Die Tapete soll schöner werden

Montag, 22.09.2014 | 18:16 Uhr
In Paderborn ist die Freude nach dem grandiosen Saisonstart groß
© getty
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Der selbsternannte krasseste Außenseiter der Bundesliga-Geschichte hat alle Kritiker Lügen gestraft. Statt Kanonenfutter ist der SC Paderborn nach vier Spieltagen Tabellenführer. Zum FC Bayern (Di., 20 Uhr im LIVE-TICKER) fährt der Aufsteiger mit viel Respekt, einer Menge Selbstvertrauen - und mindestens einem Punkt im Visier.

Ihre Trainingsutensilien holen sie aus einer alten Garage, der einzige Trainingsplatz hat nicht einmal eine Rasenheizung und zum Umziehen nach dem Training gehen die Spieler in die nahegelegene Hausmeisterwohnung. Das Stadion steht so dicht an einem Wohngebiet, dass es keine Abendspiele geben darf. Für die Nachbarn ist das zu viel Trubel und Lärm.

Der SC Paderborn, Bundesliganeuling mit der Seriennummer 53, ist in der perfekten Traumwelt des Profifußballs ein absolutes Unikat, ja fast schon ein Exot. Und dieser Exot, von vielen Seiten schon im Moment des Aufstiegs als Absteiger Nummer eins auserkoren, sorgt derzeit für ungläubige Blicke. Denn mit acht Punkten aus den ersten vier Partien grüßt Paderborn von der Tabellenspitze.

Konstanz hinter den Kulissen

"Alles bei uns ist ein Produkt harter Arbeit und kein Zufall", sagt ein stolzer Coach Andre Breitenreiter, der sich jedoch wie alle anderen Verantwortlichen im Klaren darüber ist, dass es mit dem kleinen Fußball-Märchen nicht ewig weitergehen wird. Doch der SCP fühlt sich noch pudelwohl in der Rolle des extremen Underdogs. Man betitelt sich als "krassesten Außenseiter der Bundesliga-Geschichte" (Breitenreiter). Alles andere als der Klassenerhalt wäre als Ziel "vermessen", so Manager Michael Born. Und dennoch ist man bislang ungeschlagen.

Für Born ist das lediglich "etwas für die Fans", den "Blick für die Realität" will er trotz aller Euphorie nicht verlieren. "Die Tabelle kann man ausschneiden. Daraus kann der Fanshop eine schöne Tapete machen", scherzt der 46-Jährige im "Kicker", der die Geschicke der Paderborner hinter den Kulissen seit drei Jahren wieder leitet. Born hat trotz eines harten Sparkurses einen Kader zusammengestellt, der der Bundesliga gewachsen ist.

Dem akribisch im Hintergrund arbeitenden Born steht Präsident Wilfried Finke zur Seite. Der Inhaber eines Möbel-Unternehmens rettete den Klub vor einem möglichen Bankrott und ließ sein Unternehmen viele Jahre als Trikotsponsor auf der Brust der SCP-Spieler prangen. Der Millionär ist ein Freund klarer Ansagen, vor der Saison forderte er zehn Punkte aus den ersten vier Spielen.

Kein Zufall auf dem Rasen

An der Seitenlinie agiert mit Breitenreiter ein Trainer, der Paderborn in der vergangenen Spielzeit in Liga zwei als potentiellen Absteiger übernommen hatte - und den Provinzklub zum besten Bundesligadebütanten seit 23 Jahren gemacht hat.

Der ehemalige Stürmer des HSV hat aus einem Haufen schwieriger Charaktere eine verschworene Truppe gebildet. Suleyman Koc wurde 2011 wegen Raubüberfälle in einer Bande verurteilt, jetzt ist er Stammspieler. Elias Kachunga fristete bei Mönchengladbach und Hertha BSC jahrelang ein trostloses Reservisten-Dasein, mittlerweile ist er Paderborns bester Torschütze.

