Jannik Vestergaard im Interview

"Matthias Sammer hat sich ins Zeug gelegt"

Von Interview: Haruka Gruber
Mittwoch, 07.03.2012 | 20:44 Uhr
Jannik Vestergaard hat mit 19 Jahren den Sprung zum Stammspieler in Hoffenheim geschafft
© Getty
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Sein Vater ist dänischer Pianist, seine Mutter deutsche Cellistin. Sein Land ist Dänemark, seine Heimat Deutschland. Der 19-jährige Jannik Vestergaard gehört als Wandler zwischen den Kulturen zu den Überraschungen der Saison. Hoffenheims große Entdeckung über Matthias Sammers Werben und seine Vergangenheit als Target Man.

SPOX: Hoffenheims Jugendarbeit wird kritisiert, weil die hohen Investitionen in keinem Verhältnis zum Ertrag stehen würden. Sie sind der Erste, dem aus der zweiten Mannschaft nachhaltig der Sprung in die Stammelf der Profis gelang. Warum ausgerechnet Sie?

Jannik Vestergaard: Ich habe zu wenig Einblick, um über die Zeit vor mir zu sprechen. Bei mir lief es so wie es mit den Verantwortlichen abgesprochen war und wie ich es mir erhofft hatte. Ich wechselte im Sommer 2010 aus Dänemark nach Hoffenheim und durfte ab Herbst 2010 bei den Profis mittrainieren. Nach der Saison 2011/12 sollte ich fest zum Bundesliga-Kader gehören. Dass es schneller ging, ist umso erfreulicher.

SPOX: Fühlten Sie sich nicht überfordert, als 19-Jähriger in eine kriselnde Mannschaft zu kommen?

Vestergaard: Überfordert? Eigentlich nicht. Ich hatte aber auch erwartet, dass ich etwas nervöser bin oder dass ich mit dem Tempo nicht zurechtkomme. Da ich aber ein Jahr lang bei den Profis trainieren und parallel bei der Zweiten Spielpraxis sammeln konnte, verlief der Übergang reibungslos, weil schrittweise das Niveau gesteigert wurde. Ganz wichtig: Ich bekam die nötige Zeit.

SPOX: Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen Regionalliga und Bundesliga.

Vestergaard: Die Anforderungen in der Bundesliga sind um einiges höher, das stimmt. Uns wurde jedoch schon in der Zweiten eingebläut, dass man sich keine Pausen erlauben darf und immer konzentriert bleiben muss.

SPOX: Sie sagen, dass der ehemalige Hoffenheim-II-Coach und heutige Schalker Co-Trainer Markus Gisdol Ihre bisher wichtigste Bezugsperson der Karriere ist.

Vestergaard: Herr Gisdol ist nicht nur taktisch unglaublich gut ausgebildet. Er bringt einem auch die fundamentalen Dinge des Fußballs bei. Erst unter ihm verstand ich, um was es im Fußball wirklich geht. Dass ich mit dem Ball am Fuß nicht rumdaddeln, sondern ihn auch mal nach vorne hauen muss. Dass ich mich erst auf das Wesentliche konzentrieren muss, bevor die Kür kommt.

SPOX: Hatten Sie Defizite, weil Sie kein gelernter Innenverteidiger sind? Sie spezialisierten sich erst vor drei Jahren auf die Position.

Vestergaard: Vielleicht. Ich wurde immer in der Offensive eingesetzt: Erst auf den Außen und im Mittelfeld, dann im Sturm. Erst als ich 16 Jahre alt war, kam ein dänischer Auswahltrainer auf die Idee, mich in der Abwehr auszuprobieren.

SPOX: Und dann?

Verstergaard: Ich verliebte mich sofort in die neue Position. Früher war ich mit meinen fast zwei Metern Größe ein klassischer Target Man, der sehr viele Tore erzielt hat. Aber als ich in der Innenverteidigung auflief und die ersten Zweikämpfe gewann, merkte ich, wie sehr ich das Verteidigen liebe. Es gibt mir einen viel größeren Kick, einen wichtigen Zweikampf zu gewinnen, als vorne auf Tore zu lauern. Viele glauben es mir nicht, aber die Innenverteidigung ist eine geile Position!

SPOX: Spätestens seit Stale Solbakken Köln trainiert, ist bekannt, dass in Skandinavien die Vierer-Abwehrkette anders gespielt wird als in Deutschland. Was genau ist anders?

