Suche...
NBA

NBA-Legenden-Serie: George Gervin - Eis in den Adern

George Gervin führte die NBA viermal beim Scoring an
© getty

George Gervin hatte nicht die Physis eines Basketballspielers, kompensierte dies jedoch mit hoher Spielintelligenz und einem unvergleichlichen Stil. Als Scoring-Maschine ging er in die Geschichte ein und hatte einen der am besten passenden Spitznamen überhaupt - zudem gilt er als Prototyp für Kevin Durant. Heute wird die Legende 65 Jahre alt.

Dieser Artikel erschien erstmals am 23. Mai 2014. Alle weiteren Geschichten zu den besten Spielern aller Zeiten gibt es in unserem Legenden-Archiv.

Wer ist die wichtigste Person in der Geschichte der San Antonio Spurs? "Tim Duncan!", würden wohl die meisten Leute antworten, vielleicht auch "Gregg Popovich!". Und direkt falsch wäre das auch nicht, schließlich zeichnet dieses Duo hauptsächlich für die fünf Titel der Spurs verantwortlich. Die Franchise indes hätte es womöglich überhaupt nicht mehr gegeben, wenn 1976, im Jahr der Verschmelzung von NBA und der vorherigen Konkurrenz-Liga ABA, nicht ein gewisser George Gervin zum Team gehört hätte.

Der hatte seit seinem Wechsel im Jahr 1974 nämlich entscheidenden Anteil daran, dass die Spurs zu den erlesenen Teams gehörten, die sich der NBA anschließen durften und es sich auch leisten konnten. Der "Iceman" war ein Publikumsmagnet und Hauptgrund dafür, dass die Spurs in den Jahren vor dem Ende der ABA immer einen der besten Zuschauerschnitte der Liga hatten, was sie wiederum für die NBA attraktiv machte.

Körper aus Mikado-Stäbchen

Die Faszination Gervin ließ sich schon damals nicht in Zahlen oder Erfolgen ausdrücken, auch wenn er in der ABA dreimal All-Star wurde und die Spurs 1976 bis ins ABA-Halbfinale trug. Bei "Ice" ging es vielmehr darum, dass er der vielleicht einzigartigste Scorer war, den die Basketballwelt bis dahin gesehen hatte.

Mit Armen und Beinen wie Mikado-Stäbchen sowie einem "Kampfgewicht", das in etwa dem eines Supermodels der 80er entsprochen haben dürfte, war Gervin nicht gerade ideal gebaut für Basketball auf professionellem Niveau. Aufposten war utopisch, sein Wurf sah ziemlich merkwürdig aus, ein herausragender Athlet war er auch nicht.

Trotzdem schaffte es diese Bohnenstange, über seine Karriere mehr als die Hälfte seiner Würfe zu versenken. Mit einem Arsenal an Bank-Shots, einem extrem effektiven Midrange-Game, seinem legendären Finger Roll, den er problemlos aus mehreren Metern versenken konnte, sowie großartigen Instinkten fand er immer einen Weg, den Ball in den Korb zu bekommen.

Aus Iceberg Slim wird Iceman

"Du kannst ihn nicht verteidigen. Du kannst einfach nur hoffen, dass sein Arm nach 40 Würfen langsam schlapp wird", stellte der langjährige NBA-Coach Dick Motta fest. "Ich glaube, der Typ kann immer punkten, wenn er Lust dazu hat. Man fragt sich schon, ob ihm das nicht langweilig wird."

Diesen Eindruck hatten nicht wenige - Gervin sah auf dem Court stets entspannt aus und schwitzte kaum. Sein lässiger Spielstil veranlasste auch seinen ehemaligen Teamkollegen Fatty Taylor dazu, ihm den Spitznamen "Iceberg Slim" zu geben; ein Name, der 1969 durch das Buch "Pimp" des ehemaligen Zuhälters mit ebenjenem Namen bekannt wurde.

"Mit diesem Image muss ich seitdem leben. Dickes Auto, großer Hut. 'Live fast, die young.' Die Leute, die ich in Detroit kannte, haben wirklich so gelebt. Aber ich hatte immer nur Basketball im Kopf und wollte mit dem ganzen Ghetto-Kram nichts zu tun haben", sagte Gervin einmal.

Nach einer Weile einigte man sich auf "Iceman" - wohl auch, weil nicht einmal die wilde ABA eines ihrer Zugpferde mit einem schwer kriminellen Zuhälter assoziiert wissen wollte.

Kein Burger auf Ice' Kosten

A propos ABA: Jeder Spieler, der dort spielte, hat eine meist kuriose Lieblingsstory. Gervins Geschichte? "Indiana hatte so eine Art Bonus. Jeder darf gratis bei McDonald's essen, wenn Ice weniger als 30 Punkte macht. Und niemals hat jemand auf meine Kosten gegessen", erzählte Gervin mit einem Lachen.

Als 1976 der Wechsel in die NBA bevorstand, gab es trotz der starken Statistiken und der Erfolge Zweifel an Gervin. In der ABA wurde schließlich kaum verteidigt und nur Wert auf Show gelegt, so das Credo. Bestehen blieben Zweifel jedoch nicht lange.

Bereits in seiner zweiten NBA-Saison führte Ice die Liga beim Scoring an - ebenso wie in den beiden Jahre darauf (viermal insgesamt). Gervin war ein überaus effizienter Punktelieferant, der fast nie überdrehte, sondern seine Punkte einfach im Laufe des Spiels einsammelte. 1979/80 kam er so auf 33,1 Punkte pro Spiel, bei für einen Flügel überragenden 52,8 Prozent aus dem Feld.

Die fetten Jahre ...

