Massenhypnose mit Dr. Weidenfeller

Von Stefan Moser / Marc-Jakob Obst
Montag, 12.09.2011 | 21:00 Uhr
Gesten wie Vincent Raven und ein abgeschlossenes Soziologie-Studium: Dr. Roman Weidenfeller
© Getty
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Da hatte man gedacht, das hodenlose Niveau sei mit der Frauen-WM endgültig Geschichte. Und dann lässt sich Freiburg mit einem Ergebnis vom Platz fegen, das selbst im Damentennis für Gerede sorgen würde. Macht aber nix! Denn den Kalauer nimmt gerne mit: Die Alternative Liste des 5. Spieltags.

1. Vorrede: Eigentlich wäre Fritz von Thurn und Taxis ja ein perfekter Märchenonkel für Kinder: Sonore Stimme, Erfindungsreichtum bei Namen und Fakten, kaum Interesse an der Realität. Wäre da nur nicht dieser latente Eindruck der permanenten sexuellen Belästigung, wenn er brunftig Sätze brüllt wie: "Reisinger, dieser burschikose Niederbayer, wird von Lahm hart genommen!" Irgendwie bleibt dabei immer das Gefühl: In Fritz von Thurn und Taxis' Unterbewusstsein möchte man nur ungern Gast sein.

2. Familienduell: Hundert Leute haben wir gefragt: Nennen Sie Dinge, die fast so schnell einknicken wie Kölner Stürmer im Nürnberger Strafraum! Los geht's: Gut geölte Scharniere, Strohhalme, der Gesundheitsminister vor der Pharma-Lobby, die Quoten der "Alm", nachdem auf Badeszenen verzichtet wurde. Alles richtig! Lange lebe Werner Schulze-Erdel!

3. Apropos Einknicken: Natürlich hat der HSV mit Paolo Guerrero (TuT: "Der androgyne Peruaner") und David Jarolim ("Der bucklige Tscheche") ein paar wirklich knochenharte Hurensöhne in seiner Mannschaft. Und trotzdem geht der "Filippo Inzaghi School of Acting Award" auch an diesem Wochenende wieder an Marko Marin. Für sein Stück: "Via Dolorosa. Mein Weg von der Mittellinie bis zum Sechzehner."

4. Apropos Leidensweg: Jürgen Klinsmann war innerlich total zerrissen. Da kam der neue US-Coach extra nach Stuttgart ins Stadion, um Hannovers Cherundolo zu scouten.

Und was macht sein Kapitän? Holt sich eine Platzwunde, hebt beim ersten Gegentor das Abseits auf und greift beim zweiten zu spät an. Für Klinsmann ein innerer November. Eigentlich. Doch weil das Leben eine Bitch ist, platzierte es um ihn herum auf der VIP-Tribüne einen ganzen Mob jubelnder und feiernder Schwaben. Gute Arbeit, Schicksal, eine echte harte Probe. Ami oder Schwabe? Das war nun die Frage. Nach kurzem Kampf entschied sich Klinsi, natürlich, für: Mitjubeln.

5. Das Twitter-Fundstück der Woche: Kleine Fußnote zur Länderspiel-Woche: "Die Darstellung im Buch ist eine andere, als sie dargestellt wurde." (Philipp Lahm, Schriftstellerdarsteller)

6. Infos aus erster Hand: In der Bewertung der Szene gab es keine zwei Meinungen. Leverkusens Schwaab haut Augsburgs Mölders kurz vor der Strafraumgrenze um: Notbremse! Freistoß und Rot wäre die richtige Entscheidung gewesen. Aber weil der FCA ein Stiefkind des Schicksals und Schiri Zwayer ein Handlanger des Backlash ist, gab er in der Schlüsselzene eben nur Freistoß und Gelb. Sinngemäß so unterhielten sich auch Manager Andreas Rettig und ein Fieldreporter nach dem Spiel und waren sich in allem furchtbar einig. Bis plötzlich der leicht erhitzte Mölders selbst ins Interview platzte: "Jeder hat die Fernsehbilder gesehen, da muss man nicht mehr dazu sagen, klarer Fall, ein eindeutiger Elfmeter!" Da staunte selbst Rettig ein kurzes "Hä?!" in die Mixed Zone.

