Singapur-GP: Die Analyse zum Rennen

Vettel ignoriert das Chaos und siegt

Sonntag, 20.09.2015 | 16:13 Uhr
Sebastian Vettel verwandelte seine erste Ferrari-Pole direkt in einen Start-Ziel-Sieg
© getty
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Nach einem chaotischen Rennen hat Sebastian Vettel den Großen Preis von Singapur zum vierten Mal in seiner Karriere gewonnen. Während der Ferrari-Pilot bei seinem Start-Ziel-Sieg nie ernsthaft in Bedrängnis geriet, überschlugen sich hinter ihm die Ereignisse. Zwei Safety-Car-Phasen und der Ausfall des WM-Führenden Lewis Hamilton waren die Höhepunkte.

Weltmeister Hamilton fiel zur Mitte des Rennens zurück, weil sein Mercedes-Motor plötzlich das Gas nicht mehr annahm. Felipe Massa ereilte im Williams ein ähnliches Problem. Beide stellten ihre Autos wenige Runden danach ab. Der Brasilianer war zuvor schon mit Nico Hülkenberg kollidiert, was für die erste Safety-Car-Phase sorgte. Die Zweite löste ein Zuschauer aus, der in Runde 37 auf der Strecke herumlief.

Das Ergebnis des Rennens im Überblick

Durch die Entscheidungen der Rennleitung, das Feld einzubremsen, sah Vettel direkt nach Erreichen der Zwei-Stunden-Zeitgrenze die schwarz-weiß-karierte Flagge. Sein ehemaliger Red-Bull-Teamkollege Daniel Ricciardo und sein aktueller Ferrari-Partner Kimi Räikkönen komplettierten das Podium.

Durch den Ausfall seines Teamkollegens rückte der Viertplatzierte, Nico Rosberg, in der Fahrer-WM auf 41 Punkte an den in Führung liegenden Hamilton heran. Vettel ist mit weiteren acht Zählern Rückstand Dritter.

Die Reaktionen:

Sebastian Vettel (Ferrari): "Ich habe drei Sekunden vor dem Start noch eine Einstellung geändert. Das hat gepasst. Ich hatte den besten Start von den ersten drei. Danach war es ziemlich intensiv. Viel Druck von hinten. Ich glaube, Daniel hatte ein sehr gutes Rennen. Er hat auf seine Reifen geachtet, was das Rennen taktisch gemacht hat. Ich glaube, wir werden heute ein bisschen was trinken. Mein Wasser hat nach der Hälfte nicht mehr funktioniert. Ich hab vielleicht ein bisschen einen sitzen, weil ich zu viel Champagner hatte."

Daniel Ricciardo (Red Bull): "Seb hat heute wohl etwas experimentiert. Am Anfang hat er realisiert, dass ich aufhole. Ohne Safety-Car wäre es wohl eng geworden. Der Undercut wäre wohl möglich gewesen. Daraus hat er dann wohl gelernt."

Kimi Räikkönen (Ferrari): "Es war heute wieder ein großer Kampf. Ich hatte keine Chance, die ersten beiden irgendwie anzugreifen. Ich konnte ihnen anfangs folgen, dann haben sich meine Reifen verabschiedet. Es war nicht schön mit diesen Schwierigkeiten. Aber wenn man einen schlechten Tag hat und als Dritter ins Ziel kommt, ist das nett."

Nico Rosberg (Mercedes): "Die letzten Rennen waren so dominant, es kann sich nicht auf einmal alles ändern. Ich hoffe, dass es eine Anomalie war und im nächsten Rennen alles wieder normal läuft. Aber eine gewisse Gefahr ist natürlich schon da, weil wir es ja nicht verstehen."

Lewis Hamilton (Mercedes): "Esist wirklich schade. Ich glaube, ich hatte die Pace, um hier noch zu gewinnen. Es war einfach nicht unser Wochenende."

Der Spielfilm:

Vor dem Start: Beide Marussia bekommen für Getriebewechsel eine Strafversetzung um je fünf Plätze. Sonst passiert nach den Strafenfestivals von Spa und Monza ausnahmsweise nichts. Dafür hat Mercedes Probleme: An beiden Autos tritt ein Elektronikproblem auf, bei Rosberg stirbt der Motor an der Boxenausfahrt einfach ab.

RE-LIVE: Das ganze Rennen im Ticker

Start: Verstappen bleibt stehen! Gelbe Flaggen, alle weichen erfolgreich aus. Startplatz 8 ist aber weg. Der Motor des Niederländers wird in der Box neu gestartet, dann fährt er am Ende des Feldes hinterher. Vettel bleibt vorn. Bottas kommt an Rosberg vorbei, wird ausgangs Turn 3 aber ausgekontert.

