Deutschland-GP: Rennanalyse

Ferrari-Geldstrafe nach Doppelsieg

Von Alexander Mey
Sonntag, 25.07.2010 | 15:53 Uhr
Start in Hockenheim: Felipe Massa (r.) und Fernando Alonso (l.) überholen Sebastian Vettel
© Getty
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Ferrari-Doppelsieg beim Deutschland-GP in Hockenheim. Allerdings einer mit fadem Beigeschmack. Fernando Alonso gewann, nachdem ihn Felipe Massa auf Anweisung des Teams passieren lassen musste. Dafür erhielt die Scuderia eine Geldstrafe. Sebastian Vettel wurde beim Heimspiel Dritter.

Über diesen Sieg von Fernando Alonso in Hockenheim wird noch viel diskutiert werden. In Runde 50 ging der Spanier an seinem Ferrari-Kollegen Felipe Massa vorbei, allerdings nicht ganz fair.

Massa ging nach einer Anweisung der Ferrari-Box demonstrativ vom Gas, um gegen die Entscheidung des Teams, die er offenbar als Stallorder interpretierte, zu protestieren. Alonso war zwar schneller, hätte in einem echten Duell aber sicher Probleme bekommen, den Brasilianer zu schlagen.

Ferrari kommt vorerst mit Geldstrafe davon

Einige Stunden nach dem Rennen wurde Ferrari für diese Aktion mit einer Geldstrafe von 100.000 Dollar belegt. Mehr kann die Rennleitung ad hoc nicht tun, das ist die härteste Strafe, die möglich ist. Alonso darf seinen Sieg also behalten. Aber nur vorerst, denn der Fall wird vor dem Weltrat der FIA noch einmal eingehender untersucht werden. Härtere Strafen sind dann durchaus möglich. Allerdings kann sich dieses Verfahren bis September hinziehen.

Die Reaktionen der Beteiligten direkt nach dem Rennen waren eindeutig. Massa saß mit versteinerter Miene in der Pressekonferenz und sagte: "Ich glaube nicht, dass ich über die Szene etwas sagen muss. Er hat mich überholt. Das ist alles. Wir arbeiten alle für das Team. Ich hatte den Sieg verdient." Sein Renningenieur Rob Smedley, der ihm die Anweisung geben musste, Alonso passieren zu lassen, kommentierte mit einem süffisanten Grinsen: "Aber auf keinen Fall war das Stallorder!"

Red Bull: "Es ist eine Schande!"

Für die Konkurrenz war die Sache eindeutig: "Offensichtlicher kann man eine Stallorder nicht vorführen. In einer derartigen Form zu demonstrieren, dass man einen Fahrer bevorzugt, so etwas Plumpes habe ich schon lange nicht mehr gesehen", sagte Red-Bull-Berater Helmut Marko. "Es ist Aufgabe der FIA, hier etwas zu unternehmen. So ein Manöver müsste drastische Konsequenzen haben." Damit meinte er sicher nicht nur eine Geldstrafe.

Ähnlich sah es Red-Bull-Teamchef Christian Horner: "Ich habe noch nie von einer Teamstrategie gehört, bei der man einen Fahrer vom Gas gehen lässt und sich danach bei ihm entschuldigt. Es war so offensichtlich, was Ferrari getan hat. Ich denke, die Stewards werden sich das sehr genau ansehen. Es ist eine Schande zu sehen, dass ein Rennen auf diese Weise manipuliert wird."

Vettel vergibt Heimsieg am Start

Hinter den beiden roten Streithähnen wurde Sebastian Vettel bei seinem Heimspiel Dritter. Nach einem schwachen Start verlor er die erste Position an die beiden Ferrari und hatte danach keine Chance mehr, wieder an ihnen vorbei zu kommen. Wenigstens hat er im Titelkampf ein paar Punkte auf Lewis Hamilton (4.), Jenson Button (5.) und Mark Webber (6.) gutgemacht.

