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Olympia

"9,6 Sekunden sind möglich"

Von Carolin Blüchel
sprint, gay, powell
© Getty

München - Olympisches Gold ist gleich Olympisches Gold - sollte man meinen. Doch weit gefehlt! Eine Medaille strahlt stets heller als alle anderen: die des 100-m-Sprints.

Die kürzeste aller Laufstrecken unter freiem Himmel ist seit je her das Highlight jedes Leichtathletik-Events, die Königsdisziplin.

Nüchtern betrachtet sind es nur knappe zehn Sekunden vom Startblock bis zur Ziellinie, doch emotional gesehen, können diese wenigen Sekunden einem Sportler zur Unsterblichkeit verhelfen. Worin liegt die Faszination der 100 Meter?

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Suche nach dem schnellsten Mann der Welt

Vielleicht ist es die einmalige Kombination aus Reaktion, Kraft und Schnelligkeit. Vielleicht ist es die Inszenierung des Rennens mit dem traditionellen Psychokrieg im Vorfeld und dem selbstdarstellerischen Getue unmittelbar vor dem Start.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass dem 100-m-Sieger zugleich das Attribut „Schnellster Mann der Welt" bzw. „Schnellste Frau der Welt" anhaftet.

Eigentlich seltsam. Denn betrachtet man die Spitzengeschwindigkeiten, werden die höchsten Werte über die 200 Meter erreicht. Bei der halben Stadionrunde liegt der Durchschnittswert beim Weltrekord bei ca. 37, 26 km/h, bei den 100 Metern „nur" bei 37,04 km/h.

Um dieses Dilemma zu lösen, traten 1997 die damaligen Weltrekordler über 100 und 200 m, Donovan Bailey und Michael Johnson über 150 m gegeneinander an, Bailey gewann und legitimierte damit die Bezeichnung des schnellsten Mannes der Welt.

Packende Duelle in der Vergangenheit

Geprägt waren die 100 Meter stets von packenden Duellen: Carl Lewis gegen Ben Johnson, Lewis gegen Leroy Burrell, Bailey gegen Frank Fredericks, Maurice Greene gegen Ato Boldon oder Asafa Powell gegen Justin Gatlin. Im Laufe der Jahre pushten sich die Duellanten zu immer utopischeren Zeiten.

In diesem Jahr kämpfen zwei Jamaikaner und ein US-Boy um den Platz auf dem Olymp: Usain Bolt, Asafa Powell und Tyson Gay. Während Powell und Gay die Weltspitze schon seit Jahren in Atem halten, schaffte Bolt erst in dieser Saison so richtig den Durchbruch.

Bolt mit Fabelweltrekord

Im Mai schockte er seine Konkurrenten, als er Powell den Weltrekord in phänomenalen 9,72 Sekunden entriss. Diese Leistung brachte dem 21-Jährigen den Spitznamen „Thunderbolt" (Blitzschlag) ein.

Als erster Sprinter seit Carl Lewis 1984 könnte Bolt in Peking mit Siegen über 100 und 200 Meter sowie der 4x100 Meter-Staffel das olympische Triple gelingen.

Powell lieber Underdog

Das letzte Duell beim Super-Grand-Prix in Stockholm konnte allerdings Powell für sich entscheiden. Der entthronte Weltrekordler fühlt sich in seiner neuen Herausforderer-Rolle äußerst wohl.

"Bolt hat mir eine große Last von den Schultern genommen. Ich bin lieber der Underdog", sagte Powell der "Times" und fügte hinzu. "Ich will nicht jetzt schon 9,7 Sekunden laufen. Ich muss mich langsam steigern." Die Spitze seines Leistungsvermögens will der 25-Jährige pünktlich am 16. August zum großen olympischen Showdown erreichen.

Ob dann auch der Amerikaner Gay ein Wörtchen mitreden kann, bleibt abzuwarten. Der Weltmeister musste bereits bei den knallharten US-Trials im Juni in Topform sein, um sich überhaupt für Peking zu qualifizieren. Das tat er auch in beeindruckenden 9,77 Sekunden. Fraglich ist nur, ob Gay diese Form so lange konservieren kann.

Olympiasieg mit Weltrekord?

Die Erwartungen an das Trio sind jedenfalls hoch. Ein neuer Weltrekord ist fast schon selbstverständlich. Dabei müsste doch nach menschlichem Ermessen irgendwann einmal das Ende der Fahnenstange erreicht sein.

Als Ben Johnson 1988 unter Dopingeinfluss 9,79 Sekunden benötigte, war eigentlich klar, dass sich die Sprinter der Zukunft die Zähne an der 9,8-Sekunden-Marke ausbeißen würden. 20 Jahre später nähern sie sich nun schon der 9,7-Sekunden-Schwelle.
"Ich denke, dass ein Mensch durchaus unter 9,7 laufen kann, aber viel schneller wird es nicht mehr werden, es sei denn man baut ein Beförderungsband auf die Tartanbahn", so Powell. Im dopingfreien Sport sei das Limit bald erreicht.

Drei von fünf Olympiasiegern gedopt

Dopingfreie Sprint-Olympiasieger - sie waren in der Vergangenheit eher rar gesät. Mit Justin Gatlin, Linford Christie und Carl Lewis haben drei der letzten fünf 100-m-Champions kleinere und größere Flecken auf ihrer weißen Weste.
Auch deshalb haben die aktuellen Sprintstars um Powell und Bolt mit einem Generalverdacht zu kämpfen. Der Faszination des 100 m Sprints tut dies jedoch bislang keinen Abbruch.

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