Fussball

Fuchs: "RB Leipzig beeindruckt mich"

"Das ÖFB-Team steht jetzt mit dem Rücken zur Wand"

Im ausführlichen Interview mit SPOX spricht Premier-League-Sieger und Ex-Nationalteamkapitän Christian Fuchs über Österreichs Linksverteidigerdebatte, seinen Rücktritt und RB Leipzig.

Zum ersten Mal sah ich Christian Fuchs irgendwann im Jahr 2004 Fußballspielen. Ich saß im Mattersburger Pappelstadion auf der Längstribüne und hatte mit Fuchs eines gemeinsam: Wir waren ziemlich jung. Ein Burgenländer Kiebitz, damals kamen noch bis zu 15.000 Zuschauer zu den Spielen der Mattersburger, klopfte grob auf meine Schulter und sagte zu mir: "Bua, der Fuchsl wird einer." Er sollte Recht behalten. Nach vier Jahren stetiger Entwicklung wechselte der Linksverteidiger für rund eine Million Euro zum VfL Bochum. Mainz 05 und Schalke 04 folgten. Der heute 30-Jährige bekam die Kapitänsbinde der Nationalmannschaft umgebunden und verabschiedete sich im vergangenen Sommer nach Leicester. Der Rest ist Geschichte. Im Interview mit SPOX spricht Christian Fuchs über Abstiegskampf nach Titelekstase, Österreichs Linksverteidigerdebatte und RB Leipzig.

SPOX: Christian, kannst du in Leicester eigentlich noch in Ruhe mit einem Kumpel Pizza essen gehen?

Christian Fuchs: Die Aufmerksamkeit und der Bekanntheitsgrad sind gestiegen. Aber die Leute in Leicester sind sehr respektvoll und lassen dich in Ruhe. Es gibt zwar viele Fotowünsche, aber insgesamt hält sich der Andrang in Grenzen.

SPOX: Trotz der Niederlage gegen Porto wurdet ihr Gruppensieger in eurer Champions-League-Gruppe. Der Leicester-Twitter-Account zitiert dich mit den Worten: "Wenn man so weit gekommen ist, will man auch das Maximum erreichen." Nach der letzten Saison ist das Maximum nur mehr schwer zu definieren, oder?

Fuchs: Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Das ist unsere Philosophie. Wie weit es dann geht, steht in den Sternen. Aber natürlich sind wir hungrig und wollen alles geben, um so weit wie möglich zu kommen.

SPOX: Schadet das Champions-League-Abenteuer eurer Liga-Performance?

Fuchs: Das ist schwer zu sagen. Es kann vielleicht ein Mitgrund sein, ich persönlich glaube aber nicht daran. Wir haben zwischen den Spielen genug Zeit, um uns auf die Premier League vorzubereiten.

SPOX: Im Achtelfinale trefft ihr auf Sevilla. Gefühlsmäßig extrem unangenehm.

Fuchs: Sie haben in den letzten drei Jahren die Europa League gewonnen. In den letzten zehn Jahren fünfmal. Das ist schon eine richtig gute Mannschaft, die da auf uns zukommt. Aber wir nehmen die Herausforderung gerne an - im Achtelfinale kann man sowieso nur Klassetruppen bekommen, darum sind wir recht unberührt. Wir freuen uns drauf: Super Gegner, super Los.

SPOX: Für euch ist die Saison eine ziemliche Achterbahnfahrt. 0:5 gegen Porto, 4:2 gegen Manchester City, 0:1 gegen Bournemouth, 2:2 gegen Stoke City.

Fuchs: Wir haben momentan etwas Pech im Spiel. Auch gegen Bournemouth hätten wir einen Punkt holen können und waren in der zweiten Halbzeit gut drauf. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir wieder in die Erfolgsspur finden. Wir haben enorm viel Qualität in unseren Reihen. Der Sieg gegen Manchester City war ja super, aber vielleicht braucht es auch mal wieder einen dreckigen Sieg - auf Biegen und Brechen.

SPOX: In englischen Medien fällt vermehrt das Wort "Abstiegskampf ".

Fuchs: Der Abstand nach unten ist nicht groß. Aber wie gesagt: Ich weiß, was die Mannschaft leisten kann. Gegen Manchester City haben wir das ja gezeigt. Ich rechne mit einem Lauf, der den Abstand vergrößert und uns auch in der Tabelle wieder etwas nach oben bringt.

SPOX: Hast du das Gefühl, dass die Gegner euch nun anders begegnen?

