Fussball

Rapid Wiens Boli Bolingoli: "Wir konnten dieses Leben hinter uns lassen"

Boli Bolingoli im Interview mit SPOX
© Fabian Zerche

Wenn Boli Bolingoli durch den siebten Wiener Gemeindebezirk spaziert, dann kennen ihn die Leute. Besonders im Gasthaus Wiener in der Hermanngasse, wo der Kartoffelsalat besonders schmeckt. "Life is good", sagt Bolingoli, der mittlerweile auch schon sehr gut Deutsch spricht, im Gespräch mit SPOX.

In Wien hat der athletische Linksverteidiger eine zweite Heimat gefunden. "Ich liebe es hier. Manchmal sind die Leute zwar etwas distanziert, aber insgesamt sind sie freundlich und offen. Wien ist wunderschön", sagt der Belgier, dem es für den echten Wiener noch am notwendigen Grant fehlt.

Dabei hätte Bolingoli genügend Gründe, manchmal grantig zu sein. In den letzten Tagen dachte er wieder öfter an seine Kindheit. Wie viele andere Fußball-Fans las auch Bolingoli den bemerkenswerten The-Players-Tribune-Beitrag seines Cousins Romelu Lukaku, der normalerweise bei Manchester United kickt, aktuell aber mit Belgien den Weltmeistertitel jagt. "Ich erinnere mich exakt an den Moment, an dem wir Pleite waren", beginnt Lukaku die Geschichte über seine Jugend. Als es nur Brot und Milch gab, keinen Strom, kaltes Wasser.

Bolingoli: Stolze Eltern

"Wir hatten eine schwere Kindheit", erinnert sich Bolingoli, der gemeinsam mit Romelu und Jordan Lukaku, Stammspieler bei Lazio Rom, in Antwerpen aufwuchs. "Wir hatten nicht genug - aber das haben wir der Außenwelt nie gezeigt. Wir haben immer unser Lächeln behalten, blieben glücklich und versuchten das Leben zu genießen. Auch wenn es nicht leicht war. Viele Leute denken, wir hatten eine normale Kindheit. Aber sie wissen nicht, was hinter verschlossenen Türen passierte."

Jordan und Romelu wurden in Antwerpen geboren, Boli im Kongo. Mit sechs Jahren kam er mit seiner Familie nach Belgien. Gemeinsam bestritten sie die Kinderjahre, spielten Fußball, fuhren auf Urlaub, feierten. Und alle drei verfolgten dasselbe Ziel: "Unsere Lebensumstände waren der Grund, warum wir alle drei professionelle Fußballer wurden. Jetzt versuchen wir, unsere Familien glücklich zu machen, etwas zurückzugeben. Romelus und Jordans Mutter hatte es nicht einfach, jetzt bekommt sie von ihren Söhnen große Unterstützung. Wir konnten dieses Leben hinter uns lassen und dafür sorgen, dass nicht nur unsere Eltern ein gutes Leben führen, sondern irgendwann auch unsere Kinder. Ich denke, unsere Eltern sind stolz auf uns", sagt Bolingoli, der noch nicht am Ende seiner Träume ist.

Wenn der ehemalige FC-Brügge-Kicker über Deutschland, Italien oder England spricht, werden die Augen groß. "Klar, ich bin in meiner Entwicklung noch hinter meinen Cousins - aber ich bin zuversichtlich, dass ich es ganz nach oben schaffe", sagt er. "Ich habe das Potenzial, in meiner Karriere sehr weit zu kommen. Bundesliga, Premier League. Ich habe die Qualität dafür. Aber um dort hinzugelangen, muss ich unglaublich viel arbeiten. Das kommt nicht von selbst. Aber ich weiß, dass ich diesen Level erreichen werde. Erst mit Rapid Erfolge feiern, dann wird man sehen ", ist sich Bolingoli sicher und kann sich freundschaftliche Rivalität nicht verkneifen.

