Formel 1

Mercedes nach historischer Pleite ratlos

Lewis Hamilton und Nico Rosberg waren im Silberpfeil beim Singapur-Qualifying chancenlos
© getty

Die Formel 1 hat beim Qualifying zum Großen Preis von Singapur (So., 14 Uhr im LIVETICKER) nicht weniger als eine Sensation erlebt. Im 32. Rennen der Turbo-Hybrid-Ära steht dank Sebastian Vettel und Ferrari erstmals kein Auto mit Mercedes-Antrieb auf der Pole Position. Während Mercedes den Grund aber keine Lösung kennt, jubelt selbst die Konkurrenz angesichts der Überraschung.

"Das ist großartig. Das ist genau, was der Sport braucht. Dieses Wochenende ist wichtig für die Formel 1", sagte Jenson Button. Obwohl er im McLaren-Honda nur 15. wurde, wirkte der 35-jährige fast so glücklich wie nach seinem eigenen Weltmeistertitel 2009: "Hoffentlich hält es an. Ich werde es genießen, solange es so bleibt, und es mir auf den Leinwänden angucken, während ich im Mittelfeld herumfahre."

Sicher, die erste Pole Vettels in einem Werks-Ferrari ist keine generelle Trendwende, wie Scuderia-Teamchef Maurizio Arrivabene verdeutlichte: "Die Formkurve ändert sich von Strecke zu Strecke. Singapur ist für uns ideal. Japan ist nächste Woche schon wieder nicht mehr so gut." Doch das Abschneiden der Silberpfeile wäre noch am Freitagmorgen unvorstellbar gewesen.

Startplatz 5 und 6. Beim USA-GP 2013 stand letztmals kein Werks-Mercedes in den ersten zwei Reihen. "Der Abstand zu Red Bull ist mehr oder weniger wie erwartet, die Lücke zu Mercedes überraschend groß", stellte Ferraris Technikdirektor James Allison fest.

Hamiltons Erklärung: "Reifen"

Die Weltmeister wissen, woran es lag. "Reifen", sagte Lewis Hamilton. Seine Ingenieure korrigierten vor und während des Qualifying das Setup, doch die Änderungen wirkten eher dürftig. "Es ist unglaublich und wir verstehen es nicht", sagte Teamkollege Nico Rosberg: "Sicher hat mir viel Grip gefehlt. Wenn wir wüssten, wo das Problem liegt, hätten wir es schon gelöst."

Das Team habe "falsche Abzweigungen" bei der Arbeit am Setup gewählt, mehrere, gab Motorsportdirektor Toto Wolff zu: "Wir müssen ruhig bleiben und analysieren, was passiert ist. Wir sind sehr überrascht. Wir haben uns zwei Jahre lang nie einen Fehltritt geleistet. Dieses Mal haben wir einen riesigen Schritt rückwärts gemacht."

Der Interessante: Mercedes war bei den Topspeed-Werten weiterhin Spitze. Am Ende der Zielgeraden führt Hamilton vor Rosberg das Tableau an. An allen drei Sektor-Lichtschranken war maximal Williams schneller. Die Beschleunigung ist also nicht das Problem sondern das Kurvenverhalten. In den 23 Knicken des Marina Bay Circuit fehlte der Grip.

Sind die Pirelli-Vorgaben schuld?

Zu wenig Sturz? Zu flacher Flügel? Oder lag der fehlende Wirkungsgrad der Slicks an der abermals erhöhten Pirelli-Vorgabe? "Der Reifendruck ist hier, wie er immer war", gab Aufsichtsratschef Niki Lauda an: "Hier sind wir zurück im Normalzustand, wie in Monte Carlo. Das hatte sicher keinen Einfluss auf unser Problem." Auch die Charakteristik des Motors sei nicht ausschlaggebend erklärte Wolff, obwohl die Mercedes-Kunden ähnliche Probleme hatten.

Legt man die Onboard-Aufnahmen von Ferrari und Mercedes übereinander, fallen zwei Dinge auf: Hamilton schlägt das Lenkrad ausschließlich in den ganz langsamen Kurven viel stärker ein und sein Auto ist viel weicher gefedert als Vettels. Der Deutsche war deshalb in der Lage die Kerbs deutlich aggressiver zu überfahren, während Hamilton eine sanfte Linie wählte.

Rosberg: "Seb auf anderem Planeten"

"Seb fuhr auf einem anderen Planeten. Der war überall schneller", sagte Rosberg. Die Mercedes-Piloten fühlten sich, als hätten sie die härtere Gummimischung drauf.

Das Erfreuliche: Mercedes ist ratlos. Selbst im Hightech-Zeitalter der Formel 1, in dem die Abstimmung mit heimlicher Simulatorarbeit schon vor dem Wochenende perfektioniert wird, macht das beste Team so große Fehler, dass die scheinbar feststehende Einstellung von 25 Jahre alten Rekorden doch scheitert.

Und Ferrari? Nutzt das konsequent aus. "Es war für sie eine zu lange Zeit zu komfortabel, sie waren zu stark", freute sich Vettel. Die erste Ferrari-Pole seit Hockenheim 2012 - im Regen. Bei Trockenheit stand die Scuderia zuletzt in Singapur anno 2010 vorn. Damals siegte Fernando Alonso mit 0,293 Vorsprung vor Vettel im Red Bull.

Polesitter-Paradies Singapur

Ein wiederkehrendes Muster. Die Strecke in Singapur ist für Polesitter ein Paradies. Fünf der letzten sechs Rennen gewann der schnellste Mann des Qualifyings. Nur Vettel wandelte 2012 Startplatz 3 in einen Sieg, als Hamilton ausfiel. "Es ist nicht der einfachste Kurs, um zu überholen. Doch wenn man die Pace hat, kommt man vielleicht durch", meint der Deutsche, als er über Mercedes' Siegchancen redet.

Gegenüber Red Bull haben die Silberpfeile einen Topspeedvorteil von über 10 km/h. Ob das reicht? Die Chance auf Überholmanöver, die das Ziel der Umbauarbeiten von Turn 13 waren, ist nicht gestiegen. Da sind sich die Fahrer einig.

Red Bull und Ferrari kämpfen um den Sieg

Ein Angriff über die Strategie? Auch bei den Longruns am Freitag führten Ferrari und Red Bull die Konkurrenz an. Besonders Ricciardo war bärenstark. Dass er im Durchschnitt trotzdem langsamer als Vettel fuhr, lag wohl daran, dass der Deutsche langsamere Runden einstreute und so den Reifen Erholungsphasen bescherte.

"Im Rennen können wir noch zulegen", sagte Motorsportberater Helmut Marko. Teamchef Christian Horner erklärte: "Mit den Reifen geht unser Auto sehr nett um. Wir hoffen, dass wir Ferrari so unter Druck setzen können."

Während Ricciardo sich Siegchancen ausrechnet, ist Marko allerdings anderer Meinung. Er weiß um Vettels größte Stärke: die Führungsarbeit im Rennen. "Ich nehme an, dass Vettel den Start gewinnt und dann sein eigenes Rennen fährt", schloss der Österreicher.

Kalender und WM-Stände 2015 im Überblick

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