Fuchs: (lacht) Na gut, sie haben aus der letzten Saison gelernt und kennen unsere Stärken besser. Trotzdem sind wir schwer zu spielen. Wir stehen sehr kompakt und diszipliniert, jeder hackelt für den anderen. Und trotz allem waren wir mit unserer Schnelligkeit im Konter schwer zu verteidigen. Grundsätzlich können sie sich aber etwas besser auf uns einstellen.

SPOX: Euer Treffer zum 3:0 gegen Manchester City war ja ein Spiegelbild der Vorsaison. Diagonalpass von dir, Mahrez leitet den Ball mit einer Berührung in Vardys Lauf, Tor.

Fuchs: Genau so ist es.

SPOX: Leicester hat im Sommer drei Rekordtransfers getätigt. Nampalys Mendy (15,5 Millionen Euro), Ahmed Musa (19,5 Millionen Euro) und Islam Slimani (30 Millionen Euro). Merkt man den Qualitätssprung?

Fuchs: Die Jungs haben ihre Qualitäten schon gezeigt und für Tore gesorgt. Sie gliedern sich gut ein. Alle drei geben eine richtig gute Figur ab.

SPOX: Habt ihr vor der Saison eigentlich ein Saisonziel ausgegeben?

Fuchs: Nein, nicht wirklich. Aber ich denke mit der Mannschaft, die wir haben, ist eine Top-10-Platzierung möglich. Aber dafür müssen wir jetzt Punkte sammeln.

SPOX: Arsenals Per Mertesacker hat nach dem WM-Titel gesagt, dass er in den ersten Wochen danach Motivationsprobleme hatte. Ging es dir nach dem Sommer ähnlich?

Fuchs: Nein, im Gegenteil. Ich war hungriger.

SPOX: An Vardy und Mahrez waren Topklubs wie Arsenal dran, trotzdem haben sie dem Klub die Treue gehalten. Hast du damit gerechnet?

Fuchs: Insgeheim ja. Klar, es gab viele Schlagzeilen über einen potenziellen Transfer und ich denke das war auch ein Thema, aber sie wissen ganz genau, was sie an der Mannschaft und Leicester City haben. Man bekommt eine gewisse Wertschätzung und von dem her habe ich da gelassen zugeschaut. Ich war mir sicher, dass die Jungs bleiben.

SPOX: Dass sich N'Golo Kanté anders entschieden hat, ist hingegen super für Chelsea. Der macht genau da weiter, wo er in der letzten Saison aufgehört hat.

Fuchs: Er war ein wichtiger Baustein unseres Systems. Wir haben uns dementsprechend verstärkt, aber leider haben uns Ausfälle gebremst. Wie zum Beispiel bei Nampalys Mendy, der sich leider früh in der Saison verletzt hat und ein adäquater Ersatz wäre. Aber für Spieler, die in der letzten Saison nicht so zum Zug gekommen sind, ist die Situation eine große Chance sich zu beweisen. Wie zum Beispiel Andy King, der jetzt oft zum Zug kommt und ein wichtiges Tor gemacht hat.

SPOX: Zusätzlich kommt jetzt noch Onyinye Ndidi (19) von KRC Genk. Die Ablösesumme wird auf 18 Millionen Euro geschätzt. Aber das ist noch gar nicht offiziell, oder?

Fuchs: Du, das weiß ich gar nicht. Damit habe ich mich nicht auseinandergesetzt - erst wenn es soweit ist.

SPOX: Auch du hast recht überraschend um ein weiteres Jahr bis 2019 verlängert. Für 2018 hattest du ja deinen Abschied Richtung USA angekündigt. Warum der Sinneswandel?

Fuchs: Ich fühle mich in Leicester sehr wohl. Mir ist die Entscheidung aber nicht ganz leicht gefallen. Jetzt bin ich noch ein Jahr länger von meiner Familie und meinen Kindern getrennt. Das hat die Unterschrift nicht einfacher gemacht. Aber ich habe jetzt Sicherheit für meine Familie, das ist für die Zukunft ja auch nicht unwesentlich.

SPOX: In der letzten Länderspielpause warst du auf Heimatbesuch in New York. Hast du da einen Deal mit Claudio Ranieri, der dich immer wieder mal zu deiner Familie lässt?

Fuchs: Wir haben gelegentlich ein paar Tage frei - vor allem in der Länderspielpause. Diese Chance nutze ich dann dazu, zu meiner Familie zu fliegen.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung