Poker-Stars: Teil 3 - Tom Dwan

Der ganz normale Durrrrsinn

Von Anant Agarwala
Mittwoch, 09.02.2011 | 19:06 Uhr
Tom Dwan brach sein Englisch-Studium ab und widmete sich dem Poker fulltime
© Youtube

Kranke Wetten um schwindelerregende Summen. Mehr Aufs und Abs als im Rotlichtbezirk. Und ein Kiwi bewahrt die halbe Pokerwelt vor dem Bankrott. Tom Dwan ist Entertainment pur.

1883 geschieht Historisches. Der große Erfinder Thomas Edison - der mit der Glühbirne - bringt ganz Roselle/New Jersey elektrisch zum Leuchten. Als erstes Dorf der Welt überhaupt ist Roselle durch Oberleitungen vernetzt.

Schnitt. Etwas über ein Jahrhundert später. Phil Ivey lernt an diesem einzigartigen Ort von seinem Großvater Pokerspielen. Schnitt. Währenddessen, keine 14 Meilen Luftlinie: Der kleine Thomas erblickt das Licht der Welt. Im hübschen Städtchen: Edison. Das klingt doch nach Erleuchtung.

24 Jahre später hat jener Thomas, genannt Tom, das Pokerspiel zwar nicht neu erfunden, aber immerhin revolutioniert. Denn er ist der erste Online-Star, der sich auch im Live-Poker höchsten Respekt erzockt und die Eliteklasse damit bereichert hat: Tom Dwan.

"Mittlerweile zählt er auch beim Live-Poker zu den Besten. Beim Cashgame gibt es eigentlich keine Unterschiede mehr zu Phil Ivey, Patrik Antonius oder den anderen Topspielern", erklärt Deutschlands Poker-Experte Michael Körner im Gespräch mit SPOX. "Dwan hat auf alles eine Anwort."

Steile Karriere dank Schneesturm

Seine steile Karriere verdankt Dwan auch einem Schneesturm. Der legt im Jahr 2004 halb New Jersey lahm und durchkreuzt seine Kinopläne für den Abend. Auch ein paar Körbe werfen macht bei dem Wetter keinen Sinn. Und so startet er aus Langeweile seine Online-Gamblingkarriere bei Empire Poker.

Bei der Wahl des Nicknames kommt er ganz kurz ins Grübeln. Dwan entscheidet sich für die absurde Lösung: durrrr. Ein Name, der keine Angst macht und gleichzeitig so bescheuert klingt, dass man nicht gegen ihn verlieren will. Eine gute Wahl, sieben Jahre später gibt es bei Full Tilt Poker drei nach ihm benannte Tables: durrrr, durrrrmatology und Thundurrrrdome.

Wirklich Ahnung hat Dwan zunächst nicht, seine Pokererfahrung beschränkt sich auf eine einzige Partie am Familientisch. Aber durrrr lernt extrem schnell. Nach einem halben Jahr steht er bei 15.000 Dollar. Ein Jahr später, Dwan ist dem elterlichen Gemotze über sein neues Hobby mittlerweile entflohen und studiert in Boston, hat sich diese Summe verzehnfacht.

Jede Menge Holz für einen Studenten. Beziehungsweise zu viel Holz: Denn Dwan verlässt mit 19 Jahren das College, um professioneller Gambler zu werden. Ganz konventionell mit 40-Stundenwoche, wenn auch nicht auf 9-to-5-basis. Und Dwan nimmt die Online-Szene auseinander. Konsequent arbeitet sich der Teenager an Multitables in den Limits nach oben.

Extreme Schwankungen

Er verdient innerhalb kurzer Zeit unglaublich viel Geld: "Die Stakes stiegen unaufhaltsam an, genau wie die Fehler meiner Gegner an den Tischen", sagt Dwan rückblickend über seine katapultartigen Start im Online-Business. Schon 20-jährig ist Dwan Multimillionär. Selbstverständlich geht es nicht nur aufwärts. Immer wieder wandern auch aberwitzige Summen virtueller Dollars zu seinen Gegnern.

Michael Körner erklärt: "Das Problem ist Pot Limit Omaha. Immer nur No Limit Hold'em zu spielen, ist ihm zu langweilig. Die Jungs spielen PLO, weil sie Actionjunkies sind. Und da muss man mit diesen extremen Schwankungen klarkommen."

Dwans extreme Schwankungen lesen sich so: Februar bis Mai 2007: über zwei Millionen Dollar Verlust. 2008: Ein Online-Verdienst von 5,4 Millionen Dollar. Spätherbst 2009: Kaum Mitglied des elitären Team Full Tilt, verzockt Dwan innerhalb von sechs Wochen über sechs Millionen Dollar. 2010: Im Fühjahr hat durrrr schon wieder sieben Millionen Doller erspielt, mit "bescheidenen" 3,6 Millionen Plus in der Jahresbilanz loggt er sich aus.

Mehr Aufs und Abs als im Rotlichtbezirk - der ganz normale Durrrrsinn. Es ist beruhigend zu wissen, dass Dwan nach eigener Aussage Poker auch dann genießt, wenn er mal verliert.

