lobt. "Er hat einen guten Überblick und weiß immer genau, wo in seiner Nähe Anspielstationen sind."

Für sein Alter hat Ödegaard eine herausragende Physis, im Vergleich mit älteren Spielern hat er im Eins-gegen-Eins, vor allem definsiv, aber noch Defizite. "Er hat aber einen Antrieb, den man nicht lernen kann. Man hat es einfach", schwärmt Bratland vom Youngster, der fünf Tore und sechs Assists in 23 Liga-Einsätzen sammelte. Mit 15 Jahren.

Ein Jahr Vertrag hat Ödegaard noch bei Strömsgodset IF. Jetzt bringt sich alles, was in Fußball-Europa Rang und Namen hat, in Position. Real Madrid schickte vergangene Woche einen Privatjet nach Oslo, um Ödegaard und seinen Vater Hans Erik abzuholen und ihnen das Trainingsgelände in Valdebebas zu zeigen. "Die beiden werden nicht darüber sprechen, aber es war in Norwegen auf den Titelseiten", sagt Bratland.

"Auch Barca war zwei oder drei Mal da"

Schon vergangenen Winter trainierte der als Jahrhunderttalent gehandelte Ödegaard mit den Junioren der Bayern, auch dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund haben die Ödegaards bereits einen Besuch abgestattet. "Seine Entwicklung hat unsere Einschätzung bestätigt. Wer in so jungen Jahren schon so durch die Decke schießt, ist sicher auch interessant für Bayern", erklärte Jugendkoordinator Michael Tarnat in der "Sport Bild". Auch BVB-Sportdirektor Michale Zorc erklärte es "natürlich zu unseren Aufgaben, solche Spieler zu sichten".

"Jürgen Klopp selbst hat mit mir gesprochen. Er hat mir den Verein vorgestellt, mir erzählt, was Dortmund über mich denkt und welche sportliche Perspektive sie mir bieten können", berichtet der Youngster bei der "Sport Bild" über den Besuch bei den Westfalen. In Skandinavien rumort es, dass auch Pep Guardiola persönlich bei Vater Hans Erik angerufen haben soll.

"Mehr als 30 Vereine aus dem Ausland waren die Saison über im Marienlyst Stadion, um ihn zu beobachten", erzählt derweil Bratland. Alleine Barcelona sei zwei oder drei Mal dagewesen. Ansonsten steht Ödegaard auf der Insel am höchsten im Kurs. Sein Lieblingsklub Liverpool und dessen Coach Brendan Rodgers haben ihn für eine Woche nach England eingeladen. Die beiden Manchester-Vereine mischen selbstredend auch im Poker um das Supertalent mit.

Ödegaard bleibt auf dem Boden

"Es ist natürlich schon immer ein Traum von mir gewesen, für solche Klubs zu spielen. Es ist cool, aber wirklich nichts, woran ich ständig denke", sagt Ödegaard, der es schafft, im ausufernden Hype einen kühlen Kopf zu bewahren. Er macht sich keine Gedanken um das große Geld. "Wenn ich jetzt abhebe, werde ich es in zehn Jahren nicht weit bringen", sagt er. "Ich muss jetzt noch nicht der Beste sein. Das weiß ich."

Auch der Vater rückt den finanziellen Aspekt - zumindest vorerst - in den Hintergrund. "Ich spreche mit keinem Klub über Geld", stellt er klar. "Der Verein, für den wir uns entscheiden, muss einen Plan für Martins sportliche Entwicklung haben. Das ist das einzig Wichtige. Wenn wir einen Klub finden, der uns dies bieten kann, bin ich sicher, dass wir uns auch über alles andere einig werden."

Dass dieser Klub aus der Bundesliga kommen könnte, ist für Ödegaard "absolut vorstellbar". "Es gibt so viele Optionen aus verschiedenen Ländern, im Moment ist sehr vieles vorstellbar", sagt der Vater. Die Bundesliga sei eine "ganz starke Liga". In einer Mini-Dokumentation über ihn für "TV2" bezeichnete der 15-Jährige unlängst den FC Bayern als besten Klub der Welt.

In seiner Heimat ist die Personalie Ödegaard derweil längst zum Politikum geworden. "Es gibt eine Debatte hier in Norwegen", erzählt Bratland. "Sein Potenzial ist großartig, aber er sollte nichts überstürzen." Ödegaards Landsleute aus der Bundesliga haben eine klare Meinung zur Zukunft des Wunderkinds. "Ich habe mit drei Norwegern aus der Bundesliga gesprochen - Skjelbred, Elyounoussi und Nordtveit", verrät Bratland. "Sie alle sagen, dass die Bundesliga für Martin der beste Platz der Welt wäre, um sich zu entwickeln."

"Und einer davon ist Messi"

Darüber, dass der 15-Jährige die Anlagen hat, überall durchzustarten, sind sich alle einig - nicht nur diejenigen, die ihn zum "Norwegischen Messi" hochgejazzt haben. "Das Potenzial ist wie gesagt da", meint der Experte. "Er ist einer der talentiertesten 15-Jährigen auf der ganzen Welt, aber er braucht Zeit, um sich zu entwickeln."

Ödegaard selbst sind die Vergleiche zu viel. "Es schmeichelt natürlich sehr, so viel Lob zu bekommen", erklärt der Youngster. "Aber man sollte sich nicht mit Spieler vergleichen, die schon so gut sind." Trotzdem schaue er natürlich auf zu den ganz Großen, um sich selbst zu verbessern. "Und einer davon ist Messi."

Marton Ödegaard im Steckbrief

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