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Olympia

Olympia kompakt - Tag der Frau in Tokio: "Warum fallen wir, Bruce?"

Von Stefan Petri
Gold-Heldinnen: Kristin Pudenz, Aline Rotter-Focken und Sifan Hassan (v.l.)

Der Montag gerät bei den Olympischen Spielen von Tokio zum Triumphzug für Team Deutschland. Im Fokus stehen bei Olympia kompakt diesmal aber die Abschiede: freiwillige und unfreiwillige, glorreiche und arrogante, clevere und kontroverse. Außerdem dabei: Batmans unschlagbarer Rat, eine stutige Mandy und Mönkhjantsangiin Ankhtsetseg.

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Es war die Szene des gestrigen Tages: Als Mutaz Essa Barshim und Gianmarco Tamberi im Hochsprung beide je dreimal an 2,39 Metern gescheitert waren, kam ein Offizieller auf die beiden zu. "Ihr könnt mit einem Ausscheidungsspringen weitermachen", setzte dieser an, nur um vom Katari unterbrochen zu werden: "Können wir zwei Goldmedaillen haben?" Ein wenig überrumpelt erklärte der Kampfrichter: "Das ist möglich. Wenn ihr beide entscheidet, dass ..." Das reichte Barshim aber schon, mit den Worten "History, my friend" gab er Tamberi die Hand. Wie dieser anschließend ausflippte, muss man gesehen haben.

Jetzt kann man sich trotz des herzerwärmenden Jubels darüber streiten, ob es nicht rein aus sportlicher Sicht besser gewesen wäre, man hätte den Wettkampf fortgesetzt. Schließlich wird es im Fußball, Handball oder Basketball in den kommenden Tagen auch keine zwei Sieger geben, wenn nach dem Ende der regulären Spielzeit Gleichstand herrscht. Barshim und Tamberi hätten ohne Weiteres noch ein paar Sprünge absolvieren können.

Sei's drum. Am Montagmorgen wurden wir auf jeden Fall daran erinnert, dass dieses Beispiel nicht überall Schule machen wird - manchmal kann es nämlich nur einen geben. Im Weitsprung standen Miltiadis Tentoglou und Juan Miguel Echevarria nach dem letzten Sprung des Griechen beide bei exakt 8,41 Metern. Wieder Doppelgold? Nein! Tentoglou hatte nämlich im zweitbesten Versuch die Winzigkeit von sechs Zentimetern mehr geschafft als der Kubaner Echevarria. Der musste sich deshalb mit Silber begnügen.

Die wichtigsten Entscheidungen des Tages (Vorschau auf Tag 12)

SportartEntscheidungen
LeichtathletikGrieche gewinnt Weitsprung-Gold
LeichtathletikHürden: Zweites Gold für Puerto Rico
SchießenReitz verpasst Medaille mit der Schnellfeuerpistole
BahnradFriedrich/Hinze holen Silber für Deutschland
TurnenAbljasin und Andrade verpassen zweites Kunstturn-Gold
VielseitigkeitBuschreiter verpassen Team-Medaille
RingenRotter-Focken schreibt Olympia-Märchen
VielseitigkeitKrajewski erste Olympia-Siegerin im Einzel
LeichtathletikDiskus-Hammer! Silber im Regenchaos

Abschiede des Tages

Mit Gold in den Sonnenuntergang: Aline Rotter-Focken

Ich gebe es zu, das Punktesystem beim Ringen erschließt sich mir maximal minimal. Okay, Mattenflucht ist nachvollziehbar, und wenn die Gegnerin um die Hüfte gepackt und gerollt wird, während sie zappelt wie eine Schildkröte auf dem Rücken, gibt das auch Punkte. Wie Aline Rotter-Focken sechs ihrer sieben Punkte gegen Adeline Gray machte, ließ mich dagegen hilflos zurück. Zuerst wird sie am Bein gepackt und halb zu Boden gezogen, wofür es zwei Punkte gab. Weniger später hätte ich spontan auf Ippon durch Hüftwurf getippt, nur sind wir ja nicht mehr beim Judo. Ich habe vom Ringen offenbar weniger Ahnung als vom Cricket, und das will schon was heißen.

Wird aber im Endeffekt alles so seine Richtigkeit gehabt haben, und überhaupt zählt schließlich nur eins: Rotter-Focken durfte das letzte Kapitel ihres persönlichen Drehbuchs selbst schreiben. "Bei all meinen Niederlagen in den vergangenen Jahren habe ich mir immer gesagt, dass ich es mir für das perfekte Ende meines Films aufhebe", verriet sie im Anschluss überglücklich. "Ich werde noch Jahre von diesem Moment zehren." Das Karriereende nach den Spielen in Tokio war längst beschlossene Sache. Auf dem Höhepunkt aufhören, wer wünscht sich das nicht? Wobei, Schluss ist ja nur auf der Matte: "Jetzt geht es um den zweiten Traum: Ein langes, glückliches Leben führen und eine kleine Familie gründen." Aline, ich kannte dich kaum 24 Stunden. Aber ich vermisse dich jetzt schon.

