Das Testverbot ist "lächerlich"

Von Alexander Mey
Montag, 26.07.2010 | 20:05 Uhr
Michael Schumacher belegte beim Deutschland-GP in Hockenheim nur den neunten Platz
© Getty
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Michael Schumacher hatte am Rande des Deutschland-GP viel zu sagen. Natürlich zur Stallorder seines Ex-Teams Ferrari, die er verteidigte. Vor allem aber zu einem Thema, das dem Mercedes-Piloten sehr am Herzen liegt - der Lockerung des Testverbots.

Ein Thema beherrschte den Rennsonntag in Hockenheim. Ganz klar, die Stallorder von Ferrari. Zu der äußerte sich auch Michael Schumacher, immerhin hatte er in seiner Karriere schon selbst von dieser Taktik der Scuderia profitiert. "Ich kann das zu 100 Prozent nachvollziehen", sagte Schumi entgegen aller Experten-Meinungen.

Reaktionen auf Ferrari-Stallorder: "Ferrari sollte sich schämen"

Ganz und gar nicht nachvollziehen kann Schumacher etwas anderes. Es geht um das Testverbot während der Saison, das der Rekordchampion vor dem Ferrari-Skandal selbst zum Thema des Wochenendes emporgehoben hatte.

Nach dem wieder einmal enttäuschenden elften Platz im Qualifying platzte Schumacher ein wenig der Kragen, als er den Journalisten in die Notizblöcke diktierte: "Wenn man sich vorstellt, welches Niveau dieser Sport hat, wie viel Geld investiert wird, dann ist es merkwürdig, dass es der einzige Sport ist, in dem man nicht trainieren oder testen darf. Das ist lächerlich."

Mercedes leidet besonders unter Testverbot

Mercedes leidet ganz besonders unter dem Testverbot, da das Team vom ersten Rennen an einem Rückstand auf die anderen Top-Teams hinterherläuft. Aber die Silberpfeile sind mit ihrer Befürwortung einer Lockerung des Verbots nicht alleine.

"Ich verstehe, warum es dazu gekommen ist, aber genauso lächerlich, wie es früher war, 90.000 Kilometer pro Jahr zu testen, ist es auch, jetzt gar nicht mehr zu testen", sagte Schumacher. "Ich finde, man sollte sich gut überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, Testfahrten in einem angemessenen Rahmen zuzulassen. Alle im Fahrerlager würden da zustimmen, glaube ich."

Alle Top-Teams hätten Testfahrten gebrauchen können

So einfach ist es aber nicht. Die großen Teams würden sofort auf die Linie von Schumacher einstimmen. Denn sei es McLaren mit dem veränderten Heck, Ferrari mit Heck und F-Schacht oder Red Bull nur mit dem F-Schacht: Jedes der Spitzenteams musste in mindestens einem Bereich Entwicklungen der Konkurrenz nachbauen und stand vor dem Problem, die Neuerungen nicht austesten zu können.

So kam es, dass Ferrari einige Zeit keinen effizienten F-Schacht einsetzen konnte, Red Bull sogar lange Zeit ganz darauf verzichtete und McLaren sein neues Heck in Silverstone nach dem Training wieder ausbaute.

"Wir testen diese Teile am Rennwochenende, aber da hat man natürlich sehr wenig Zeit. All die neuen Dinge, die an die Autos geschraubt werden, haben weitreichende Auswirkungen. Man geht also ohne Erfahrung ins Rennwochenende. Da hat man dann wenig Zeit, diese Erfahrungen zu sammeln, weswegen man sich auf Kompromisse einlassen muss. Die Folge ist, dass es Probleme gibt", erklärte Schumacher.

Kleine Teams wollen ihren Vorteil behalten

Genau von diesen Problemen der großen Teams profitieren aber die kleinen. Kein Wunder also, dass sie sich gegen eine Aufweichung des Testverbots aussprechen.

Force-India-Betriebsleiter Otmar Szafnauer erklärte gegenüber "auto, motor und sport": "Früher hätten die großen Mannschaften mit ihren Testteams rund um die Uhr gearbeitet. Innerhalb von zwei Rennen hätten sie die neue Technologie der Konkurrenz auf dem gleichen Stand gehabt. Jetzt aber ist schon eine halbe Saison vorbei und Ferrari und Red Bull sind mit ihren F-Schächten immer noch nicht so gut wie McLaren. Unser System ist auf einem ähnlichen Stand. Das ist nur möglich, weil es eben keine Testchancen gibt. So hängt es eben von der Qualität der Ingenieure ab."

Zählt man zu den großen Teams, die nichts gegen eine Wiedereinführung von Testfahrten hätten, noch Renault und Red-Bull-Tochter Toro Rosso hinzu, stünde es bei einer Abstimmung in der Teamvereinigung FOTA möglicherweise 6:6.

Kompromiss: Testfahrten am Montag nach dem Rennen

Es geht also darum, einen Kompromiss zu finden. "Jeder hat eine Idee, wie man es machen soll, aber die Leute können sich nicht auf eine Idee einigen. Das ist wahrscheinlich das Problem", gestand Schumacher ein.

Die am meisten genannte Idee ist, die Montage nach den Rennen zu offiziellen Testtagen zu erklären. Die Teams wären ohnehin alle vor Ort, hätten also keine logistischen Probleme und so gut wie keine zusätzlichen Kosten. Die MotoGP praktiziert diese Methode erfolgreich.

An so einem Testtag könnten die einen Teams ihre technischen Defizite aufarbeiten, andere neue Teile ausprobieren und wieder andere jungen Fahrern eine Chance geben.

Junge Piloten brauchen mehr Bewährungschancen

Denn auch das ist ein großer Nachteil des Testverbots. Nachwuchspiloten haben so gut wie keine Chance mehr, sich in die Formel 1 einzuarbeiten. Sie müssen auf Anhieb funktionieren, ansonsten sind sie ganz schnell wieder draußen, obwohl sie vielleicht mit etwas mehr Routine sehr gute Fahrer geworden wären. Ein gutes Beispiel ist der Franzose Romain Grosjean, der bei Renault eigentlich nie eine faire Chance hatte.

Es gibt zwar nach der Saison einen dreitägigen Test für junge Piloten, aber der ähnelt eher einem Casting als der kontinuierlichen Gewöhnung an die Königsklasse.

Schumacher ist einer seiner Stärken beraubt

Ein junger Pilot ist Michael Schumacher mit seinen 41 Jahren wahrlich nicht mehr. Aber einen erheblichen Anteil an seinen fahrerischen Problemen beim Comeback hat die Tatsache, dass er nicht mehr Zeit auf der Strecke verbringen kann.

Schumacher hat in seiner Karriere immer davon profitiert, wie ein Irrer zu testen und somit optimal auf jedes Rennen vorbereitet zu sein. Das kann er im Moment vergessen, und prompt kommt er nicht an Teamkollege Nico Rosberg heran.

Sein Interesse an einer Lockerung des Testverbots ist entsprechend nachvollziehbar. Die Frage für die kommenden Wochen und Monate wird sein, ob die Meinung des Rekordweltmeisters im Formel-1-Feld mehrheitsfähig ist.

Der FIA-Weltrat: Diese Männer bestimmen Ferraris Schicksal

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