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NBA

Versuch ohne Superstar gescheitert?

Von Cliff Schmit
Nach dem enttäuschenden Ausscheiden stellt sich in Colorado erneut die Frage nach einem Superstar
© getty

Das frühe Aus der Denver Nuggets ist ein weiterer Beleg dafür, dass eine erfolgreiche reguläre Saison nicht zwangsläufig in einen tiefen Playoff-Run münden muss. Obwohl die Truppe aus der Mile-High-City mit 57 Siegen die beste Spielzeit der Franchise-Geschichte absolvierte, steht man nach sechs teilweise ernüchternden Partien gegen die Golden State Warriors mit leeren Händen da.

Dabei träumte man in Colorado nach der Fabelsaison bereits von höheren Gefilden. Ganze neun Mal waren die Nuggets in den vergangenen zehn Jahren nämlich gleich in der ersten Runde rausgegangen.

Lediglich 2009 kämpfte man sich dank eines überragenden Carmelo Anthony ins Conference-Finale, wo man dann gegen den späteren Champion aus Los Angeles den Kürzeren zog. Nach all den ernüchternden Erstrundenpleiten sollte dieses Jahr alles anders werden.

Man wies nicht nur die beste Heimbilanz (38-3) aller NBA-Teams auf, sondern kam zudem mit der Empfehlung von 23 Siegen in den letzten 26 Saisonspielen in die Playoffs. Nebenbei stellten die Nuggets mit über 106 erzielten Punkten pro Partie den gefährlichsten Angriff der Liga.

Schwache Perimeter-Defense

Das Aus gegen die Warriors ereilte die Goldklumpen in den letzten Tagen allerdings sehenden Auges. Denver offenbarte bereits im Laufe der Saison eklatante Schwächen in der Perimeter-Verteidigung und stellte die zweitschlechteste Dreipunktverteidigung. Gegen ein derart treffsicheres Warriors-Team, Nummer eins bei der Dreiertrefferquote, eine mehr als unglückliche Kombination.

Die Tatsache, dass Golden State nach der Verletzung von Power Forward David Lee gezwungen war, noch kleiner zu agieren und teilweise mit Harrison Barnes und Draymond Green auf den großen Positionen auflief, spielte Denver nicht wirklich in die Karten.

Natürlich wog das Saisonaus von Danilo Gallinari nach der Kreuzbandverletzung schwer. Der Italiener war bis dato mit über 16 Punkten im Schnitt hinter Ty Lawson nicht nur zweitbester Scorer der Nuggets, sondern des Öfteren auch erste Anspielstation in der Crunchtime. Doch selbst ohne Gallo gingen die meisten im Vorfeld von einem ziemlich ungefährdeten Weiterkommen aus.

Miller: "Gar nichts gelernt"

Angetreten mit hohen Erwartungen herrschte nach dem frühen Ausscheiden verständlicher Weise dicke Luft beim Tabellendritten der Western Conference. Routinier Andre Miller, der sein Team in Spiel 1 noch mit einem späten Layup zum Auftakterfolg geführt hatte, antwortete auf die Frage hin, ob seine jüngeren Mitspieler irgendetwas aus dieser Serie gelernt hätten, resignativ: "Nichts, gar nichts."

Der 37-Jährige ging sogar noch weiter und war einer der wenigen, die George Karl öffentlich eine Mitschuld an dem Ausscheiden gaben: "Wir wurden ausgespielt und ausgecoached."

Lawson, mit 16,7 Punkten Topscorer bei den Nuggets wollte im Frust nicht in die gleiche Kerbe schlagen und richtete den Blick stattdessen nach vorne: "Wir sind alle noch unglaublich jung und längst nicht am Ende unserer Entwicklung angekommen. Ich denke, dass jeder noch besser werden und eine weitere Facette zu seinem Spiel hinzufügen kann. Wenn wir alle noch etwas erwachsener werden, wird das in Zukunft alles passen."

Trotz der nachvollziehbaren Frustration sollten die Nuggets nicht vergessen, dass sie in der jüngeren Vergangenheit trotz eines eher mittelprächtigen Standortes Großes geleistet haben.

Langfristige Verträge

Was Denver bei seinen rezenten Siegeszügen ausmacht, ist Flexibilität und Anpassungsgabe. Angesichts des neuen Tarifvertrags hat das Front Office einen mehr als ordentlichen Job erledigt.

Mit Ausnahme von Corey Brewer besitzen alle Leistungsträger Verträge bis mindestens Sommer 2014. Absolut unberechtigte Monsterverträge sucht man in Denver vergeblich. Lediglich das Arbeitspapier von JaVale McGee kann man als etwas überdotiert bezeichnen.

Topverdiener Andre Iguodala verfügt diesen Sommer zwar über eine Player-Option, Insider rechnen allerdings damit, dass der 29-Jährige seine Option über knapp 12 Mio. ziehen und ein weiteres Jahr im Pepsi Center auf Korbjagd gehen wird.