Die Bretter, die die Welt bedeuteten: Patrick Hausding

Man sieht es selten, dass ein Wasserspringer beinahe seitlich vom Brett kippt und sich gerade noch fangen kann. Dass das ausgerechnet Patrick Hausding passieren musste, in seinem letzten olympischen Wettbewerb, ist extrem ärgerlich. Dabei sei er gar nicht nervös gewesen, beteuerte er. Nach drei Fehlern in sechs Sprüngen kam vom 3-m-Brett dennoch das Aus im Vorkampf. "Wasserspringen entscheidet sich in Millisekunden, und bei mir hat heute in den entscheidenden Millisekunden irgendwas technisch nicht hingehauen", erklärte er: "Oder ich wollte vielleicht zu viel."

Komm, Patte, nach der grandiosen Karriere ist das jetzt einfach mal wurscht. Weißte selbst, wa? Drei Medaillen hat er bei Olympia gewonnen - und das, obwohl er kein Chinese ist: "Das wird ein bisschen dauern, bis es so etwas nochmal gibt. Das macht mich natürlich unglaublich stolz", sagte er selbst. Von uns gibt es die allerhöchste Auszeichnung: Patrick, du bist der Dimitrij Ovtcharov des Sprungturms!

Vom Regen in die Bestweite: Kristin Pudenz

In manchen Dingen macht der Sport fast im Sekundentakt enorme Fortschritte: Training, Ernährung, leider auch Doping, technische Aufbereitung im TV, Analysen, und so weiter. Aber wenn beim Diskus-Finale der Himmel plötzlich seine Schleusen öffnet und den Ring überflutet, was kommt dann zum Einsatz? Genau. Das gute alte weiße Handtuch aus dem Hotel-Badezimmer. Damit rubbelten die Volunteers wie die Bekloppten über den Beton, um den Wettbewerb fortzusetzen - dass das nicht funktionieren konnte, kommt irgendwie nicht überraschend.

Kristin Pudenz verabschiedete sich in die 50-minütige Zwangspause auf Rang drei liegend - mental war sie da allerdings schon ganz vorn. Die Konkurrentinnen, die auf dem nassen Ring allesamt völlig hilflos agiert hatten, konnten sich nämlich nach der Pause nicht mehr entscheidend steigern. Ganz im Gegensatz zu Pudenz, die bei ihrem Comeback nämlich prompt persönliche Bestweite erzielte: "Mir hat die Pause in die Karten gespielt." Belohnen will sie sich für Silber jetzt mit einer Pizza. Manche Athleten sind einfach herrlich normal geblieben.

In Freiheit in den Flieger: Krystsina Tsimanouskaya

Eins vorweg: Die deutsche Schreibweise a la Kristina Timanowskaja kommt mir nicht ins Haus. Ich schreib auch nicht "Marija Scharapowa" oder "Andrej Schewtschenko". So. Jetzt zur guten Nachricht: Wenn Tsimanouskaya sich in Kürze aus Tokio verabschieden wird, dann in Freiheit und nicht als Gefangene der belarussischen autokratischen Regierung. "Sie wird wahrscheinlich nach Polen gehen", verriet ihr Mann gegenüber AFP, dort will sie dann Asyl beantragen. Er selbst sei übrigens in die Ukraine geflohen und will in Polen mit ihr zusammentreffen. Wir drücken die Daumen!

Akuter Arroganz-Anfall: Shericka Jackson

Manchmal ist der verfrühte Abschied von Olympischen Spielen nicht Unvermögen oder Pech, sondern einfach nur ... Arroganz? Dummheit? Na gut, hat man halt "zu hoch gepokert", kommt in den besten Familien vor. Wie die Jamaikanerin Shericka Jackson ihren Platz im 200-m-Halbfinale vertrottelte, war aber schon dreist. Eigentlich hatte sie ihren Vorlauf locker im Griff, wollte dann aber nur über die Ziellinie joggen, nach dem Motto "Seht her, ich muss mich gar nicht anstrengen, ätsch!". Gab dann aber nur eine 23.26 und Platz vier in ihrem Lauf. Plötzlich war sie raus. Nicht einmal ihr Trainer Stephen Francis konnte sie danach verteidigen: "Sie hat sich wohl verschätzt und dafür den Preis bezahlt. Ich hatte erwartet, dass sie besser abschneidet. Sie wird daraus lernen."

Das Ende einer Ära? Rapinoe, Lloyd und Co.