"Ich bin nicht sicher, was am Start passiert ist. Auf den ersten Metern bin ich nicht richtig weggekommen. Normalerweise haben wir gute Starts. Danach hatten wir eigentlich ein gutes Rennen. Ferrari war die meiste Zeit einfach ein, zwei Zehntel schneller als wir. Wir haben heute unser Maximum erreicht", sagte Vettel.

Marko äußerte sich kritischer, nachdem Vettel schon in Silverstone die Führung am Start verloren hatte: "Leider der zweite Start von Sebastian, der nicht optimal war. Wir wussten: Wenn er den Start nicht gewinnt, dann ist das Rennen vorbei."

Schumi verteidigt Ferraris Stallorder

Mercedes erlebte ein ernüchterndes Heimspiel. Nico Rosberg und Michael Schumacher kamen als Achter und Neunter zwar in die Punkte, aber der Rückstand auf die Spitze war frappierend. Beide Silberpfeile musste sich vor den Augen der heimischen Fans sogar überrunden lassen.

"Ich hätte Siebter werden können, leider ist es nur Rang neun geworden, weil wir zu früh an der Box waren", sagte Schumacher. "Siebter oder Neunter ist für mich aber fast schon egal. Wir sind nicht da, wo wir sein möchten."

Zudem verteidigte er auf Sky-Nachfrage Ferraris Stallorder: "Ich kann es zu 100 Prozent nachvollziehen. Ich hatte in der Vergangenheit meine Mühe, Verständnis dafür aufzubringen, dass man sich von außen darüber pikiert hat. Es geht um die Weltmeisterschaft. Dafür arbeitet man extrem hart und hat Budgets in intensiven Größenordnungen. Wenn man am Ende des Jahres die Meisterschaft aufgrund des einen oder anderen verlorenen Punktes verfehlt, den man hätte holen können, dann wird man sich fragen: War das richtig?"

Schlüsselszenen des Rennens:

Start: Schlechter Start von Vettel von der Pole-Position aus. Alonso setzt sich innen daneben. Vettel drängt ihn ab, muss ihn dann aber doch ziehen lassen. Massa nutzt das Scharmützel und geht an beiden vorbei an die Spitze. Schumacher kommt ausgezeichnet weg und verbessert sich von Rang elf auf acht.

Runde 1: Hamilton nutzt den Top-Speed seines McLaren und bremst sich in der ersten Spitzkehre an Webber vorbei auf Rang vier. Im Mittelfeld kracht es zwischen beiden Toro-Rosso-Piloten. Das Aus für Buemi, Alguersuari kann nach einem Notstopp weiterfahren. Auch Sutil, Liuzzi und Trulli kommen sehr früh rein.

Runde 13: Vettel kommt sehr früh zum Reifenwechsel rein. Er nutzt die Tatsache, dass er vor Kubica raus kommt und freie Fahrt hat.

Runde 14: Ferrari reagiert sofort und holt seine Piloten zum Wechsel auf die harten Pneus rein. Erst Alonso, eine Runde später Massa. Aber an der Reihenfolge ändert sich nichts. Massa vor Alonso und Vettel.

Runde 21: Alonso macht im Überrundungsverkehr richtig Druck auf Massa, auch Vettel lauert dahinter. Alonso greift seinen Teamkollegen in einem beinharten Duell an, Massa schmeißt aber die Tür zu. Alonso beschwert sich über Boxenfunk und zetert: "Das ist lächerlich!"

Runde 49: Ferrari macht ernst und versucht, Alonso an Massa vorbeizulotsen. "Fernando ist schneller als du, kannst du das bestätigen", sagt Massas Renningenieur Rob Smedley über Funk.

Runde 50: Massa geht vom Gas und lässt Alonso demonstrativ vorbei. Extrem offensichtlich, und leider in der Form auch extrem unsportlich.

Runde 61: Ganz bitterer Moment für Schumacher. Er wird beim Heimspiel von der Spitze überrundet.

