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NFL

Cleveland Browns: Kevin Stefanski ändert mehr als nur die Offensive

Von Ruben Martin
Kevin Stefanski ist der neue Headcoach der Cleveland Browns.

Die Cleveland Browns und Baker Mayfield zählen zu den Gewinnern der Offseason - genau wie vor einem Jahr. Die Franchise, die Jahre lang als Lachnummer der gesamten NFL herhalten musste, konnte die Playoffs in der vergangenen Saison jedoch trotz hohen Erwartungen nicht erreichen. Wird sich die Enttäuschung wiederholen? Kevin Stefanski bringt (fast) alle Voraussetzungen mit, um dies zu verhindern.

"Pittsburgh started it".

Mit dieser Aufschrift auf seinem T-Shirt kommentierte der damalige Browns-Head-Coach Freddie Kitchens die Auseinandersetzung zwischen seinem Team und dem Divisionsrivalen aus Pittsburgh in Woche 11, in der Myles Garrett nach Steelers-Quarterback Mason Rudolph mit dessen Helm schlug.

Das T-Shirt, das auf dem Bild eines Fans mit Kitchens erkennbar war, hätte niemand sehen sollen, erklärte der 45-Jährige danach. Das machte die Situation nicht besser und konnte nicht verhindern, dass aus einer vermeintlichen Randnotiz ein weiteres, extrem unnötiges Kapitel der AFC-North-Rivalität wurde, in der während der letzten Saison keine der beiden Seiten abseits des Feldes ein gutes Bild abgab.

Dabei hatte Kitchens' Einfluss auf die Mannschaft in der Vorsaison für Euphorie unter den geplagten Anhängern der Browns gesorgt. Der ehemalige Quarterback hatte nach seiner Beförderung zum Offensive Coordinator in Woche 9 der Saison 2018/19 sichtlich dazu beigetragen, dass Baker Mayfield eine beeindruckende zweite Hälfte seiner Rookie-Saison spielte. Spätestens mit dem Trade für Odell Beckham kannte der Hype in Cleveland keine Grenzen mehr.

Kitchens scheiterte in der vergangenen Saison jedoch nicht nur darin, das Potenzial seiner plötzlich mit Talent gespickten Mannschaft auf das Feld zu bringen.

Wie von einigen Experten vorhergesagt und befürchtet, machte sich die fehlende Erfahrung des Rookie-Head-Coaches im Umgang mit einigen Situationen abseits des Feldes negativ bemerkbar. Das erschien während der vergangenen Saison als einer der Gründe für ein wiederholt undiszipliniert und unharmonisch auftretendes Browns-Team.

Mit Kevin Stefanski gehen die Browns nun erneut den Weg des erstmaligen Head Coachs. Und dennoch ist vorstellbar, dass Cleveland - einmal mehr im Umbruch und einmal mehr hoffend, den nächsten langfristigen Head Coach gefunden zu haben - unter Stefanski komplett anders auftreten wird.

Stefanski: Ruhig, beliebt und erfolgreich - aber unerfahren

Stefanski war in der vergangenen Saison deutlich erfolgreicher als Kitchens, in einer zumindest in manchen Aspekten vergleichbaren Situation. Beide haben in vielen Jahren als Positionscoaches in der NFL Erfahrung gesammelt und wurden nach guten Ansätzen im Vorjahr als offensive Playcaller auserkoren.

Der große Unterschied: Stefanski konnte sich auf das Geschehen auf dem Feld konzentrieren, während Kitchens sich auch als Mediator in der während der Saison zunehmend angespannten Atmosphäre bei den Browns beweisen sollte.

Stefanski konnte sich in diesem Bereich zu großen Teilen auf Head Coach Mike Zimmer verlassen, der eine "No-Nonsene"-Mentalität in Minnesota etabliert hat. Seit Zimmers Amtsantritt 2014 gab es außer dem jüngsten Zwischenfall mit Stefon Diggs kaum nennenswerte Auseinandersetzungen zwischen den Spielern und dem Trainerstab der Vikings.

Im Idealfall aus Sicht der Browns kann Stefanski den Erfolg, den Zimmer in diesem Bereich hatte, nach Cleveland bringen. Allen Berichten aus Minnesota zufolge war der 38-Jährige dort dank seiner ruhigen Art als "Player's Coach", also ein Trainer, der mit den Spielern auf einer Wellenlänge ist, stets beliebt. Dazu hat der Erfolg seiner Offensive im vergangenen Jahr sicherlich einen Teil beigetragen.

Cleveland Browns: Outside Zone, Play Action und Tight Ends

Die Additionen in der Offense der Browns während dieser Offseason sind klar auf Stefanskis Tendenzen als Playcaller zurückzuführen. In der vergangenen Saison hat er in Absprache mit Gary Kubiak, der eine Sonderrolle im Trainerstab der Vikings einnahm, eine Outside-Zone-Offensive installiert, die von den Shanahans bekannt ist.

Stefanskis eigene Interpretation dieser Offensive, die auf Laufspiel außerhalb der Tackles sowie vielen Play-Action-Pässen beruht und gerade hier Quarterback Baker Mayfield entgegenkommen könnte, sieht viele Formationen mit zwei oder sogar drei Tight Ends auf dem Feld vor.

