Formel 1

Rückschritt als Fortschritt

Setup-Gespräch: Nico Rosberg erhält letzte Informationen von der Mercedes-Crew
© mercedesamgpetronas

Die Kräfteverhältnisse sind endgültig wieder hergestellt. Mercedes dominiert die Formel 1 nach Belieben. Doch etwas hat sich verändert: Nico Rosberg hat beim Qualifying zum Großen Preis von Russland (So., 13 Uhr im LIVETICKER) zum zweiten Mal nacheinander die Pole Position eingefahren.

"Nico ist zurück. Das ist wichtig für ihn im Hinblick auf die Psychologie", sagte Aufsichtsratsschef Niki Lauda nach der dritten Pole Position der Saison 2015 für den gebürtigen Wiesbadener: "Wenn ich mir etwas hätte wünschen dürfen, wäre es genauso ausgegangen."

Die Siege gegen Weltmeister Lewis Hamilton am Samstag erinnern an Rosbergs erfolgreichste Zeit in der Königsklasse, die gleichzeitig die schwerste Niederlage war. In der Saison 2014 entschied der Deutsche die Qualifying-Duelle reihenweise für sich und geriet dann am Sonntag ins Hintertreffen.

Der Wahlmonegasse zog seine Schlüsse. Er, der Michael Schumacher in der gemeinsamen Zeit bei den Silberpfeilen in der WM-Wertung hinter sich gelassen hatte, wollte den Winter nutzen, um seine Leistung im Rennen zu verbessern. In Japan und den USA hatte Hamilton ihn schließlich am Sonntag überholt, in Monza und Sotschi leistete sich Rosberg selbst in Führung liegend schwerwiegende Fehler.

Rosberg wurde nur Vizeweltmeister. Dabei hatte er die Fahrerwertung über die Saison größtenteils angeführt.

Rosbergs Umdenken ohne Erfolg

Die Änderungen spielten ihm nicht in die Karten. Keine Fehler zu machen, führte nicht zum Erfolg. Stattdessen drehte Hamilton im Qualifying auf. Wenn sich die Mercedes-Fahrer in der Saison 2014 ein Duell auf Augenhöhe lieferten, stand Rosberg in der Regel vorn, in der Saison 2015 fiel das Ergebnis dauerhaft umgekehrt aus.

Auch wenn das geänderte Setup die Reifen schonte, konnte Rosberg nur in Spielberg mit einem besseren Start und dem erstmalig kompromisslos geführten teaminternen Zweikampf eine Samstagsniederlage in einen Sieg im Rennen umwandeln. Sonst entschied das Qualifying über die Mercedes-Hackordnung.

Rückentwicklung zum Positiven

Ausgerechnet beim Grand Prix im olympischen Park der russischen Schwarzmeer-Metropole scheint klar: Rosberg hat sich zurückentwickelt - zum Positiven.

Rosberg spielte in Russland im Qualifying seinen größten Vorteil aus. Seine Ingenieure berichten unisono von seiner hervorragenden technischen Auffassungsgabe.

Der Grund für den Vorteil in Sotschi und Suzuka scheint somit auf der Hand zu liegen: Durch Regen, Diesel und den Unfall von Carlos Sainz jr. war die Zeit für Abstimmungsarbeiten beschränkt. "Ich habe eine gute Balance im Auto gefunden", sagt Rosberg: "Wir mussten ein wenig raten, wie es richtig sein würde, und es hat funktioniert. Ich habe mich wohl gefühlt, ein paar richtig gute Runden erwischt."

Mercedes wollte nicht bestätigen, dass Rosberg die bessere Setuparbeit in kurzer Zeit macht. "Ich bin nicht sicher, ob Nico daraus einen Vorteil ziehen kann", dementierte Motorsportchef Toto Wolff den Eindruck allerdings auch nicht.

Augenscheinlich schlingerte Rosberg weniger umher als Hamilton. Selbst ein starkes Übersteuern in Turn 13 kostete ihn kaum Zeit. Er lag schon vorn, als der Engländer seinen zweiten Versuch komplett versemmelte.

Ist Startplatz 1 ein Nachteil?

Allerdings ist unklar, ob Startplatz 1 in Sotschi überhaupt ein Vorteil ist. "Es ist ein langer, langer Weg zur ersten Kurve, wahrscheinlich der längste im ganzen Jahr", sagte Hamilton: "Da sollte es Möglichkeiten geben."

Bei der Premiere 2014 nutzte Rosberg die Besonderheit der Strecke fast: Er sog sich im Windschatten an Hamilton ran und schob sich dann auf der Innenbahn neben seinen Teamkollegen. Der Deutsche war eigentlich schon vorn, als er sich verbremste, durch die Auslaufzone fuhr und dann den gewonnenen Platz zurückgeben musste.

Rosberg erarbeitet Starttaktik

"Ich werde heute und morgen am Start arbeiten, um alles richtig hinzubekommen, und mir auch das letzte Jahr angucken und daraus lernen", kündigte Rosberg deshalb an.

Seit in Spa das Reglement geändert wurde und die Fahrer ohne Ingenieurshilfe selbst losfahren müssen, kam Rosberg allerdings nicht mehr häufig ordentlich weg. In den letzten vier Rennen verlor er direkt nach Erlöschen der Ampel Positionen.

"Ich werde mich da richtig hineingraben", charakterisierte Rosberg seine Vorbereitungen. Für ihn steht der mögliche vorzeitige WM-Titel bei den Konstrukteuren nicht im Mittelpunkt: "Ich fahre da draußen gleichzeitig, um den Rückstand auf Lewis zu reduzieren." Aktuell beträgt der 48 Punkte.

Kommt Rosberg problemlos weg und vermeidet Hamiltons Vorjahresfehler, die erste echte Kurve des Sochi Autodrom auf der Außenbahn anzubremsen, steht dem kaum etwas im Wege.

Seine weicherer Fahrweise im Stile eines Jenson Button mag für waghalsige Überholmanöver und Spektakel im Rennen untauglich sein, sie ermöglicht Rosberg aber Konstanz und Speed von der Spitze weg auszuspielen.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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