Montag, 28.04.2008

Alternative Liste des 30. Spieltags

Marcelo fällt vom Glauben ab

München - Theo Zwanziger hört es nicht gerne, aber Fußball ist und bleibt ein Männersport. Und das nicht nur, weil selbst die Trainer sich dort kratzen, wo Frauen sich nun mal nicht kratzen können.

Alternative Liste, Oliver Kahn, Titan, Theo Zwanziger, Bayern München, Mark van Bommel, Miroslav Klose, Josip Simunic, Huub Stevens, Hamburger SV, Hertha BSC Berlin, Adam Bodzek, Anthar Yahia, Youri Mulder, Mike Büskens, Thomas Doll, Borussia Dortmund
© Imago

Nein, die ganze Bundesliga watet doch knietief durchs eigene Testosteron! Beweise? Aber gern: wie immer hieb- und stichfest in der Alternativen Liste. Und nicht vergessen: Ausnahmen bestätigen die Regel. 

1. Klassische Männerdomänen: "Os nasale", sagt der Mediziner, wenn er über das Nasenbein spricht. Und wenn der Mediziner über irgendetwas spricht, dann ist es meistens schon kaputt. Insofern hat er derzeit viel zu reden, denn Nasenbluten ist bei Bundesligaprofis groß in Mode. Mark von Bommel legte vor, Miro Klose folgte umgehend dem Beispiel, und am Samstag erwischte es den Berliner Josip Simunic. Kollektive Diagnose: Nasenbein im Eimer! Weil Fußball - außer bei Borussia Dortmund - aber nicht von Weicheiern gespielt wird, standen alle drei am Wochenende trotzdem ihren Mann. Das verdient doch Anerkennung, auch wenn in Kloses Zweikampf-Bilanz bei Kopfball-Duellen unter "gewonnen" am Ende eine glatte "Null" prangte.  

2. Der Titan: Apropos im Eimer! Jahrelang ging das ja so: Egal ob 40 Grad Fieber, massiver Blutverlust oder gebrochene Rippen - Oliver Kahn stand für die Bayern im Tor, er spielte weltklasse und das wusste er auch. Und hinterher ging's vor die Kamera: Den Blick stets überlegen in die Ferne schweifen lassend, die Stimme gepeinigt und gepresst, gelangweilt und fast angewidert von der Drangsal des allzu irdischen Gesprächs, raunte er der Welt entgegen: "Du Wurm!" Und weiter sprach der ganze Körper des Entrückten: "Du kannst mir gar nix! Denn alles habe ich bereits gesehen und alles habe ich bereits erreicht: Den Himalaja bezwungen, den Ärmelkanal durchschwommen, und wäre mir nicht irgend so eine griechische Tunte zuvorgekommen, dann hätte ich als Knabe schon zwei Giftschlangen mit bloßen Händen erwürgt." So sprach damals der Titan...

3. Der Olli: Doch am Sonntag? Da war alles anders! Kahn litt an leichten Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und einem eingeklemmten Nerv. Und glatt ließ er gegen Stuttgart den Rensing ins Tor. Und vor der Kamera? Nichts zu sehen von titanischen Größenvisionen, chauvinistischen Plattitüden oder herkulischem Jähzorn. Freundlich lächelnd gab der Olli Auskunft, sprach bodenständig von der Mühe des Alterns, auch von Reife und Gelassenheit und, zur Krönung: von der Schönheit des Augenblicks. Gemeint war die letzte halbe Stunde in der Allianz Arena, als Kahns Stellvertreter auf Erden die Meisterschaft perfekt machten und den armen VfB mit 4:1 vom Platz fegten. Zu Tränen gerührt, unseren Glückwunsch!

4. Eine Perle: Hamburg ist toll, so richtig eins-a-super-prima, eigentlich sprechen überhaupt nur drei Dinge gegen Hamburg: Jan Fedder, die Plörre von Astra und seit einigen Wochen leider auch der hiesige Sportverein.

Man sieht's dem lieben Kerl nicht an, aber Olli Kahn wollte als Kind mal zwei Schlangen erwürgen
Man sieht's dem lieben Kerl nicht an, aber Olli Kahn wollte als Kind mal zwei Schlangen erwürgen
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Auch gegen Schalke bestand der nämlich mal wieder aus elf verlorenen Seelen:

Elf Einzelkämpfer, die in erster Linie mit sich selbst beschäftigt waren und in zweiter Linie damit, vollkommen sinnlose Flanken von irgendwo her ins Nirwana zu bolzen, obwohl dort, wie jeder weiß, doch nur die absolute Leere wartet, oder manchmal auch Marcelo Bordon, der das Ding dann locker wegköpft.

Ein ganz besonders bedauernswertes hanseatisches Rollenmodell liefert dabei derzeit der einstige Kroaten-Bomber Ivica Olic: Fast autistisch eingesperrt in seiner eigenen kleinen Olic-Welt, die er zwar nach Herzenslust umgräbt und beackert und ab und zu mit einem mysteriösen Übersteiger schmückt - aber alles irgendwie für sich selbst, und damit alles irgendwie für die Katz.

