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Olympia

Olympia - Magdalena Neuner und Sven Hannawald im Doppel-Interview: "Manchmal standen ganze Reisebusse vor unserer Tür"

Von Peter Wenig
Magdalena Neuner und Sven Hannawald sind echte Wintersport-Legenden.

Stattdessen sind Sie in den Motorsport gewechselt, der ehemalige Formel-1-Pilot Heinz-Harald Frentzen wurde sogar Ihr Teamkollege. Haben Sie diesen Reiz damals gebraucht?

Hannawald: Ja, beide Sportarten verbindet, dass es krachen kann, wenn man nicht aufpasst. Wenn du zu weit springst oder zu schnell fährst. Durch den Motorsport habe ich mich so weit vom Skispringen gelöst, dass ich wieder darüber reden konnte. Jetzt freue ich mich auf jede neue Saison, die ich als Experte begleiten darf. Ich genieße jeden deutschen Erfolg. Und wenn wir dann bei der Tournee sind oder bei Olympischen Spielen, erinnere ich mich, wie es für mich war. Aber ich sehe mich selber nicht mehr in dem aktuellen Film. Das ist das Entscheidende.

Sie beide gehören noch immer zu den bekanntesten deutschen Sportstars. Wie gehen Sie mit ihrer Popularität um?

Neuner: Jede Medaille hat eine Sonnen- und eine Schattenseite. Ich habe viele, viele Menschen getroffen, die mich wirklich lieben. Und noch immer sagen mir wildfremde Leute, dass ich ihnen so viele schöne Momente beschert habe. Aber es gibt Menschen, die es nicht gut meinen. Die einen angreifen, verbal, vielleicht sogar körperlich. Ich hatte zwei relativ heftige Stalking-Fälle, auch mit Polizeieinsatz bei mir zu Hause, die in Gerichtsverhandlungen mündeten. Das war ganz schlimm. Ich wünsche wirklich niemandem, jahrelang verfolgt zu werden und nicht mehr abends aus dem Haus gehen zu können, weil man so Angst hat. Das ist eben die Schattenseite, und ich glaube, die erleben leider viele prominente Menschen. Ich habe mit einem Psychotherapeuten und Mentaltrainer zusammengearbeitet, der mich auch im Sport sehr erfolgreich gemacht hat und mir sehr geholfen hat. Gott sei Dank konnte ich das alles für mich ablegen. Die positive Seite überwiegt definitiv. Wobei ich schon merke, dass ich das für mich und meine Familie immer weniger mag. Ich glaube, ich bin nicht dafür gemacht, prominent zu sein.

Haben Sie auch deshalb den Namen Ihres Mannes Holzer als Familiennamen angenommen?

Neuner: Ich habe ja gleich nach meiner aktiven Zeit meine Jugendliebe geheiratet. Da haben schon auch manche gesagt: Bist du verrückt? Der Name Neuner ist doch auch deine Marke. Aber sie ist ja geblieben. In meinem Ausweis ist Neuner als Künstlername eingetragen. Wenn die Schule oder der Kindergarten anrufen oder es um einen privaten Termin geht, bin ich einfach Frau Holzer. Da sind die Leute viel neutraler zu mir. Und bei beruflichen Dingen bin ich Frau Neuner, das Umschalten fällt mir leicht.

Neuner: "Das hat mich wahnsinnig gestresst"

Zu Ihrer aktiven Zeit glich das Haus in Wallgau, in dem Sie mit Ihrer Oma gewohnt haben, einem regelrechten Wallfahrtsort.

Neuner: Ich habe damals vormittags und nachmittags trainiert. Mittags wollte ich mich kurz hinlegen, aber ständig hat es geschellt. Und meine Oma, weil sie halt einfach ein so gutmütiger Mensch ist, hat immer aufgemacht und gesagt: "Warten Sie kurz, ich hol sie runter." Das hat mich wahnsinnig gestresst. Ich hatte das Gefühl, dass ich überhaupt kein Privatleben mehr hatte. Manchmal standen ganze Reisebusse vor unserer Tür. Ich habe dann ein höfliches Schild ans Gartentor gehängt und geschrieben: "Bitte sehen Sie davon ab, zu klingeln und Autogramme zu verlangen. Schicken Sie mir doch bitte einen Brief."

