Ein Jahr Hölle mit Happy End

Von Alexander Mey
Dienstag, 02.03.2010 | 19:04 Uhr
Michael Schumacher flog im Training zum Australien-GP 1994 in Adelaide spektakulär ab
© Getty
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16 Jahre lang fuhr Michael Schumacher in der Formel 1, bevor er 2006 seine Karriere beendete. Bis jetzt: Denn am 14. März wird Schumi wieder in der Startaufstellung stehen - 19 Jahre nach seinem Debüt. SPOX zählt die Tage bis zum Comeback und erinnert im Countdown an die bisherigen 16 WM-Jahre des Michael Schumacher. Teil 4: 1994.

Team: Benetton-Ford

WM-Platzierung: Weltmeister

WM-Punkte: 92

1994. Zu diesem Jahr in Michael Schumachers Leben gibt es unzählige Geschichten zu erzählen. Es war ein Jahr, in dem der Deutsche alle Extreme erlebt hat, die dieser Sport bietet. Tödliche Unfälle, Rücktrittsgedanken, Schummeleien, Disqualifikationen, Gala-Auftritte in Rennen - und letztlich der dramatische Gewinn des WM-Titels. 1994 war ein Jahr Hölle mit Happy End.

Der Reihe nach: Schumacher startet in einem stark verbesserten Benetton ins Jahr eins nach dem Verbot elektronischer Fahrhilfen wie ABS, Traktionskontrolle und Startautomatik. Zudem werden Tankstopps eingeführt.

Schumacher kämpft von Anfang an wieder einmal gegen Ayrton Senna, seinen Erzrivalen. Senna ist von McLaren endlich zu seinem Wunschteam Williams gewechselt. In das Cockpit, das ihm ein Jahr zuvor noch Alain Prost weggenommen hat. Jetzt ist Senna WM-Favorit vor Schumacher.

Zwei Siege, dann das Drama von Imola

Die ersten beiden Rennen laufen für Schumacher optimal. Er gewinnt beide, Senna scheidet zweimal aus.

Dann kommt das tragische Wochenende von Imola, das wahrscheinlich schwärzeste Kapitel in der Formel-1-Geschichte. Schon am Freitag verunglückt Rubens Barrichello im Training schwer, hat aber großes Glück, dass er ohne Folgeschäden überlebt.

Am Samstag fliegt dann der Österreicher Roland Ratzenberger mit rund 300 km/h in die Mauer, nachdem sein Frontflügel gebrochen ist. Er hat keine Chance, sein Genick ist gebrochen, er ist tot.

Schumacher denkt nach Sennas Tod an Rücktritt

Trotz des Schocks findet am Sonntag das Rennen statt. Sehr zum Unbehagen von Senna, der überlegt, nicht zu starten. Er tut es doch, schließlich gilt es, Punkte auf Schumacher gutzumachen.

Dann der schreckliche Unfall. Senna fliegt in Führung liegend in der Tamburello-Kurve mit über 300 km/h ab und knallt an die Mauer. Tragischer Weise löst sich ein Teil der Radaufhängung und bohrt sich genau in Sennas Visier. Senna wird nach dem Rennen im Krankenhaus für tot erklärt, Schumacher, der zum Zeitpunkt des Unfalls genau hinter Senna lag, gewinnt das Rennen. Als er von dessen Tod erfährt, zieht er sich zum Weinen in den Benetton-Bus zurück.

Die Tatsache, dass er nicht an Sennas Beerdigung teilnimmt, wird Schumacher von einigen als Gefühlskälte ausgelegt. Aber so war es nicht. Er war damals sehr mit sich selbst beschäftigt. "Ich habe mich sehr intensiv mit dem Tod von Senna und Ratzenberger auseinandergesetzt und mich gefragt, was mir die Formel 1 und der Rennsport noch bedeuten können", berichtet Schumacher später über seine Rücktrittsgedanken. Sennas Grab besucht er später allein mit seiner damaligen Freundin Corinna.

Fahrerische Glanzleistung in Barcelona

So sehr alle geschockt sind. Die Formel-1-Saison geht weiter. Damon Hill ist die neue Nummer eins bei Williams, Sennas Cockpit übernimmt ein junger Kerl namens David Coulthard.

Sportlich läuft die Saison für Schumacher perfekt weiter. Von den ersten sieben Rennen gewinnt er sechs, der Vorsprung in der WM ist auf 37 Punkte angewachsen. Nur in Spanien wird er Zweiter, erreicht aber gerade durch dieses Rennen bei seinen Fans Heldenstatus. Er fährt nämlich fast den kompletten Grand Prix im fünften Gang, da das Getriebe früh streikt. Trotz dieses unglaublichen Nachteils rettet er Platz zwei ins Ziel.

