Freitag, 06.07.2012

Wolfgang Niersbach will keine Schnellschüsse

Noch keine Technik in der Bundesliga

Die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) haben am Donnerstag in Zürich grünes Licht für die Einführung der Torlinientechnologie gegeben, doch ob und wann diese eingeführt wird, bleibt fraglich. Die Entscheidung obliegt den einzelnen Ländern und Ligen. FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke jedenfalls zeigt sich skeptisch. Zumindest in der Bundesliga wird es so schnell keine Einführung geben.

In der Bundesliga und dem DFB-Pokal wird es in naher Zukunft keine technischen Hilfsmittel geben
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In der Bundesliga und dem DFB-Pokal wird es in naher Zukunft keine technischen Hilfsmittel geben

"Ach, der DFB", sagte FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke und wirkte gequält: "Der Ball liegt nun bei ihnen und bei allen anderen Verbänden." Der Ausspruch hatte etwas Symbolisches. Der Weltverband und die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) haben mit der Einführung der Torlinientechnologie zwar die Technik-Revolution entfacht - doch wie schnell und wie weit sie auf die Fußballplätze dieser Erde getragen wird, bleibt Aufgabe der einzelnen Länder und Ligen.

IFAB gibt grünes Licht für Torlinientechnologie

Erste Reaktionen vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) fielen entsprechend positiv und zurückhaltend zugleich aus. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bewertete das grüne Licht für die Einführung der Torlinientechnologie zwar als "Schritt in die richtige Richtung", pfiff aber Gedankenspiele über eine Umsetzung für den DFB-Pokal und die Bundesliga schon in der anstehenden Saison zurück. "Schnellschüsse in der Umsetzung darf es nicht geben. Zur neuen Saison ist eine Einführung absolut unmöglich", sagte Niersbach.

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Ähnlich äußerte sich Liga-Präsident Reinhard Rauball. Der Einsatz der Torlinientechnologie in der kommenden Spielzeit sei "absolut ausgeschlossen", sagte Rauball. "Ich kann mir das frühestens zur Saison 2013/2014 vorstellen."

Die Bundesliga reagierte durchweg positiv, auch wenn es warnende Stimmen gab, den Einsatz von Technik nicht zu übertreiben. "Es ist vernünftig und sinnvoll. Dabei sollte es dann aber auch bleiben", sagte etwa Dortmunds Vorstandsvorsitzender Hans-Joachim Watzke.

"Eines darf nicht passieren: Dass es minutenlange Diskussionen gibt. Das würde der Sache nicht gut tun. Es ist im Stadion vor 50.000 Zuschauern nur schwer zu kontrollieren, wenn man erst mal drei Minuten in Klausur geht." Ähnlich äußerte sich Gladbachs Sportdirektor Max Eberl: "Es sollte die einzige technische Gegebenheit bleiben und nicht weiter ausgeweitet werden auf andere Entscheidungen des Spiels."

Bis zu 200.000 US-Dollar pro Stadion

Der DFB, die Liga und die Klubs müssten ohnehin für die Installation der beiden Systeme Hawk Eye oder GoalRef - wie in anderen Ländern auch - selbst aufkommen. 150.000 bis 200.000 US-Dollar pro Stadion kostet die Ausstattung mit einem der beiden Systeme. Die FIFA hält dies für zumutbare Summen. "Wenn man bedenkt, wie teuer ein Stadion ist, sind diese Kosten zu rechtfertigen", sagte Valcke. Es gehe beim Fußball um so viel Geld. Dafür gebe es nun die Garantie, dass es künftig keine Fehlentscheidungen mehr bei der Torfrage gebe. Und die Kosten würden sinken, da der Markt nun "offen" sei.

Die FIFA geht davon aus, dass der Einsatz der Torlinientechnologie im nächsten halben Jahr realistisch ist und schlüpft in die Rolle des Vorreiters. Die Premiere wird es im Dezember bei der Klub-WM in Japan geben. Geplant ist die Nutzung dann auch beim Konföderationen-Pokal 2013 sowie ein Jahr später bei der WM, jeweils in Brasilien. Die FIFA will alle Stadien dort "als Vermächtnis" mit der Technik auf eigene Kosten ausstatten.

