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Tennis

Zverev: "Ich habe versagt"

Alexander Zverev scheitert in der Gruppenphase der ATP Finals
© getty

Alexander Zverev' Super-Saison nahm mit der Niederlage im entscheidenden Gruppenspiel bei den Nitto ATP Finals in London gegen Jack Sock ein jähes und tragisches Ende.

Ein paar Tage vor der Weltmeisterschaft wurde Alexander Zverev gefragt, wie gut er inzwischen mit schweren Niederlagen klarkomme. Er sei "gewiss keiner, der besonders gut verlieren kann", antwortete Zverev. Und fügte dann hinzu: "Ich trauere dem jetzt aber nicht mehr lange nach, sondern stürze mich wieder in die Arbeit. Denn nächste Woche gibt es schon wieder ein neues Turnier."

Aber jetzt, nach dem 16. November 2017, kommt erst mal kein neues Turnier, keine neue Chance. Keine Möglichkeit zum Vergessen, Verdrängen oder schnellen Verarbeiten. Binnen weniger Sekunden war nämlich am späten Donnerstagabend Zverevs weitgehend großartige Saison ernüchternd beendet. Es stand 4:5 und 30:30 im dritten und entscheidenden Satz seines letzten Gruppenspiels gegen Jack Sock, des Alles-oder-Nichts-Spiels um den Einzug ins Halbfinale, da servierte Zverev zunächst einen Doppelfehler - 30:40 also, Matchball Sock. Ein längerer Ballwechsel folgte, bei dem Zverev schließlich eine leichte Vorhand ins Aus setzte. Aus und vorbei das Spiel, das Turnier, das Tennisjahr 2017. Mit einem schonungslosen Selbstzeugnis des 20-jährigen Himmelsstürmers, der aktuellen Nummer 3 der Weltrangliste: "Ich habe versagt. Die Nerven haben mir einen Streich gespielt." Damit nicht genug, bemängelte Zverev den ganzen Tennisherbst, die Zeit nach den US Open: "Da habe ich überwiegend Mist gespielt." Er wird diesen Frust nun erst mal mitnehmen, in die Ferien auf den Malediven.

Chance war da

London, die WM mit einer überraschenden Besetzung ohne viele Topnamen wie Novak Djokovic oder Andy Murray hatte Zverev die Chance geboten, seine Jahresbilanz zu harmonisieren. 2017 war bis zur WM ein Jahr zwiespältiger Eindrücke. Fast immer herausragend im Alltag auf der Tour, mit zwei Masters-Triumphen, drei weiteren Pokalcoups, dem Vormarsch in der Weltrangliste. Aber auch ein Jahr, in dem bei den alles überstrahlenden Grand Slams der Durchbruch nicht gelang. Was auch keineswegs schlimm war, für einen gerade dem Teenageralter erwachsenen Jungprofi. Was aber nicht zu Zverevs eigenen Ansprüchen passte. Nur in Wimbledon schaffte er den Sprung in die zweite Turnierwoche, bei den French Open und den US Open verlor er Matches, die er nicht verlieren musste. In Melbourne lieferte er Rafael Nadal einen heroischen Fünf-Satz-Kampf, konnte verlockende Siegmöglichkeiten nicht nutzen.

Das WM-Championat hätte sein Turnier, sein Moment sein können. Es gab keinen im Feld der acht Saisonbesten, vor dem Zverev sich hätte fürchten sollen oder müssen. Auch nicht vor Roger Federer, dem Freund und Idol. Gegen ihn, den Maestro, hatte Zverev im zweiten Gruppenspiel alle Optionen zum Sieg, aber ein nach 4:0-Führung verlorenen Tiebreak in Satz 1 brachte das ganze Projekt WM in Turbulenzen. Gegen den Amerikaner Sock, einen Mann, der sich in letzter Sekunde für die WM qualifiziert hatte und locker, lässig und entspannt aufspielte, stand Zverev unter massivem Druck, auch dem eigenen Erwartungsdruck. Am Ende scheiterte er unter dieser Last, es zeigte sich, dass Zverev mental noch nicht immer für diese Spitzenspiele von der ersten bis zur letzten Minute bereit ist.

Zverev spürt Anstrengungen

Und es zeigte sich auch, dass die Saisonplanung im Team Zverev sich allmählich den veränderten Realitäten anpassen muss: Zverev muss seine Einsätze besser dosieren, sich genügend Pausen nehmen, um das Jahr bis zur WM besser zu überstehen. In diesem Herbst spielte Zverev viel zu viel Tennis, nahm - schon entkräftet - zu viele Negativerlebnisse nach London mit. Er spielte nur noch ein einziges ordentliches Turnier nach dem New Yorker Grand Slam, den ATP-Wettbewerb in Peking, bei dem er ins Halbfinale vorstieß. Sowohl gegen Federer wie auch gegen Sock wirkte Zverev in London im dritten Satz am Limit seiner körperlichen Potenziale, kein Wunder bei inzwischen 77 Saisonmatches. "Ich habe schon meine Knochen gespürt", sagte Zverev, "die letzten Wochen waren überhaupt sehr hart."

Nichts nimmt all dies von einem Jahr, in dem Zverevs Auftritte immer wieder zum Träumen einluden. Zur begründeten Erwartung, dass hier der nächste deutsche Grand Slam-Sieger heranwachsen kann. Zverev ist die Nummer 3 der Welt geworden, er steht direkt hinter den beiden Granden Nadal und Federer, er ist so etwas wie der geborene Thronfolger und Erbe. Federer, zum Beispiel, war mit 20 längst nicht so weit wie Zverev. Er musste, genau wie jetzt Zverev, erst noch in die Rolle des ganz großen Siegertypen heranwachsen. Zverev hatte das auch, bereits vor der WM, thematisiert: "Es ist nicht leicht, dieses Profileben. Mit 20 Jahren, unter ständiger öffentlicher Beobachtung." Auch das erklärt dann vielleicht, warum man im dritten Satz eines WM-Spiels noch in diesem Alter die Nerven verlieren kann. - und scheitert.

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