Vestergaard: In Skandinavien agiert die Kette vielmehr auf einer Linie und es wird häufiger auf die Abseitsfalle vertraut. Das heißt: Die Abwehrspieler sichern sich weniger ab. In Deutschland hingegen wird in der Kette mehr verschoben: Wenn ein Innenverteidiger alleine steht, rückt der Außenverteidiger mit ein, um diesem zu helfen. Die Varianten haben Vor- und Nachteile, aber ich komme mit beiden Philosophien zurecht.

SPOX: Sie sind als Fußballer wie auch als Mensch ein Wandler zwischen zwei Kulturen: Sie spielen als Sohn eines Dänen und einer Deutschen für den dänischen Verband und stehen bei einem deutschen Klub unter Vertrag. Fühlen Sie sich mehr dänisch oder deutsch?

Vestergaard: Definitiv mehr dänisch. In Dänemark gelte ich zwar als Deutscher, weil ich diese typisch deutschen Tugenden wie Ordnung und Disziplin in mir habe. Aber wenn ich in Deutschland bin, merke ich schon, dass mir diese lockere Mentalität der Dänen etwas näher ist.

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SPOX: Was kaum jemand weiß: Mütterlicherseits war Ihre Profikarriere vorbestimmt. Ihr Onkel Jan Schröers war deutscher Junioren-Nationalspieler, Ihr Großvater Hannes Schröers stand in Uerdingen, Düsseldorf und West Ham unter Vertrag. Wie sehr wurden Sie davon geprägt?

Vestergaard: Wir haben die Sommerferien häufig bei meinem Opa in einem ganz kleinen Dorf in der Nähe von Krefeld verbracht. Direkt in der Nähe vom Haus meines Opas gab es einen Aschenplatz und ich bin früher mit meinem Opa und meinem Vater jeden Tag dahin gelaufen, um den ganzen Tag Fußball zu spielen, bis es dunkel wurde oder es anfing zu regnen. Mein Vater war als Balljunge eingeteilt, mein Opa stellte sich als Mauer hin und mein Ziel war es, jeden Freistoß um ihn herum ins Tor zu schlenzen. Das waren die perfekten Sommertage.

SPOX: Wegen Ihren deutschen Wurzeln bemühte sich DFB-Sportdirektor Matthias Sammer um Sie. Warum lehnten Sie ab?

Vestergaard: Ich fühle mich nun mal als Däne. Es ist ein riesiges Kompliment, wenn eine Persönlichkeit wie Matthias Sammer sich so ins Zeug legt. Dennoch ändert es nichts an meinem größten Traum, eines Tages für die dänische A-Nationalmannschaft ins Stadion einzulaufen und laut die Hymne mitzusingen.

SPOX: Wie lief die Kontaktaufnahme von Sammer?

Vestergaard: Kurz nach meinem Wechsel von Bröndby Kopenhagen nach Hoffenheim trafen wir mit der dänischen U 19 auf die deutsche U 19 - und wir verloren 0:3. Aber offenbar habe ich ganz okay gespielt und der DFB rief mich daraufhin an. Nach einer kurzen Bedenkzeit habe ich mich entschieden.

SPOX: In Dänemark eröffnen sich nach Bo Svenssons Kreuzbandriss und Ihrem Aufstieg zur Bundesliga-Stammkraft neue Perspektiven: Plötzlich scheint selbst eine Nominierung für die EM möglich. Gibt es Kontakt zu Nationaltrainer Morten Olsen?

Vestergaard: Wir haben keinen Kontakt und ich verschwende ganz ehrlich keine Gedanken an die EM. Alleine schon, weil Dänemark über so viele gute Innenverteidiger verfügt. Daniel Agger spielt seit Jahren in Liverpool, Simon Kjaer ist beim AS Rom, und Andreas Bjelland und Mathias Jörgensen wechseln nicht umsonst zur kommenden Saison in die Niederlande zu Twente und PSV. Ich bin noch jung und nach der EM wird es genügend Möglichkeiten geben.

SPOX: Haben Sie ein Vorbild?

Vestergaard: Daniel Agger. Er hat alles, was ein moderner Weltklasse-Innenverteidiger mitbringen muss. Außerdem ist er ein echter Typ. Ich versuche in Hoffenheim langsam Verantwortung zu übernehmen, um irgendwann so vorangehen zu können wir er.

Das dänische Abwehrjuwel: Jannik Vestergaard im Steckbrief

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