Technik-Einsatz nur bei Torfrage

Fragen sind am Donnerstag, den FIFA-Boss Joseph Blatter als "historischen Tag für den Fußball bezeichnete", aber offen geblieben. So ist noch nicht klar, wie die Europäische Fußball-Union UEFA, dessen Präsident Michel Platini bekennender Kritiker der Torlinientechnologie ist, mit dem Einsatz der Technik umgehen wird. Werden die Systeme auch in der Champions League und Europa League zum Einsatz kommen? Wenn ja, ab wann und bei welchen Spielen? Auch in der Qualifikation bei kleineren Vereinen, für die 200.000 US-Dollar eine große finanzielle Belastung sind?

Eine Sorge hat Blatter den Skeptikern der Technik-Revolution genommen. "Der Fußball wird sein menschliches Gesicht behalten. Da kann ich meinen Freund Michel Platini beruhigen", sagte der 76 Jahre alte Schweizer: "Außerhalb der Tortechnologie braucht man die Kameras beim Fußball nur für die TV-Bilder."

Reaktionen aus der Bundesliga:

Hans-Joachim Watzke (Vorstandsvorsitzender Borussia Dortmund): "Es ist vernünftig und sinnvoll. Dabei sollte es dann aber auch bleiben. Ich stehe der Torlinientechnik grundsätzlich nicht skeptisch gegenüber. Nur eines darf nicht passieren: Dass es minutenlange Diskussionen gibt. Der Fußball boomt derzeit wie noch nie zuvor. Wenn etwas boomt, habe ich sorgen, dass man zu viel ändert und es nicht mehr boomt. Wir dürfen keine Diskussionskreise eröffnen. Es muss innerhalb von einer oder zwei Sekunden klar sein, wie eine Entscheidung läuft. Aber es darf nicht zu einer Unterbrechung kommen oder eine Auszeit genommen werden. Das würde der Sache nicht gut tun. Es ist im Stadion vor 50.000 Zuschauern nur schwer zu kontrollieren, wenn man erst mal drei Minuten in Klausur geht."

Frank Arnesen (Sportdirektor Hamburger SV): "Diese Entscheidung ist längst überfällig. So wird auch Druck von den Schiedsrichtern genommen. Die geraten doch völlig unnötig in die Schusslinie wenn sie auch zu sechst nicht erkennen, dass ein Ball die Torlinie überquert hat."

Horst Heldt (Manager FC Schalke 04): "Ich denke, dass es eine gute Entscheidung ist. Wir beschäftigen uns in Deutschland damit bekanntlich schon länger. Unser Liga-Präsident Reinhard Rauball hat angedeutet, dass man die Technologie 2013 einführen kann. Das ist doch toll. Es gilt, das Spiel gerechter zu machen, die Schiedsrichter zu schützen und zu unterstützen. Ich glaube, dass man sich von dem Gedanken verabschieden muss, dass das auf dem Amateurniveau bleibt. Der Fußball hat sich weiterentwickelt und ist in vielerlei Hinsicht professioneller geworden. Und ich glaube, dass man da noch den letzten Schritt machen kann."

Max Eberl (Sportdirektor Borussia Mönchengladbach): "Generell ist das Tor das Ziel des Spiels und das gilt es sicher zu bewerten. Deshalb finde ich die Einführung gut. Aber es sollte die einzige technische Gegebenheit sein und bleiben und nicht weiter ausgeweitet werden auf andere Entscheidungen des Spiels, wie etwa Foul oder Abseits. "

Armin Veh (Trainer Eintracht Frankfurt): "Ich bin ganz klar für die Torlinientechnologie. Wenn man sich anschaut, was die Torrichter bei der EM veranstaltet haben, ist das die einzig ernsthafte Alternative."

Klaus Allofs (Geschäftsführer SV Werder Bremen): "Das ist die richtige Entscheidung. Man hat bei der EM gesehen, dass manche Situationen für das menschliche Auge einfach zu schnell sind. Wenn sich die Torlinientechnologie bei den ersten Praxistests bewährt, wäre ich dafür, sie so schnell wie möglich auch in der Bundesliga zum Einsatz zu bringen. Ich bin allerdings nicht dafür, andere Entscheidungen wie beim Abseits oder bei Foulspiel mit technischen Hilfsmitteln zu bewerten. Das würde den Charakter des Spiels zu sehr verändern."

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