Schwarze Flagge und Sperre in Silverstone

Dann der Großbritannien-GP in Silverstone. Schon vorher standen Schumacher und Benetton im Fokus zahlreicher Verdächtigungen. Sie sollen unerlaubter Weise eine Startkontrolle verwendet, also das Verbot elektronischer Fahrhilfen umgangen haben. Bestraft wurden sie dafür aber nicht.

Doch in Silverstone macht die FIA ernst. Schumacher überholt in der Aufwärmrunde Damon Hill und erhält dafür eine Stop-and-Go-Strafe. Als er die nicht antritt, wird er per Schwarzer Flagge disqualifiziert. Auch die ignoriert er. Folge: Ihm werden für dieses Rennen die Punkte aberkannt und dazu wird er noch für zwei Rennen gesperrt.

Tankunfall in Hockenheim - Disqualifikation in Spa

Zum Glück für seine Fans noch nicht direkt für das nächste Rennen, denn das findet auf dem Hockenheimring statt. Dort darf er starten, scheidet aber aus. Sein Team sorgt schon wieder für Aufsehen. Benetton hat verbotener Weise einen Filter des Tankstutzens ausgebaut und dadurch ein Boxenfeuer bei Schumis Teamkollege Jos Verstappen verursacht.

Nach Hockenheim hat Schumacher noch zwei Rennen Zeit, bevor er seine Sperre absitzen muss. In Ungarn gewinnt er überlegen und baut seinen Vorsprung in der WM auf Hill aus. Danach siegt er auch in Spa, wird aber wieder disqualifiziert.

Die Bodenplatte des Benetton war einige Millimeter zu dünn. Wohl wegen eines Drehers auf einem Randstein während des Rennens, aber diese Begründung wollen die Regelhüter nicht hören. Sie schauen bei "Schummel-Schumi", so mittlerweile sein Spitzname, ganz genau hin.

Mit einem Punkt Vorsprung nach Adelaide

Als Schumacher beim drittletzten Rennen endlich wieder mitfahren darf, ist Hill nach drei Siegen in Folge bis auf einen WM-Punkt dran. In Jerez behält der Deutsche die Nerven und siegt vor Hill, der dreht den Spieß aber etwas überraschend in Suzuka wieder um.

So geht es zum Saisonfinale nach Adelaide. Schumacher 92 Punkte, Hill 91. Im Training hat Schumacher einen schweren Unfall, im Qualifying ist er hinter Hill nur Zweiter. Trotzdem: Schumi erwischt - wie so oft in diesem Jahr - den besseren Start und führt das Rennen an. Aber Hill bleibt dran.

Unfall mit Hill bringt Schumacher den WM-Titel

Dann Runde 36. Schumacher macht einen Fehler, kommt aufs Gras, touchiert die Mauer und kommt dann wieder zurück auf die Strecke. Irgendwas ist beim Aufprall verbogen worden, der Benetton liegt fürchterlich. Hill ist dran, Schumacher zieht trotzdem ohne Rücksicht auf Verluste in die Kurve rein.

Hill bricht seinen Angriff auf Schumacher trotzdem nicht ab. Er hält rein, beide kollidieren. Schumacher überschlägt sich beinahe. Sein Benetton hebt ab, knallt wieder auf die Strecke und rutscht in die Reifenstapel. Das Aus. Hill kann zunächst weiterfahren, muss aber an die Box. Dort stellen die Mechaniker fest: Aufhängung gebrochen, alles aus. Schumacher ist Weltmeister, aber er steht hilflos am Streckenrand und weiß noch gar nichts davon.

"Es war schrecklich, da draußen warten zu müssen. Ich wusste ja nicht, was mit Damon passiert war, ich wusste aber natürlich, dass wir beide viel Vorsprung auf die Viert- Fünft- und Sechsplatzierten hatten, dass es also für Damon kein Problem sein sollte, diesen einen Punkt Vorsprung, den ich hatte, aufzuholen", beschreibt Schumacher. " Aber es war unbeschreiblich, als es dann endlich feststand. Ich wusste überhaupt nichts mehr, ich wusste nicht, ob ich mich freuen sollte, in mir waren sämtliche Gefühle völlig vermischt."

Hill wird neuer Erzrivale

Schumacher war im Alter von 25 Jahren Weltmeister. Er war am Ziel seiner Träume, aber auch am Ende eines Jahres, das ihn selbst durch Sennas Tod schwer gezeichnet und seinen internationalen Ruf durch die zahlreichen Regelverstöße stark angekratzt hatte.

Zu guter Letzt schenkte ihm die Saison 1994 noch einen neuen Erzrivalen. Wie die Intimfeindschaft zwischen Schumacher und Hill ihren Höhepunkt erreichte, erfahren Sie im nächsten Teil der SPOX-Serie: 1995.

Teil 3: 1993 - Von Senna vorgeführt

Teil 2: 1992 - Beinahe-Schlägerei mit Senna

Teil 1: 1991 - Das Debüt-Jahr

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