Und Moritz Stoppelkamp war in seinen zwei Jahren bei Hannover als "Stolperkamp" verschrien. "Die Fans von 96 haben mich damals gemobbt und ausgepfiffen, das war nicht schön", sagte der Mittelfeldspieler am Samstag, nachdem er seinem Ex-Klub ein Tor aus knapp 83 Metern eingeschenkt hatte. Bundesligarekord.

Im beschaulichen Städtchen an der Pader funktionieren sie alle. "Die Jungs zeigen Woche für Woche, dass sie sich weiterentwickeln, den nächsten Schritt gehen - und dass wir den begeisternden Fußball auch in der ersten Liga spielen können", sagt Breitenreiter im "ZDF". Neben dem Teamgeist stehen taktische Disziplin und Variabilität beim gebürtigen Niedersachsen an oberster Stelle.

"Die Jungs wissen, was sie zu tun haben"

"Wir versuchen, variabel zu spielen. Die Jungs wissen, was sie im jeweiligen System zu tun haben", lobt der Coach sein Team, das mit enormer Laufbereitschaft (durchschnittlich 115 Kilometer) und 217 Sprints pro Partie aggressiv gegen den Ball spielt und mit schnellem Umschaltspiel agiert.

Während man versucht, sich in der eigenen Hälfte spielerisch zu befreien, geht es Richtung gegnerisches Tor blitzschnell. Auf Ballbesitz wird wenig Wert gelegt, die Bälle sollen schnell in die gefährliche Zone. 23 Prozent aller Pässe sind laut OPTA über eine Distanz von mehr als 30 Metern, kein anderes Team der Liga agiert so viel mit weiten Bällen. Dabei glänzt der Aufsteiger mit einer Passquote von 47 Prozent, bei langen Zuspielen ein überdurchschnittlicher Wert.

Auch hier hilft, dass der SCP eine Mannschaft ist, die sich aus dem Effeff kennt. Die Spieler stammen zu großen Teilen aus der Aufstiegssaison, Neuzugänge wie Stoppelkamp oder der mittlerweile fest verpflichtete Kachunga haben sich im Eiltempo integriert. Die Brust beim Liganeuling ist breit, mit viel Selbstvertrauen reist der Sportclub jetzt als Spitzenreiter nach Süden - zum ersten Meisterschaftsspiel der Paderborner Geschichte gegen den Rekordmeister (Di., 20 Uhr im LIVE-TICKER).

Die rote Arena im Blick

"Die Allianz Arena war für uns eine besondere Motivation in der letzten Saison. Nachdem wir dort gegen 1860 eingelaufen sind, haben wir uns gesagt: Wir kommen wieder, wenn das Stadion rot und voll ist", freut sich Breitenreiter auf das "echte Spitzenspiel" (Stoppelkamp) und stellt klar: "Wir fahren nicht hin, um Fotos mit den Weltmeistern zu machen."

Und hätte man vor der Saison noch darüber diskutiert, wie viele Tore Paderborn in der Allianz Arena kassiert, schrillen bei den Bayern die Alarmglocken. Nicht zuletzt der HSV hat gezeigt, dass es gegen die aktuellen Bayern mit aggressivem Spiel gegen den Ball, einem guten Defensivkonzept und etwas Glück zum Punktgewinn reichen kann.

"Höllisch aufpassen", müsse der Rekordmeister, warnte Jerome Boateng am Tag vor dem Aufeinandertreffen. "Die haben Spaß an der Bundesliga. Das sieht man. Das wird nicht einfach." Auch Pep Guardiola will den Underdog, der beim haushohen Favoriten nichts zu verlieren hat, auf keinen Fall unterschätzen: "Wenn sie gewinnen, ist es eine große Überraschung, wenn sie verlieren, ist alles okay."

Ein großer Moment für die Geschichte des kleinen Klubs wird es allemal - egal, ob Sieg oder Niederlage. "Wir freuen uns, uns mit den Weltmeistern messen zu dürfen", gibt sich Manager Born zurückhaltend. Anders als Präsident Finke, der fest daran glaubt, "dass wir nicht mit null Punkten nach Hause kommen". Und wer weiß: Vielleicht wird die Tapete dann ja noch schöner.

Der SC Paderborn im Überblick

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