Runde 1: Perez verhindert mit Mühe und einem gewaltigen Drift einen Auffahrunfall mit Hülkenberg. Aber: Die Force India sind die Startgewinner. Von Platz 11 und 13 gestartet, fahren sie jetzt auf den Rängen 9 und 10.

Runde 2: Drei Sekunden! So groß ist der Vorsprung von Vettel auf Ricciardo, als sie zum ersten Mal den Zielstrich überfahren. Dahinter: Räikkönen, Kvyat, Hamilton und Rosberg.

Runde 10: Grosjean bricht den Nichtangriffspakt und kommt als erster Fahrer zum Reifenwechsel. Er nimmt die härtere Mischung, nachdem er von Startplatz 10 vier Plätze verloren hat. McLaren-Honda covert und holt Alonso eine Runde später rein. 7,8 Sekunden beträgt die Standzeit, weil vorne links der Reifen nicht runter will. Grosjean ist vorbei - auch an Sainz, der einen Unsafe Release verhindern muss, indem er drei Autos in der Fast Lane durchziehen lässt.

Runde 13: Unfall von Massa und Hülkenberg ab! Der Williams kommt nach dem Boxenstopp parallel zum Deutschen raus. Beide gehen parallel in Turn 3. Der Deutsche zieht rücksichtslos zum Kurvenscheitel. Crash! Hülk hebt durch die Berührung ab und schlägt leicht in die Wand. Ausfall und eine Strafversetzung um drei Plätze in Japan. Massa fährt weiter und fällt durch einen zusätzlichen Stopp weit zurück. Virtual Safety Car.

Runde 14: Alle Spitzenpiloten stoppen, Kvyat fällt auf Platz 6 zurück. Nur die vorbeigeschlüpften Mercedes gehen auf die härteren, soften Slicks. Nasr rutscht auf Platz 9 vor, weil die Piloten vor ihm wie Kvyat schon unter Grün in der Box waren. Zwei Runden später kommt das echte Safety Car. Warum? Die Strecke muss gereinigt werden.

Runde 19: Guter Restart von Vettel. Keine Positionsverschiebungen - bis auf Sainz: Der Toro-Rosso-Pilot fällt zurück, weil sein Motor kurzzeitig ausgeht. Er fährt vor den Manor weiter.

Runde 27: Probleme bei Hamilton! Er fährt nur mit Halbgas, obwohl der Weltmeister das Pedal komplett durchdrückt. Rosberg, Kvyat, Bottas, Perez, Nasr und Alonso fliegen problemlos vorbei, während Hamilton immer neue Einstellungen am Lenkrad ausprobiert, die nichts bringen.

Runde 28: Ferrari nutzt die Ablenkung! Vettel schraubt seinen Vorsprung binnen zwei Runden von einer auf über vier Sekunden hoch. Derweil bekommt auch Massa plötzlich Probleme, sein Mercedes hat ebenso kaum Vortrieb mehr. Er stellt drei Umläufe später ab.

Runde 34: Das Ende für Hamilton! Der Weltmeister fährt vorwärts in die Box. Auch Alonso stellt ab, dabei fuhr er als Neunter auf Punktekurs. Kvyat holt derweil einen Satz der härteren Reifen ab, wobei es hinten rechts hakt.

Runde 37: Vettel löst eine Safety-Car-Phase aus. Bei Turn 10 stolziert ein Zuschauer seelenruhig auf der Strecke herum. Die Rennleitung reagiert direkt, die fünf führenden Fahrer kommen an die Box. Und Kvyat verliert schon wieder einen Platz durch das Safety Car! Bottas schlüpft auf Platz 5 durch. Was für ein Pech für den Russen!

Runde 41: Restart unter erschwerten Bedingungen: Debütant Rossi fährt trotz Rückrundungserlaubnis als Dritter hinter dem Safety Car her. Räikkönen löst es gut und bleibt vor Rosberg. Vettel führt entspannt vor Ricciardo und baut den Vorsprung direkt auf 2,5 Sekunden aus. Hinten fährt sich Button im Duell mit Maldonado den Frontflügel kaputt, der an Sainz' Toro Rosso zerscheppert. Eine Runde später gehen beide Toro Rosso am Venezolaner vorbei, der den Lotus kaum auf der Strecke halten kann.

Runde 46: Verstappen fliegt und schnappt sich mit Grosjean den nächsten Lotus. Auf der Geraden ohne Chance, zwingt er den Franzosen mit langer Vorbereitung auf die Innenbahn, setzt sich beim Beschleunigen daneben und hat dann bei der nächsten Kurve den Vorteil der Innenbahn auf seiner Seite. Sainz schlüpft wieder hinterher.

Runde 53: Button gibt als 14. auf, weil McLaren befürchtet, dass das Getriebe den Geist aufgibt. Nasr geht derweil auf der Bremse an Maldonado vorbei und übernimmt Rang 11. Die Reifen am Lotus sind hinüber, Maldonado stoppt direkt danach.