Hannawald: Das Problem kenne ich auch. Ich habe früher auch noch Autogramme vor meiner Haustür geschrieben. Aber das war irgendwann nicht mehr machbar. Also habe ich mir nach Wettkämpfen die Zeit genommen, bis gefühlt jeder im Stadion ein Autogramm hatte.

Was würden Sie einem Nachwuchs-Springer oder einer Nachwuchs-Biathletin raten?

Hannawald: Ich würde ihm raten, dass er versuchen soll, bei allem Erfolgsdruck, der kommen wird, den Spaß an seinem Sport nicht zu verlieren. Und dass er sich professionelle Hilfe suchen soll, wenn psychische Probleme kommen. Am Anfang denkt man, es geht bestimmt wieder von selbst weg. Aber das tut es eben nicht, wie mein Fall gezeigt hat. Zum Glück gibt es immer mehr Sportlerinnen und Sportler, die sich öffnen.

Neuner: Dem kann ich nur zustimmen. Ich bin damals ja völlig naiv eingestiegen. Ich dachte, das läuft so wie im Deutschland-Cup. Ich komme ja aus einem kleinen Dorf in Bayern, bin total behütet aufgewachsen. Und dann war ich beim ersten Weltcup in Ruhpolding und völlig von den Socken, was da los ist. Die ganzen Zuschauer, die Dopingkontrollen, die Medien. Das ist ein hartes Geschäft. Und dennoch würde ich jedem raten, bei sich zu bleiben und auch mal "Nein" zu sagen, auch wenn es um viel Geld geht. Ich war damals auch am Rande des Burnouts, mein Mentaltrainer hat mich wieder in die Spur gebracht. Damals wurde ich dafür belächelt. Doch er war der Schlüssel dafür, dass ich am Ende so erfolgreich war. Der Druck ist so groß.

Herr Hannawald, Sie sind immer wieder umgezogen. Noch als Kind in die Kinder- und Sportschule Klingenthal, mit 15 dann in ein Ski-Internat im Schwarzwald, es folgten Stationen in Berlin und München, wo Sie nun mit Ihrer Familie leben. Was bedeutet Heimat für Sie?

Hannawald: Ja, ich musste immer wieder anfangen. Durch den frühen Wechsel in die Kinder- und Jugendsportschule musste ich mich früh daran gewöhnen. Schön ist das nicht. Es ist schwer, Beziehungen oder ein Familienleben zu führen. Meine Familie war die Skisprung-Familie, so gesehen bin ich nur räumlich umgezogen.

Ist München jetzt für Sie Heimat?

Hannawald: Es ist mein Rückzugsort - und liegt sehr zentral. Wenn ich weiter im Schwarzwald wohnen würde, hätte ich den einen oder anderen Reisetag mehr. Ich habe auch ein paar Jahre in Berlin gelebt. Aber wenn ich dann in der Tagesschau im Wetterbericht gesehen habe, dass im Süden die Sonne scheint, während es in der Hauptstadt wieder regnete, bin ich fast durchgedreht. Inzwischen ist mir das Wetter völlig egal, die Nähe zu den Bergen gefällt mir sehr. Aber Heimat? Dafür war ich nie so richtig mit einem Ort verbunden. In München kann ich einfach das Berufliche mit dem Familienleben am besten verbinden.

Frau Neuner, bei Ihnen heißt es wohl: Einmal Wallgau, immer Wallgau ...

Neuner: Ja, Wallgau ist für mich die Heimat meiner Familie. Und ich bin ein Familienmensch. Auch für mich gab es Optionen, auf ein Sportinternat zu wechseln oder später zur Bundespolizei nach Bad Endorf zu gehen. Aber zum Erfolgreichsein gehört das Sich-Wohlfühlen. So wie es war, war es für mich perfekt. Ich hatte auf der einen Seite den Leistungssport, der überall auf der Welt stattgefunden hat. Und auf der anderen Seite Wallgau als festen Punkt, wo ich immer gern zurückgekommen bin. Hier leben meine Familie, meine Freunde. Und natürlich mein Mann, den kenne ich ja auch schon seit 34 Jahren. Und wir leben natürlich hier auch sehr privilegiert. Mitten in den Bergen, 20 Autominuten sind es zum Skifahren nach Garmisch und genauso lange nach Seefeld. Ich habe die Langlaufloipe direkt vor der Haustür. Ein Traum!