Weg aus der Anonymität des Internets

"Erst Recht, seit er eine Beteiligung bei Full Tilt hat, ist es ihm völlig Wurst, wenn er mal zwei oder drei Millionen im Minus ist. Denn da kommt immer Geld nachgeschossen", weiß Körner. "Und es ist genau das, was er für sein Spiel braucht: Zu verkörpern, dass es ihm nichts ausmacht, mal ein paar Millionen zu verlieren."

Außerdem ist seine Online-Bankroll nicht alles. Denn der blasse Junge mit den klaren Augen bleibt nur kurz ein gesichtsloser Avatar. Kaum ist er berechtigt, auch in Casinos zu pokern, setzt er sich an die Tische mit den höchsten Stakes.

Nach einer Eingewöhnungsphase mit dem erfolglosen Versuch, seine Internetspielweise eins zu eins auf die Live-Tables zu übertragen, gelingt Dwan es, auch mit den absoluten Superstars der Szene mitzuhalten. Körner sieht in Dwans Online-Hintergrund einen enormen Vorteil: "Er hat online schon so viele Millionen Hände gespielt. Er kennt jede Situation am Tisch, hat alle Setzmuster und Konstellationen schon mal erlebt und mit Anfang 20 wohl schon das Zehnfache an Händen gespielt wie Doyle Brunson."

Aggressivität gepaart mit Selbstvertrauen

Hinzu kommt das mehrdimensionale Spiel des Milchbubis von der East Coast. "Er ist unglaublich kreativ und stellt seine Gegner immer vor schwierige Entscheidungen", rät Körner davon ab, Dwan auf seine aggressive Spielweise zu reduzieren. "Er lebt von seinem enormen Selbstvertrauen."

Oder, um mit Poker-Autor Michael Craig zu sprechen: "I don't know if Tom Dwan has bigger balls than the rest of the world, or just more of them."

Beispiel gefällig? 480.000 Dollar-Bluff mit angesagten 7-2 offsuit: Hier geht's zum Video.

Und Dwans Eier spiegeln sich auch in seinen Herausforderungen wider. 2009 ruft er die "Million Dollar Challenge" ins Leben. Heads-Up an vier Tischen gleichzeitig. 50.000 Hände. Ist der Herausforderer am Ende auch nur einen Dollar vorne, zahlt Dwan ihm 1,5 Millionen Dollar.

Liegt sein Gegner auch nur einen Dollar hinten, macht er Dwan um 500.000 Dollar reicher. Wie heißt es so schön: Put your money where your mouth is. Mit Patrik Antonius und Daniel "Jungleman12" Cates befindet er sich parallel im Battle, noch ist allerdings keine Challenge beendet. Denn kaum taucht irgendwo ein neuer Fish in den High-Limit-Haifischbecken der Pros auf, wird die Challenge unterbrochen, um ihn auszunehmen.

Auf der Suche nach dem nächsten Kick

Dabei gehe es Dwan "beim Pokern am Ende am wenigsten ums Geld. Denn das bekommt er irgendwie immer. Er sucht sich einfach ständig neue Herausforderungen", sagt Körner.

Der Action-Junkie ist immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. So lädt er sich durch irrsinnige Bracelet-Bets auf der WSOP zusätzlichen Druck auf.

Juni 2010, das Rio Casino platzt aus allen Nähten. Auch jede Menge Pros schielen immer wieder auf die Action am Final Table des No-Limit Hold'em Events. Und die Pros haben nur einen Wunsch: Bitte lass irgendeinen Amateur Tom Dwan besiegen.

Denn gewinnt Dwan, darf er sich nicht nur über sein erstes Bracelet freuen, sondern auch, so munkelt man in Vegas, über mehr als zehn Millionen Dollar aus Seitenwetten mit Phil Ivey, Daniel Negreanu und Co.

Der Durrrrsinn geht weiter

Als Negreanu und Mike Matusow sich jubelnd in die Arme fallen und wie kleine Kinder freudestrahlend und kreischend durchs Rio laufen, ist klar: Dwan ist geschlagen.

Die German Virgins von Simon Watt halten und der Software-Entwickler aus Neuseeland steigt zum Helden der versammelten Profiwelt auf. Statt den größten Paycheck seiner Karriere zu kassieren, muss Dwan nun selber kräftig abdrücken. Bei den gängigen Quoten von 3:1 also mutmaßliche 3,3 Millionen Dollar.

Nicht nur deshalb ist anzunehmen, dass Dwan in den nächsten Jahren umso mehr versuchen wird, an eins der begehrten Armbänder zu kommen. Aber auch die irrsinnigen Cashgames nehmen kein Ende.

Im vergangenen November hat Dwan in Macau unbestätigten Berichten zufolge chinesische Geschäftsmänner um neun Millionen Dollar erleichtert und die ersten millionenschweren Wetten für die kommende WSOP mit Ivey sind schon abgeschlossen. Eins scheint also sicher: Der Durrrrsinn geht weiter.

Poker-Stars: Teil 2 - Phil Ivey

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