Runde 60: Nasr jagt Grosjean rundenlang, bis sich der Franzose in der vorletzten Runde verbremst. Zehnter Platz. Ein Punkt für Sauber! Verstappen bekommt das Signal, Sainz durchzulassen, obwohl er Perez im Heck klebt. "No" brüllt er ins Mikro und zieht es durch. Das gibt Ärger!

Ziel: Nach 61 Runden sieht Vettel als Erster die Zielflagge. Erster Start-Ziel-Sieg für Ferrari! Vettel feiert nicht nur seinen dritten Saisonsieg und damit so viele wie Michael Schumacher bei seinem Scuderia-Debüt 1996, sondern auch den 42. seiner Karriere. Damit hat er einen mehr als Ayrton Senna und ist alleiniger Dritter der ewigen Bestenliste. Zweiter wird Daniel Ricciardo mit 1,4 Sekunden Rückstand, Kimi Räikkönen stellt den zweiten Ferrari ebenfalls aufs Podium. Vierter wird Rosberg vor Bottas, Kvyat und Perez. Verstappen bleibt Achter vor Sainz, Nasr komplettiert die Top 10.

Nach dem Ziel: Konfusion um den Sieger. Die Rennleitung bestellt Ferrari ein, weil das Team im Parc Fermé Artikel 12.1.1.i des Sportgesetzes der FIA missachtet hat. Der Inhalt: Die Nichtbeachtung der Anweisung des für die Sicherheit und den Ablauf der Veranstaltung zuständigen Offiziellen. Die möglichen Konsequenzen reichen von einer Geldstrafe über eine Verpflichtung zur gemeinnützigen Arbeit bis hin zu einer Zeitstrafe oder einer Strafversetzung im Endergebnis. Der genaue Hintergrund der Vorladung blieb zunächst unbekannt.

Update Die Stewards wollten eine Erklärung dafür, dass sich Mechaniker der Scuderia Zutritt zum Parc Fermé verschafften, dabei die Anweisungen des Sicherheitspersonals missachteten und ein "unangemessenes Verhalten" an den Tag legten. Ferrari bot daraufhin an, dass sich der Teamchef schriftlich bei den Betroffenen entschuldigt und zusichert, dass solch ein Verhalten in Zukunft ausbleibt.

Mann des Rennens: Max Verstappen. Startplatz 8 durch den abgestorbenen Motor verloren und dann doch in die Punkte gefahren. Verstappen überholte dauerhaft auf der Strecke. Das, was in Singapur eigentlich unmöglich ist. Als er an Maldonado vorbei war, setzte er mal eben die absolut schnellste Runde, obwohl Vettel sein Tempo gerade angezogen hatte. Das Highlight: Sein Manöver gegen Grosjean in Runde 46, das er über mehrere Kurven vorbereitete.

Flop des Rennens: Karma. Was hat Daniil Kvyat nur verbrochen? Er kam bei beiden Safety-Car-Phasen eine Runde zuvor zum Reifenwechsel. Statt eines möglicherweise erfolgreichen Undercuts gegen Räikkönen verlor er jeweils einen Rang. Er hatte den Unglückskeks gegessen, konnte aber nichts besser machen.

Das fiel auf:

  • Was für ein Start von Vettel! Über drei Sekunden Vorsprung nach einer einzigen Runde. Das grenzt an Magie. Danach baute er im Ferrari die Lücke schnell auf 5,0 Sekunden aus und kontrollierte sie anschließend.
  • Die Safety-Car-Phase durchkreuzte Red Bulls Plan: Durch gutes Reifenmanagement sollten die Bullen mit längeren Stints an den Ferrari vorbeigehen. Stattdessen wurde Ricciardo durch den zeitgleichen Stopp gebremst, Kvyat fiel durch den Reifenwechsel unter Grün sogar hinter die Mercedes zurück.
  • Überholmanöver in Singapur? Unmöglich. Also wehrte Ferrari die Verfolger nach der Safety-Car-Phase auf ungewöhnliche Art ab: Vettel fuhr langsam, um die Reifen zu schonen. Die Profiteure waren die Silberpfeile. Beim Stopp auf die härteren Reifen gewechselt, blieben Hamilton und Rosberg zunächst problemlos an Räikkönen dran.
  • Hamilton und Massa mit mystischen Motorenproblemen. Was könnte der Grund gewesen sein? Durch Singapur verlaufen U- und S-Bahnen, die ein Magnetfeld aufbauen - unter anderem direkt unter der Anderson-Bridge direkt vor Turn 13. Das Magnetfeld der Bahnen könnte die elektronische Motorsteuerung im Mercedes-Aggregat ausgeknockt haben.

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