Die Browns haben Austin Hooper jüngst zum bestbezahlten Tight End aller Zeiten gemacht, David Njoku trotz anhaltenden Tradegerüchten gehalten und mit Viertrundenpick Harrison Bryant einen weiteren fähigen Passfänger auf dieser Position ins Team geholt.

Wide Receiver: Beckham, Landry - und dann?

Die Vikings haben unter Stefanski als Offensive Coordinator auch vergleichsweise viel mit einem Fullback auf dem Feld gespielt, weswegen die Browns Andy Janovich, der zuletzt für die Denver Broncos spielte, unter Vertrag genommen haben.

Weniger wichtig war in Minnesota dagegen der dritte Receiver. Nach dem Top-Duo Odell Beckham Jr. und Jarvis Landry gibt es auch einen klaren Qualitätsabsturz auf dieser Position in Cleveland. Sechstrundenpick Donovan Peoples-Jones könnte diese Rolle schon im Laufe der kommenden Saison von Rashard Higgins übernehmen, der in der vergangenen Saison nur vier Pässe in zehn Spielen gefangen hat.

Vielversprechende Rookies im Roster zu haben, die nicht direkt eine große Rolle spielen müssen, ist ein Luxus, den die Browns im letzten Jahr kaum hatten. Die Mannschaft aus Ohio wurde in diesem Frühling sinnvoll und an wichtigen Positionen tiefer besetzt als im Vorjahr, was im Laufe einer Saison einen großen Unterschied machen kann.

Cleveland Browns: Ein gutes Team wird tiefer im Draft

Um den Rookie, der die wichtigste Rolle bei den Browns in der kommenden Saison einnehmen soll, zu finden, reicht derweil ein Blick in die Top 10 des diesjährigen Drafts. Jedrick Wills von Alabama wird höchstwahrscheinlich ab Woche 1 als Left Tackle starten, genau wie Zweitrundenpick Grant Delpit als Safety. Wills und Free-Agency-Neuzugang Jack Conklin bilden das neue Tackle-Duo in Cleveland, ein massives und notwendiges Upgrade, um Baker Mayfield wieder in die Spur zu bringen.

Schon die beiden Drittrundenpicks Jacob Phillips und Jordan Elliott dagegen werden vermutlich die Chance bekommen, sich in speziellen Rollen zu beweisen. Phillips hat Schwächen in der Passverteidigung, könnte als dritter Linebacker aber früh bei Laufsituationen auf dem Feld stehen.

Selbiges gilt für Defensive Tackle Elliott, der als starker Runstopper eine gute Ergänzung zu Sheldon Richardson und Larry Ogunjobi darstellen könnte. Die beiden Starter des Vorjahres sind zwar beide starke Pass-Rusher, vernachlässigen dabei aber zu häufig ihre Aufgaben in der Laufverteidigung.

An der Offensive Line bietet sich Fünftrundenpick Nick Harris als Alternative an. Harris war einer der besten Center als Zone-Blocker in der jüngsten Draftklasse. Da J.C Tretter auf dieser Position gesetzt ist, wird Harris vermutlich nur im Falle einer Verletzung auf dem Feld stehen und sonst den Ball zu Backup-Quarterback Case Keenum snappen.

Keenum könnte sich auch ohne einen einzelnen bedeutungsvollen Snap zu spielen als geheimer Garant für die Entwicklung Baker Mayfields herausstellen. Der Journeyman hat vor zwei Jahren unter Stefanski, dem damaligen Quarterbacks-Coach der Vikings, die mit Abstand beste Saison seiner Karriere gespielt und kann Mayfield in dieser ungewöhnlichen Offseason mit Rat zur Seite stehen.

Cleveland Browns: Der Hypetrain 2.0 hat Hindernisse vor sich

Die Ungewissheit, wann und wie die nächste Station starten wird, ist vermutlich höchstens ein zweitrangiger Grund dafür, dass die Browns medial von Fans und Experten noch nicht so stark mit Vorschusslorbeeren gekrönt wurden, wie vor einem Jahr.

Neben der immer noch bitteren Enttäuschung, die die vergangene Saison der Browns mit sich brachte, stehen einer zweiten Welle an Optimismus in Cleveland vor allem die Baltimore Ravens und die Pittsburgh Steelers im Weg.

Vor einem Jahr schien die AFC North dagegen so offen wie schon lange zuvor nicht mehr. Hinter Lamar Jacksons Qualitäten als Passer standen große Fragezeichen, die Steelers hatten gerade enttäuschend die Playoffs verpasst.

Anders als im Vorjahr, wie im Nachhinein klar festzustellen ist, scheinen die Browns jedoch auch für eine umkämpfte, lange Saison gerüstet und auf mögliche Schwierigkeiten besser vorbereitet zu sein. Vielleicht sogar, um mit einem Jahr Verspätung um die Playoffs zumindest ernsthaft mitzuspielen.

Viel hängt letztlich an der Entwicklung von zwei Personen: Baker Mayfield und Kevin Stefanski. Gibt es hier positive Resultate, kann die Reise für die Browns auch oder womöglich gerade ohne Hypetrain weit gehen.

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