Zwischen 1978 und 1982 wurde er jedes Mal ins All-NBA First Team gewählt, '78 und '79 zudem Zweiter bei der MVP-Wahl. Gervin und die Spurs nahmen die Liga im Sturm - mit einem halsbrecherischen Spielstil, durch den sie jahrelang um die 120 Punkte pro Spiel erzielten und damit die Liga anführten. "Wie auf der Straße", beschrieb es Gervin, "so wie ich es mag."

Schon in der dritten NBA-Saison erreichten die Spurs die Conference Finals (damals noch in der Eastern Conference) und erspielten sich gegen den Vorjahresmeister Washington Bullets eine 3:1-Führung. Doch die Spurs kollabierten und verloren die Serie in sieben Spielen - obwohl Ice im entscheidenden Spiel 42 Punkte auflegte. Näher sollte er einem Titel nicht mehr kommen.

Zwar erreichten die Spurs bis 1983 jedes Jahr die Playoffs und traten auch noch zwei Mal in den Conference Finals auf, dort war gegen die L.A. Lakers jedoch nichts zu holen. Auch deshalb nagt die Niederlage gegen Washington noch heute an Gervin. "Das ist für mich das Traurige an meiner Karriere, nie im Finale gewesen zu sein", gab er gegenüber Zach Lowe (damals Grantland) während der Finals 2013 zu, "ich hatte vielleicht 40 Punkte, hätte aber wohl 50 machen müssen, damit wir gewinnen."

...sind vorbei

Nach der '83er Saison erlischt der Stern der Spurs recht schnell wieder. Gervin hält seinen Punkteschnitt weiter bei über 20 pro Spiel, die Playoffs werden jedoch erst verpasst, im Folgejahr reicht es auch nur für die erste Runde. In der Folge wird er zu den Chicago Bulls getradet, nach der Saison beendet er mit "nur" 33 Jahren seine NBA-Karriere, spielte danach allerdings noch bis 1990 in der CBA sowie Italien und Spanien.

Auch wenn er als einer der besten Scorer in die Geschichte einging (derzeit Rang 16) und mit 26,18 Punkten pro Spiel den neuntbesten Punkteschnitt aller Zeiten hat, wird ihm der Makel "titellos" auf ewig anhaften. Dabei wird jedoch häufig vergessen, wie viel Pech Gervin in seiner Karriere hatte.

Als er in der ABA bei den Virginia Squires debütierte, spielte dort Julius "Dr. J" Erving gerade seine zweite Saison. Nur ein Jahr später musste der Doktor jedoch aufgrund von Geldproblemen der Franchise an die Nets verhökert werden - kaum vorzustellen, wie die Karrieren der beiden verlaufen wären, hätten sie länger zusammengespielt.

Schlechtes Timing in Chicago

In der Folge war sein bester Mitspieler James Silas, der jedoch nach einer Knieverletzung '76 nie wieder der Alte wurde. In den sieben erfolgreichen NBA-Jahren mit den Spurs spielte Gervin mit nur zwei All-Stars zusammen (Larry Kenon '78 und '79 sowie dem alternden Artis Gilmore '83) - keine ideale Situation in einer Liga, in der fast jedes gute Team zwei, drei oder sogar vier All-Stars hatte.

Was er daraus machte, sollte also keinesfalls unterschätzt werden. Sein Pech änderte sich übrigens auch bei den Bulls nicht - Michael Jordan war zwar bereits beim Team, absolvierte in Gervins einziger Saison in Chicago aber wegen eines gebrochenen Fußes nur 17 Spiele. Mieses Timing, wieder einmal.

Der Shootout mit Thompson

Und so bleibt es bei Geschichten, die seinen unvergleichlichen Stil beschreiben, seinen Scoring-Explosionen, seinem Finger-Roll. Nicht bei Geschichten um riesigen Erfolg in den Playoffs, sondern zum Beispiel um das unfassbare Fernduell mit David Thompson in der Saison 1977/78.

Thompson, seinerseits auch ein "Forgotten Hero" dieser Zeit, hatte am letzten Tag der Saison 73 Punkte aufgelegt. Um die Scoring-Krone zu holen, musste Gervin also mindestens 58 Punkte erzielen - und machte 63. Den Rekord für Punkte in einem Viertel, den Thompson wenige Stunden zuvor aufgestellt hatte (32), überbot Gervin um genau einen Punkt.

Und erneut könnte man von miesem Timing sprechen: Passiert so etwas heute mit zwei NBA-Spielern, explodiert Twitter und tagelang gibt es kein anderes Thema. Damals konnte man sich hingegen schon glücklich schätzen, wenn man überhaupt Bewegtbilder der Spiele zu Gesicht bekam.

Kein Verdruss

So setzt sich Gervins Erbe zusammen, aus Stories wie dieser oder aus Zitaten wie dem folgenden von Lakers-Legende Jerry West aus dem Jahr 1983: "Er ist der einzige Spieler, bei dem ich fürs Zuschauen bezahlen würde." Die nächste Lakers-Legende, Magic Johnson, adelte ihn einst als "besten 1-gegen-1-Spieler aller Zeiten".

Wann immer heute ein Finger-Roll versenkt wird, ehren die Spieler damit den Iceman. Zahlreiche aktuelle Spieler geben an, er sei einer ihrer Lieblingsspieler und Vorbilder gewesen. Wann immer Kevin Durant eine Fabelleistung auflegt, werden die Vergleiche zwischen ihm und Gervin bemüht.

Es ist ein Erbe, mit dem Gervin leben kann. "Es ist etwas Besonderes, NBA-Champion zu werden. Leider habe ich es nicht geschafft, aber ich fühle mich trotzdem wie ein Champion. Meine Karriere war großartig und es bringt nichts, sich über die verpasste Championship zu ärgern. Ich hatte meine Chance."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung