Mit eigener Identität und eigener Stärke

Von Für SPOX am Gardasee: Fatih Demireli
Dienstag, 17.07.2012 | 23:02 Uhr
Matthias Sammer will die fehlenden Prozente bei den Bayern suchen und korrigieren
© spox
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Mit Matthias Sammer läutet der FC Bayern eine neue Ära ein. Der Sport-Vorstand hat klare Vorstellungen, wie der Rekordmeister wieder zur alten Stärke findet - aber vor allem wieder Titel holt. Die Basis sieht Sammer dafür geschaffen, will aber die "fehlenden 2,3 Prozente" suchen, analysieren und korrigieren. Großes Lob gibt's für den Trainer, aber auch für Arjen Robben.

Der FC Bayern hatte am Freitag zur Pressekonferenz geladen, um Mario Mandzukic, einen der teuersten Neuzugänge der Vereinsgeschichte, an der Säbener Straße vorzustellen.

Das Interesse galt aber weniger dem Kroaten, sondern vielmehr Matthias Sammer, der in seiner neuen Funktion als Sport-Vorstand der FC Bayern München AG den Neuzugang der Profi-Mannschaft präsentierte. Alle Nachfragen zu seiner Person wimmelte Sammer ab und verwies auf "demnächst".

Nicht schwer zu erraten, dass mit "demnächst" das Trainingslager im Trentino gemeint war. Dort angekommen, kündigte der FC Bayern Matthias Sammers Erklärungen für Dienstag an.

Doch das Warten hatte auch da kein Ende. Bayerns Sport-Vorstand nahm sich Zeit, viel Zeit, um im Medienzentrum zu erscheinen und endlich zu erläutern, was er mit den Bayern sehr bald aber auch in den nächsten Jahren vorhat.

"Im Schleudertrauma"

Als Sammer im Trainingsoutfit endlich vorstellig wurde und mit einem herzlichen "Buongiorno" die Medienvertreter begrüßte, begann wohl die längste und ausführlichste Erklärung einer handelnden Person des FC Bayern der letzten Jahre. Fast eine Stunde lang dozierte Sammer über seine Vorgehensweise, seine Ideen und seine Erwartungen.

Rund zwei Wochen hat Sammer beim FC Bayern schon hinter sich: Zwei Wochen, die er der Akklimatisierung in München widmete. Kein leichtes Unterfangen.

"Die ersten zehn Tage hatte ich ein Schleudertrauma. Ich wusste nicht, wo rechts, links, oben, unten ist. Das normalisiert sich langsam", so Sammer. Die ersten Erkenntnisse ließen nicht lange auf sich warten.

"Der FC Bayern ist ein großer Klub, man sieht es, man fühlt es. Es gilt, auf einem starken Fundament die fehlenden zwei, drei Prozente zu suchen und zu analysieren, damit es nicht wieder der zweite Platz wird."

Sammer will eigene Identität schaffen

Erfolgsmensch Sammer, dem schon zu DFB-Zeiten jedes Lob über ein erreichtes Halbfinale oder einen zweiten Platz zuwider war, kennt nur ein Ziel: "Erster werden." Der Weg dorthin wird kein einfacher: "Es wird Schwierigkeiten geben."

Vor allem in der Ver- und Aufarbeitung der letzten Saison: "Wir brauchen eine Aufbruchsstimmung, weil wir in einer guten letzten Saison nichts Greifbares hatten."

Deswegen legt Sammer neue Schwerpunkte. "Eigene Identität schaffen", lautet der Titel seines Groß-Projekts. Gebetsmühlenartig wiederholt er sein Credo. Es sei die eigene "Identität", die jeder Einzelne beim FC Bayern schaffen müsse und brauche, um folglich als Team zum Erfolg zu kommen.

"Mia san Mia ist prima, aber auf Dauer ist 'prima' nicht genug", sagt Sammer und will dem FC Bayern eine Mentalität einhauchen, die in den nächsten Jahren den Klub prägen soll. "Ich will Inhalte auf und neben dem Platz in den Mittelpunkt stellen: Wenn wir das nicht tun, werden uns immer die letzten Prozentpunkte fehlen."

"Brauchen nirgendwo hinschauen"

Der Weg zum Erfolg ist nach Sammers Ansicht kein Hexenwerk: "Seit 2001 haben wir keinen internationalen Titel im deutschen Fußball geholt und die Tatsache, dass wir das mal geschafft haben, sollte uns erinnern, was die damals gut gemacht haben. Wir leben in einer anderen Zeit, in einer neuen Generation, aber die Erfolgsformel bleibt die gleiche."

Sammers Erfolgsformel ist mittlerweile bekannt: Auf die eigene Stärke besinnen, nicht zu sehr auf die Konkurrenz aus Dortmund schauen: "Wir brauchen unsere eigene Identität und unsere eigene Stärke. Wir brauchen Nirgendwo hinschauen, das hat mit Dortmund nichts zutun. Die wahre Stärke liegt in der eigenen Denkweise und in der eigenen Orientierung. Nicht nur, weil es Bayern München ist."

Dass er von Vergleichen nichts hält, erklärt Sammer an einem Beispiel aus alten Zeiten: "1993 hieß es bei Borussia Dortmund: 'Die Platzierung ist nicht so wichtig, Hauptsache wir schlagen Schalke zweimal.' Ich habe gesagt: 'So lange diese Denkweise im Klub herrscht, dass wir unser eigenes Gedankengut vermischen mit anderen Faktoren, werden wir keine eigene Stärke entwickeln.'"

Lob für Arjen Robben

Um kurzfristig Erfolg herzustellen, wirkt Sammer auf die Mannschaft ein, will Gespräche mit Spielern führen, um auch Strömungen, Sicht- und Denkweisen kennenzulernen. Den Anfang machte er mit Arjen Robben, von dem er einen "hervorragenden Eindruck" habe.

Sammer sagt: "Er ist sehr wach, sehr aufgeräumt, sehr dynamisch. Wir haben ein Gespräch miteinander geführt. Ich habe versucht ihm zu signalisieren, dass ein Spieler von uns nicht alleine stehen kann und wir ihn als FC Bayern stärker schützen müssen. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich viel von ihm erwarte."

Die Worte Sammers haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Robben ist in den ersten Trainingstagen ein Aktivposten, in Abwesenheit der deutschen Nationalspieler Wortführer und Taktgeber: Ganz nach dem Gusto Sammers, der von der Devise "Der Star ist die Mannschaft" nichts hält: "Der Slogan hat 1996 jegliche Individualität kaputt gemacht, weil du das Anderssein nicht zugelassen hat. Wir brauchen Individualisten wie Robben und Ribery, aber diese Spieler müssen auch wissen, dass sie alleine nicht funktionieren."

Verhältnis zu Heynckes "exzellent"

Nicht nur bei Robben ist Sammers Ankunft angekommen - auch beim Trainer Jupp Heynckes, der viel Elan und Einsatzfreude an den Tag legt und im Eifer des Gefechts sogar einen Muskelfaserriss im Training erlitt. "Ich bin froh, über die Art und Weise, wie der Trainer mich aufgenommen hat. Das Verhältnis ist exzellent", betont Sammer.

Sogar zu gut? "Ich habe ihm zwischendurch mal gesagt: 'Trainer, ich weiß gar nicht, ob es so gut ist, dass wir ein so gutes Verhältnis haben.' Aber es ist überragend", scherzt Sammer, der in der Neuausrichtung beim FC Bayern die Position des Trainers nicht sonderlich berühren will. "Jupp Heynckes ist ein erfahrener Mann. Der Sportdirektor wird dem Trainer nicht rein reden."

Sammer sieht sich beim FC Bayern nicht als Messias. Dass nach seiner Verpflichtung in der Berichterstattung zu viel Euphorie aufkam und seine Rolle in den Fokus gerückt wurde, gefiel dem Trainer nicht. "Ich möchte meine Bereitschaft signalisieren auf den Klub zuzugehen und nicht umgekehrt. Es liegt an mir, mich in einem funktionierenden Klub zu integrieren und mich anzupassen, aber auch eigene Vorstellungen und Ideen einzubringen. Es gebietet sich eine gewisse Bescheidenheit."

Bescheiden in der eigenen Darstellung, stark im Auftreten als Klub. Das ist Sammers FC Bayern der Zukunft.

Matthias Sammer im Steckbrief

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