Gefühlt ist es immer eine kleine Überraschung, wenn die US-Damen nicht jedes Spiel mindestens 4:0 gewinnen. Die finanziellen und personellen Vorteile gegenüber den anderen Spitzennationen sind noch immer enorm, auch wenn diese langsam aufholen. In Tokio lief beim Weltmeister aber gar nichts zusammen. Zunächst quälte man sich durch die Gruppenphase, dann im Elfmeterschießen durchs Viertelfinale. Gegen Kanada war heute Schluss: 0:1. Kann passieren, schließlich hatten sie auch in Rio kein Gold geholt. Der Unterschied: Es könnte sich um das Ende großer internationaler Karrieren gehandelt haben. Rapinoe ist 36, Carli Lloyd sogar 39. Und jetzt steht wohl ein Umbruch an.

Abschied mit langem Schatten: Laurel Hubbard

Der eine oder andere beim IOC wird heimlich durchgeatmet haben, als Laurel Hubbard aus Neuseeland, die erste offene Transgender-Athletin, im Gewichtheben schon an ihrer ersten Hürde scheiterte. An Hubbard, 43, war schließlich eine Grundsatzfrage entbrannt, wie mit derartigen Fällen umzugehen ist: Hat Hubbard biologische Vorteile? Was ist fair ihr gegenüber - und fair gegenüber ihren Konkurrentinnen? Hätte Hubbard eine Medaille geholt, das Thema wäre noch einmal ganz neu aufgeflammt. So bietet sich dem IOC und anderen Wettbewerben und Verbänden eine "Gnadenfrist", wenn man so will, das eigene Regelwerk auf derartige Fälle abzustimmen. Denn der nächste ist nur eine Frage der Zeit.

Sturz des Tages: Sifan Hassan

"Warum fallen wir, Bruce? Damit wir lernen können, uns wieder aufzurappeln." Die Niederländerin Hassan ist offenbar bei Batman höchstpersönlich in die Lehre gegangen. Im Vorlauf über die 1.500 Meter stürzte ihr zu Beginn der letzten Runde eine Konkurrentin und brachte sie zu Fall. Hassan hätte allen Grund gehabt, um das Schicksal zu verwünschen und sich auf das 5.000-Meter-Finale am gleichen Abend(!) zu konzentrieren. Stattdessen setzte die 28-Jährige zum Sprint an, kassierte auf der Schlussrunde noch das ganze Feld - und gewann nur Stunden später souverän Gold über die längere Distanz. Danach dankte sie vor allem einem ganz bestimmten Muntermacher: "Ich habe heute Morgen all meine Energie verbraucht und war irgendwie müde. Es war schrecklich, als ich gestolpert bin. Ich war so müde. Ohne Kaffee wäre ich nie Olympiasiegerin."

Namen des Tages

Bronze: Blessing Oborududu (nigerianische Freistilringerin)

Silber: Jean Quiquampoix (französischer Olympiasieger mit der Schnellfeuerpistole)

Gold: Mönkhjantsangiin Ankhtsetseg (mongolische Gewichtheberin)

Sprüche des Tages

"Mandy ist ja bekannt dafür, ein bisschen stutig zu sein." (Julia Krajewski über ihr Goldpferd Amande de B'Neville)

"Wir sitzen jetzt am Tisch, an dem der Kuchen verteilt wird. Und wir haben Hunger. Im Viertelfinale gibt es das Stück Torte, danach wartet noch die Sahne und dann die Kirsche." (DHB-Vize Bob Hanning über die Medaillenchancen der Bad Boys)

"Der Geruch beim Bahnradfahren ist eine Mischung aus Massageöl und Kettenfett." (ARD-Kommentator Florian Naß)

"Ich habe den Godfather of Kanu im Boot, das bringt mir ziemlich viel." (Tim Hecker über Zweier-Partner Sebastian Brendel)

"Es hat an allem gefehlt, Mut, Überzeugung. Wir sind nie in die Struktur reingekommen. Wenn man ehrlich ist, hat nichts zusammengepasst." (Lisa Altenburg nach dem Olympia-Aus der Hockey-Damen)

Zahlen des Tages

8: Deutschlands Platzierung im Medaillenspiegel (6-6-11) nach 199 von 339 Wettbewerben.

25: Jahre lag die letzte Diskus-Medaille für Deutschland zurück.

37: Jahre waren die Kenianer über 3000 m Hindernis bei Olympia unbesiegt. Diesmal gewann Soufiane El Bakkali aus Marokko.

85: Tausendstel, die Emma Hinze und Lea-Sophie Friedrich im Teamsprint zu Gold fehlten. Gewonnen hatte sie Ilke Wyludda 1996 in Atlanta.

9:24: Ergebnis der südafrikanischen Wasserballer gegen das bislang noch sieglose Japan. Südafrikas Torverhältnis nach fünf Spielen: 20:116.

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