5. Apropos Leere: Ganz viel leeren Raum gab's am Samstag auch in Bochum zu bewundern - und zwar genau zwischen den Ohren des Duisburgers Adam Bodzek. Denn anders ist es kaum zu erklären, warum er, Bodzek, seinem Gegenspieler Anthar Yahia mal locker während eines Getümmels im Strafraum mit der Faust in den Unterleib prügelte. Eine ziemlich schäbige Nummer - selbst für ein Zebra im Überlebenskampf!

6. Ach ja, apropos Unterleib: Der Youri und der Mike. Wenn die so nebeneinander stehen, die Hände tief in der Trainingshose eingegraben, leicht nervös und ziemlich selbstvergessen, dort am Spielfeldrand - dann drängt sich einem doch der Eindruck auf, der FC Schalke hätte die zwei Ortsvorsitzenden des Taschenbillardvereins aus Herne-West als Interimstrainer verpflichtet. Macht aber nix, dafür spielen die Knappen jetzt ja einen astreinen Zauberfußball!

7. Einladung zu Pfingsten: Zur königsblauen Ehrenrettung sei gesagt: Auf Schalke kratzt man sich nicht nur am Sack, sondern kümmert sich auch um das spirituelle Wohl der Gemeinde. Kein Scherz! Genau zu diesem Zwecke folgt Klub-Präsident Jupp Schnusenberg an Pfingsten nämlich einer Einladung der Franziskaner-Mönche zum Begegnungswochenende im Kloster von Rheda-Wiedenbrück.

Das Leben im Olic-Space: sehr, sehr stressig - und meistens irgendwie für die Katz
Das Leben im Olic-Space: sehr, sehr stressig - und meistens irgendwie für die Katz
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Das liegt am Arsch der Welt und eignet sich von daher ganz hervorragend für die Diskussion der Tagesordnungspunkte "Ein Christ als Vereinsvorsitzender" und "Was Religion für die Spieler bedeutet."

Auch kein Scherz! Eingeladen hat Bruder Frank Krampf, ein bekennender Schalke-Fan, und dem dürfte doch vor allem eine Frage auf den Nägeln brennen:

Ist Schalkes früherer Vorzeigechrist Marcelo Bordon etwa vom Glauben abgefallen? Oder warum sonst, in drei Teufels Namen, treibt sich der Brasilianer plötzlich in Hamburg im Nirwana rum?

8. Apropos Arsch der Welt: Dortmunds Trainer Thomas Doll ist schon ein lustiger Geselle. Das behauptet er jedenfalls. Steif und fest: "Da lach' ich mir den Arsch ab", versicherte er immer und immer wieder auf jener denkwürdigen Pressekonferenz vor dem Spiel in Frankfurt - obwohl er dabei doch mitnichten lachte, ja noch nicht einmal lächelte. Umso ausgiebiger tat er das dafür dann nach der Partie. Denn da entdeckten seine Spieler völlig überraschend und zum ersten Mal, dass sie überhaupt einen in der Hose haben, einen Arsch, und drehten einen Rückstand gegen die Eintracht immerhin zum Punktgewinn. Eine echte Herkules-Tat! 

9. Der Gang der Zeit: Angeblich sieht man sich ja immer zweimal im Leben. Und so kam Jogi Löw am Samstag nach Karlsruhe, um sich ganz entspannt ein gepflegtes 3:3 gegen Werder Bremen zu Gemüte zu führen. Konnte er aber nicht, denn Löw ist kein dahergelaufener Badener mehr, sondern Fußballdeutschlands wichtigste Persönlichkeit. Und so verbrachte er die kompletten 90 Minuten mit Händeschütteln, Schulterklopfen und herzlichen Umarmungen. Ganz besonders warm und freudestrahlend war der Empfang durch den ehemaligen KSC-Präsidenten Roland Schmider. Der übrigens hatte Löw im April 2000 höchstpersönlich noch gefeuert, nachdem dieser nur eins von 18 Spielen gewann und der Klub in die Regionalliga musste. Wie sich die Zeiten ändern!

10. Grüße an den Wurst-Uli: Mit dem Unentschieden gegen Bremen machte Karlsruhe die Bayern de facto zum Meister. Und prompt fing KSC-Verteidiger Christian Eichner denn auch an, mit Uli Hoeneß über Titelprämien zu verhandeln. "Weißwürste braucht er uns nicht zu schicken", gab Eichner erst den Kostverächter, legte aber unvermittelt nach: "Doch wenn er uns den Andi Görlitz noch mal ein Jahr ausleiht, da würden wir schon dankbar annehmen." Würstl gegen Rechtsverteidiger - da bahnt sich wohl ein zäher Poker an.

11. Und apropos Arsch in der Hose: Nach richtig viel von eben jenem sah das aus, als Nürnbergs Ivan Saenko in der 39. Minute sein beruhigendes 2:0 gegen Bielefeld betont lässig feierte - Finger wippend und Zunge schnalzend.

Derlei erfolgsgewohnten Jubel sieht man zwar oft, allerdings nur bei Spielern von Klubs, die souverän auf einem Champions-League-Platz thronen. Doch dort thront Nürnberg ja mitnichten, und so war nach dem Anschlusstreffer von Wichniarek nur acht Minuten später auch wieder das richtige, altbekannte Nürnberg zu bestaunen: Das mit voller Hose - ohne Arsch drin.

Stefan Moser

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