Ziel: Das war's! Alonso gewinnt den Deutschland-GP letztlich überlegen, allerdings mit einem faden Beigeschmack. Massa behauptet den zweiten Rang vor Vettel. Rosberg und Schumacher holen im unterlegenen Mercedes wenigstens noch Punkte.

Mann des Rennens:

Felipe Massa: Der tragische Held des Rennens. Nach einem großartigen Start übernimmt er die Führung und kann sich auf den weichen Reifen sogar von Alonso und Vettel absetzen. Nach dem Wechsel auf die harten Pneus wehrt Massa die ersten Angriffe von Alonso ab und verschafft sich erneut ein paar Sekunden Vorsprung. Er kann gewinnen, doch als Alonso anfängt, die Lücke zuzufahren, bekommt er den dezenten Hinweis von der Ferrari-Box, er möge doch den schnelleren Teamkollegen passieren lassen. Massa tut es, aber er schmollt und tut es entsprechend offensichtlich. Die große Frage bleibt, ob er es geschafft hätte, Alonso bis zum Rennende hinter sich zu halten.

Flop des Rennens:

Adrian Sutil: Ein Rennen zum Vergessen - und das ausgerechnet beim Heimspiel. Erst ein schwaches Qualifying, dazu noch die Strafversetzung auf Rang 19 wegen eines Getriebewechsels. Dann wird der Force-India-Pilot in der ersten Runde auch noch in einen Crash verwickelt und muss zum Notstopp an die Box. Die Crew verwechselt in der Hektik die Reifen und schnallt Sutil Liuzzis Pneus auf und umgekehrt. Folge: Sutil muss wie Liuzzi gleich noch einmal rein kommen. Spätestens zu dem Zeitpunkt ist das Heimspiel ein totales Desaster. Ein Ausritt ins Kiesbett im letzten Drittel des Rennens gefolgt von einem dritten Reifenwechsel setzt dem Ganzen die Krone auf. Die Stewards untersuchten das Boxen-Desaster, verzichteten aber auf einen Ausschluss des Teams und beließen es bei einer Verwarnung.

Szene des Rennens:

Runde 49: Ferrari lotst Alonso an Massa vorbei, damit der Spanier im WM-Rennen bleibt. "Fernando ist schneller als du, kannst du das bestätigen", sagt Massas Renningenieur Rob Smedley über Funk. In der Tat hat Alonso in den Runden zuvor aufgeholt. Eine Runde später reagiert Massa und lässt seinen Teamkollegen passieren, indem er demonstrativ vom Gas geht. Sieht sehr unsportlich aus, Massa ist offensichtlich beleidigt.

Lehren des Rennens:

Ferrari ist zurück im WM-Rennen. Das Auto ist schnell genug, um Red Bull aus eigener Kraft zu schlagen. Was Fernando Alonso schon seit einigen Rennen betont, hat er in Hockenheim bewiesen. Bestätigt sich dieser Trend, dann müssen sich Red Bull und vor allem McLaren sehr warm anziehen. Hamilton und Button hatten im Gegensatz zu Vettel überhaupt keine Chance gegen die Roten. Zudem hat Ferrari in Alonso eine klare Nummer eins im Team. Das hat nach der verkappten Stallorder nun auch der Letzte verstanden.

Deutschland wartet unterdessen weiter auf einen Heimsieg. Vettel hat es nach einem erneut schwachen Start nicht geschafft, die Pole-Position ins Ziel zu bringen. Das passiert ihm viel zu häufig. Er hat 2010 erst ein einziges Rennen von der Pole gewonnen, obwohl er im Qualifying schon sechsmal Erster war.

Mercedes muss peinlich berührt aus heimischen Gefilden abziehen. Im Rennen waren die Silberpfeile teilweise zwei Sekunden langsamer als die Spitze, letztlich wurde Schumacher sogar von der nächsten Generation überrundet. Trotz aller Updates ist das Auto meilenweit von der Spitze und damit den eigenen Ansprüchen entfernt.

LIVE-TICKER: Das Rennen in Hockenheim zum Nachlesen

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