Kommen Sie noch zum Skifahren?

Neuner: Vergangenen Winter war ich mit Babybauch mit den Kindern viel Langlaufen. Ich habe mir für diesen Winter vorgenommen, dass ich den Kleinen mal vormittags eine Stunde bei meiner Mama lasse, um Langlaufen zu gehen. Vormittags sind die beiden Größeren ja in der Schule oder im Kindergarten. Das brauche ich einfach. Sie könnten mich nachts um ein Uhr wecken: Ich würde mir die Langlaufski anschnallen - und es würde sich gut anfühlen.

Herr Hannawald, wie ist das bei Ihnen?

Hannawald: Aktuell eher weniger. Ich hoffe aber, dass sich das wieder ändert.

Werden Sie die Spiele für die ARD vor Ort begleiten?

Hannawald: Nein, wir machen das aus Mainz. Alles andere wäre zu aufwändig. Und es reizt mich auch nicht so. Die Corona-Richtlinien in Peking sind so streng, dass wir uns dort abseits der Schanze vor allem auf dem Zimmer aufhalten müssten. Da ist überall die Handbremse drin, alles ist reglementiert. Das sind nicht die Spiele, wie ich sie kennengelernt habe, wo man Athleten aus aller Welt trifft.

Hannawald: "Es geht zu viel ums Geld"

Frau Neuner, Sie pausieren derzeit als Expertin?

Neuner: Ja, ich habe schon am Ende der vergangenen Saison gesagt, dass ich jetzt auf jeden Fall dieses Jahr aussetzen werde. Arnd Peiffer hat jetzt meinen Job übernommen. Der macht das sehr gut. Sein Vorteil ist, dass er ja erst vor kurzem aufgehört hat. Der ist viel näher dran am Team.

Deutsche Olympia-Bewerbungen sind in den vergangenen Jahren gescheitert. Auch in anderen westlichen Ländern formiert sich Widerstand gegen eine Gastgeber-Rolle. Warum tut sich die olympische Idee so schwer?

Hannawald: Viele spüren, dass der Kommerz mehr und mehr dominiert, es geht zu viel ums Geld. Umso mehr freue ich mich, dass die nächsten Spiele in Paris und die nächsten Winterspiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo stattfinden. Das ist das richtige Signal.

Neuner: Wir müssen uns fragen, wie wir das Rad zurückdrehen können. Zurück zu kleineren, nachhaltigen Spielen. Ich war mal privat in Lillehammer und habe mir vorgestellt, wie familiär die Spiele 1994 gewesen sein müssen. Aber ich fürchte, die Zeiten sind einfach vorbei. Wenn ich allein die Bob- und Rodelbahn in Peking sehe: Komplett überdacht! Wahnsinn! Aber brauchen wir das wirklich?

Felix Neureuther hat sich jüngst mehrfach sorgenvoll zum Thema Klimawandel geäußert ...

Hannawald: Felix hat völlig recht. Wir sehen doch, dass wir immer weniger Schnee in den Bergen haben. Und wir lesen, dass die Gletscher immer weiter zurückgehen.

Neuner: Meine Schwägerin war neulich auf der Zugspitze und hat berichtet, dass es dort oben kaum noch Schnee gibt. Ich stelle mir auch zunehmend die Frage, ob es wirklich richtig ist, mit so viel Kunstschnee zu arbeiten. Müssen wir wirklich von November bis April Skifahren gehen? Aber ich weiß natürlich auch, wie viele Arbeitsplätze in meiner Heimat am Tourismus hängen.

Hannawald: Man muss auch im Kleinen anfangen. Bei sich selbst. Eine Photovoltaik-Anlage aufs Dach schrauben, ein E-Auto fahren. Überall auf Nachhaltigkeit achten. Davon mache ich auch die Auswahl meiner Partner abhängig. Ich gehe nicht zu dem, der das meiste Geld zahlt. Sondern zu dem, der sich Gedanken macht, wie man einen Weg einschlagen kann, der Natur etwas zurückzugeben.

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