Der Melo-Trade als Segen

Die Umstrukturierung begann im August 2010, als die Nuggets Masai Ujiri als GM installierten. Der neue Mann im Front Office musste sich sofort mit der wachsenden Unzufriedenheit von Carmelo Anthony auseinandersetzen und wählte einen unkonventionellen Weg: "Wir wussten, dass es äußerst schwer werden würde, einen Superstar nach Denver zu locken. Also fragten wir uns: 'Gibt es keinen anderen Weg, den wir beschreiten können? Können wir ein Team auch auf eine andere Weise aufbauen?'"

Die Nuggets fanden in der Tat eine andere Lösung. Anstatt massenhaft auslaufende Verträge oder Draft-Picks zu sammeln, entschied man sich in Colorado, eine andere Richtung einzuschlagen: Denver versuchte einfach mehr durchschnittlich gute Spieler zu verpflichten als alle anderen.

In einem 13 Spieler umgreifenden Riesentrade kamen auf diese Weise unter anderem Danilo Gallinari, Wilson Chandler, Corey Brewer, Kostas Koufos und Timofey Mozgov nach Denver.

Insgesamt stehen zurzeit zehn Akteure im Kader der Nuggets, die in irgendeinem Zusammenhang mit dem Melo-Trade stehen.

Ausgeglichenheit als Schwäche?

Ujiri war sich sicher, dass Spieler wie Gallinari oder Iguodala lediglich auf diese Weise zu ergattern waren: "Wir sehen all diese talentierten Spieler und wissen, dass sie noch nicht ganz perfekt sind oder ihr Potenzial abrufen können. Wären sie ausgereifter gewesen, wären sie wohl nicht nach Denver gekommen."

Bei den Nuggets kommen gleich zehn Spieler auf über zehn Einsatzminuten im Schnitt. Während der 15 Partien andauernden Siegessträhne im Februar und März gab es gleich fünf verschiedene Topscorer: "Wir haben keinen Spieler, der uns auf regelmäßiger Basis 30 Punkte liefern kann. Wir glauben lieber daran, dass jeder an jedem Abend 30 Zähler beisteuern kann," so Brewer.

In den letzten Jahren war es stets so, dass Championship-Teams um einen oder mehrere Starspieler geformt wurden. Denver beschreitet gezielt einen anderen Weg.

Rückschlag für Versuch ohne Superstar

Auf die mangelnden Erfolgsaussichten dieses Unterfangens angesprochen, reagierte Karl bereits im März ziemlich dünnhäutig: "Alle sagen einem, dass du ohne Star nicht bestehen kannst. Ich kann diese Argumentation nicht mehr hören, ich bin müde davon, es ärgert mich. Basketball ist eine Mannschaftssportart. Unsere Aufgabe ist es, das beste Team zu stellen und ich denke, dass dies möglich ist."

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Das Experiment ohne Superstar ist in Denver vorerst gescheitert. Ob die Nuggets ihre nachhaltige Planung deshalb kurzfristig über den Haufen werfen werden, darf jedoch mehr als angezweifelt werden und wäre auch sicherlich nicht empfehlenswert.

Mehrere Verbesserungspunkte

Wollen die Nuggets weiterhin ohne waschechten Franchise Player agieren, müssen sie sich einfach auf mehreren Ebenen verbessern. Zum einen benötigt man definitiv bessere Schützen. Mit einer Dreierquote von 34,3% rangiert Denver lediglich auf Rang 26 in der Liga und strahlt zu wenig Gefahr vom Perimeter aus. Mit Wilson Chandler durchbricht nur ein Akteur die 40%-Barriere.

Die wichtigste Komponente im Spiel von Denver ist allerdings die fehlende Struktur. Der rasende Rhythmus, mit dem die Mannschaft von Karl zuweilen zu Werke geht, birgt die Gefahr, dass offensiv keine Ordnung herrscht.

Mit 99,9 Ballbesitzen pro Partie gehen die Nuggets das zweitschnellste Tempo (hinter Houston) der Liga. Zudem entstehen 19% aller Angriffe in der Transition (Ligaspitze).

Dieser Übereifer im Angriff kann sich allerdings auch negativ auf die Verteidigung auswirken, indem die Spieler in der Defensive ähnlich freestyle auftreten als in der Offensive.

Interne Lösung bereits vorhanden?

Ob die Nuggets sich nun auf die Suche nach einem neuen Superstar begeben oder nicht, vielleicht ist der spielentscheidende Ausnahmekönner bereits unter ihnen.

Lawson und Kenneth Faried sind beide noch am Anfang ihrer verheißungsvollen Karrieren. Bleiben sie gesund und erweitern ihr Arsenal in unmittelbarer Zukunft noch einmal nachhaltig, löst sich dieses von außen herangetragene Problem vielleicht von selbst.

Ansonsten hat die Mannschaft auch in dieser Form sicherlich die Qualität, im nächsten Jahr wieder oben anzugreifen. Wenn man etwas von GM Ujiri und seinem Team erwarten darf, dann ist es die Gewissheit, dass es sicherlich nicht in blinden Aktionismus verfallen wird.

Ergebnisse und Spielplan im Überblick

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