7. Haben Sie gelesen? Während der Woche kam das Gerücht auf, wir wollten den österreichischen Fußball nun komplett in die Steinzeit zurückballern! Am Samstag aber dann doch das Dementi: "Ich war zwar beim Länderspiel in Österreich, aber ich habe mich nicht als Trainer angeboten. Ich biete mich überhaupt bei niemandem an. Außer bei meiner Frau!" So sprach Otto Rehhagel und ließ den Kelch vorübergehen. Außer an seiner Frau.

8. Dr. Dipl. Soz. Roman Weidenfeller: Um als öffentliche Person die öffentliche Masse zu beeinflussen, muss man differenzieren - und zwar am besten moralisch aufgeladen. Mit herunter gelassenen Hosen etwa Zwetschgen und Pflaumen auseinander zu halten, ist zwar cool, hilft aber nichts. Es fehlt die Ideologie.

Viel besser ist, zum Beispiel, zwischen "Fans" und "Zuschauern" zu unterscheiden. So wie Roman Weidenfeller. "Die Zuschauer müssen sich daran gewöhnen, dass hier ab und zu mal ein Geduldsspiel herrscht und wir nicht jeden Gegner mit 4:0 an die Wand spielen. Und ich betone: Zuschauer und nicht Fans", sagte Dortmunds-Keeper nach der Niederlage gegen Hertha und blickte dabei so weise drein, wie ihm nur irgend möglich.

Und clever war's ja auch: Denn Weidenfeller bebauchpinselte damit nicht nur die echten "Fans", sondern erklärte den doofen "Zuschauern" auch gleich, wie sie sich künftig zu verhalten haben, wenn sie auch zur Gruppe der Wahren, Guten und Schönen gehören wollen. So wird's gemacht!

9. Den Seinen gibt's der Herr, usw.: Hey, Medien! Bevor sich das Ego von Mario Gomez noch bis zum Ural ausweitet: Nicht immer, wenn irgendein Iashvili, Pitroipa oder Idrissou mal die Hütte trifft, muss man gleich das Gerd-Müller-Fass aufmachen. Denn mal ehrlich: Ein Tor per Elfmeter, zwei bekam er von den Kollegen geschenkt, sein Assist war eigentlich abseits und beim vierten wurde er angeschossen. Gomez erinnerte mitnichten an den Bomber, sondern doch eher an diesen Typen da.

10. Dr. Dipl. Psych. Sebastian Kehl: Weil der DFB die Forderung von Jürgen Klopp (Rote Karten nur für vorbestrafte, miese Drecksäcke) unberücksichtigt ließ, hockten Mario Götze und Sebastian Kehl also am Samstag nebeneinander auf der Tribüne. Und auch dort kümmerte sich der Ältere rührend um den Jüngeren. Um der Sache mit dem Treten und dem Spucken auch mal psychologisch auf den Grund zu gehen, saß Kehl da mit zwei riesigen Rorschach-Tests unter den Armen. Und Götze? Der wollte gar nicht hinsehen! Entweder, weil er darin die verzerrten Fratzen von zwei miesen, vorbestraften Drecksäcken zu erkennen fürchtete. Oder weil's dann eben doch nur zwei ziemlich große Schweißflecken waren.

11. Beim nächsten Mal: Hand vorhalten! Die Räuspertaste für Kommentatoren gibt es wirklich. Sie wurde nämlich extra erfunden, damit Marcel Reif vergisst draufzudrücken, wenn er mal wieder einen Kollegen beschimpft. Oder wenn er das Mikrofon mal richtig derbe burschikos von vorne nehmen will - und zwei Mal feucht und kräftig rein niest. Gesundheit, Marcel Reif! Eher trocken war dagegen der Humor seiner Kollegen aus der Regie, die sich für den ungewohnten Sound unmittelbar mit einer Einblendung bedankten: "Kommentator: Marcel Reif".

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