"Ich habe die beste Technik in der Familie. Du kannst sie fragen", lacht Bolingoli. "Das ist kein Witz. Romelu ist der robuste Stürmer, Jordan vermutlich der schnellste. Und ich habe die beste Technik. Dann kommt Jordan, dann Romelu. Aber das ist eine knappe Angelegenheit", sagt Bolingoli und grinst. Defizite hat der Rapid-Kicker dennoch. "Für mich war die Umstellung vom Offensivspieler zum Linksverteidiger nicht ganz einfach", sagt Bolingoli, der sich selbst als Wing-Back bezeichnet. "Ich versuche diese Position zu lernen. Wie man sich positionieren muss etwa. Und irgendwann möchte ich ein Spieler wie Marcelo sein", lacht Bolingoli und weiß: "Es gibt viele gute Flügelspieler, aber vielleicht nicht ganz so viele offensive Außenverteidiger."

Boli Bolingoli: Erst holprig, dann stark

Bolingolis Knöchelverletzung im Saison-Finish ist längst verheilt, der 23-Jährige steht voll im Mannschaftstraining. "Ich bin zu 100 Prozent fit", sagt er und blickt auf sein vergangenes Jahr im Rapid-Trikot zurück: "Klar hatte ich zu Beginn Schwierigkeiten. Neuer Klub, neues Land, neue Kultur - zudem die ganzen Dinge, die man nebenher erledigen muss. Ich brauchte Zeit, um mich akklimatisieren zu können." Insgesamt ist er mit seiner Entwicklung zufrieden. "Aber ich erwarte nächste Saison viel von mir."

Irgendwann wird Rapid mit Bolingoli viel Geld verdienen, so wie es die Wiener schon mit vielen Spielern zuvor taten. Sportdirektor Fredy Bickel sprach vor einigen Wochen von zahlreichen Interessenten. Nun stehen die Zeichen aber auf Verbleib: "Ich bleibe hier und bin davon überzeugt, dass wir besser abschneiden als letzte Saison. Ich habe so ein Gefühl, dass wir etwas erreichen können. Top-Drei? Ganz sicher. Aber wir wollen nicht auf dem dritten Platz landen, sondern mehr."

Salzburgs EL-Lauf? "Können wir auch schaffen"

"Mein Ziel bleibt gleich wie in der Saison davor. Wir wollen in der Liga an die Spitze und eine erfolgreiche Europa-League-Qualifikation spielen. Jeder will Meister werden, Rapid ist ein großer Klub", erklärt Bolingoli und zieht aus der starken Saison der Bullen Motivation: "Salzburg hat viel Qualität, man muss fair sein und ihre Leistungen aus der Vorsaison anerkennen. Sie haben sich in der Europa League hervorragend geschlagen. Aber für mich ist das eine Inspiration - wir waren in den Duellen gegen sie nicht chancenlos. Und wenn ich dann sehe, wie weit sie es geschafft haben, denke ich: Wir können das auch erreichen. Dafür müssen wir hart arbeiten. Und dämliche, unnötige Punkteverluste minimieren", sagt Bolingoli und lacht wieder.

Aber bevor Bolingoli am 29. Juli mit Rapid gegen die Admira in die Saison startet, hat er noch ein Auge auf seinen Cousin. "Ich sage, dass Belgien Weltmeister wird, wenn sie fokussiert bleiben. Selbst gegen Brasilien haben sie gute Chancen", prognostiziert er. "Und Romelu kann Torschützenkönig werden." Und dann soll es auch mit einer Stippvisite klappen. "Jordan wollte im Saison-Finish kommen, aber da habe ich mich verletzt und wir haben seinen Besuch verschoben. Und Romelu ist schwer mit der WM beschäftigt." Und nachher kommt vielleicht ein Weltmeister nach Hütteldorf.

Boli Bolingoli: Leistungsdaten

WettbewerbVereinSpieleToreVorlagen
BundesligaRapid Wien2815
Jupiler Pro LeagueFC Brügge3211
Champions LeagueFC Brügge3--
Europa LeagueFC Brügge931
Jupiler Pro LeagueVV St. Truiden18--
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