Cookie-Einstellungen
Wintersport

Biathlon - "Meistermacher" Bernhard Kröll im Interview: Olympia? "Das kann man der Bevölkerung irgendwann nicht mehr nahebringen"

Von Ulli Ludwig

Am 27. November startet der Biathlon-Weltcup. Auf welche deutschen Talente sollten wir im anstehenden Winter ein Auge werfen?

Kröll: Im männlichen Bereich hoffe ich schon, dass Philipp Nawrath oder Philipp Horn sich im Weltcup etablieren. Aus persönlicher Sicht hoffe ich auf Philipp Lipowitz, der bei den deutschen Meisterschaften aufhorchen ließ und auch schon von Bundestrainer Mark Kirchner zum Lehrgang eingeladen wurde. Im weiblichen Bereich schätze ich Denise Herrmann als etablierte Sportlerin sehr stark ein und denke auch, dass Franziska Preuß eine gute Rolle spielen wird. Bei den jüngeren hat mich Vanessa Voigt überrascht. Beim Biathlon ist die Tagesform sehr entscheidend und Vanessa hat sich läuferisch sehr gut weiterentwickelt, ist eine sehr stabile Schützin. Das hat sie im September bei den deutschen Meisterschaften nochmal gezeigt. Ihr traue ich eine einstellige Platzierung bei einem Weltcuprennen zu.

Erstmals seit knapp 30 Jahren schaffte es im vergangenen Winter kein Deutscher unter die Top-10 in der Weltcup-Gesamtwertung. Müssen wir uns generell Sorgen machen?

Kröll: In erster Linie ist das eine normale Wellenbewegung. Ich denke, dass das Feld aber auch insgesamt enger geworden ist, weil viel mehr Nationen am Start sind und deutlich aufgeholt haben. Früher waren Deutschland, vereinzelte Skandinavier, Russland und Frankreich stark. Jetzt haben auch die kleinen Nationen immer wieder Toptalente am Start und können bei Einzelwettkämpfen überzeugen. Für deutsche Sportler wird es dadurch auch deutlich schwieriger, sich in der Weltspitze durchzusetzen.

Diese Biathletin könnte für eine Überraschung sorgen

Wer sind Ihre Topfavoriten bei den Männern und Frauen?

Kröll: Bei den Männern ist Johannes Thingnes Bö auch in diesem Jahr Topfavorit. Aber auch Quentin Fillon Maillet ist ein sehr komplexer Sportler, den man nicht unterschätzen darf. Im weiblichen Bereich sehe ich natürlich Franziska Preuß in der Gesamtwertung ganz vorn dabei. Sie ist über die letzten Jahre sehr abgeklärt geworden und kann auch in Peking eine Medaille holen. Tiril Eckhoff und Dorothea Wierer werden immer eine Rolle spielen. Die Schwedin Hanna Öberg dürfen wir nicht vergessen, aber auch ihre jüngere Schwester Elvira hat kürzlich sehr gute Leistungen im Laufen gezeigt und könnte für eine Überraschung sorgen.

Sie dürfen einmal träumen ... Welchen Sportler oder welche Sportlerin würden Sie gern einmal trainieren?

Kröll: Zu allererst möchte ich betonen, dass es mir sehr viel Freude bereitet, die Sportler aus meiner Trainingsgruppe zu trainieren und mein Ziel ist es, sie so weit wie möglich zu bringen. Ich sehe in der Gruppe bei uns schon Potenzial, da einige schon im Perspektivkader eingegliedert sind und auch die Sportler, die verletzungsbedingt Probleme hatten, zeigen große Motivation, den Anschluss zu schaffen. Mein Ziel und mein Traum ist es, jemanden aus unserer Trainingsgruppe bei den Olympischen Spielen 2026 am Start zu haben. Wenn ich ins Ausland schaue, dann gefällt mir die junge Österreicherin Anna Gandler. Bei ihr finde ich das Gesamtpaket und die Einstellung sehr gut. Mit ihr hatte ich in Seefeld viel Kontakt. Sie ist sehr fleißig und gewissenhaft. Läuferisch und beim Schießen hat sie sehr gute Fähigkeiten. Wir werden in Zukunft etwas von ihr hören, ihren Namen sollte man sich international auf den Zettel schreiben.

Olympia? "Kann man der Bevölkerung irgendwann nicht mehr nahebringen"

Seit der Vergabe nach Peking wird die Austragung der Winterspiele unter anderem aufgrund der Menschenrechtssituation kritisiert. Wie stehen Sie zu dieser Thematik?

Kröll: Ich beobachte immer, was mit den Wintersportstätten nach Ende der Spiele passiert. Man muss doch nicht in einem Land, das gar keinen Bezug zum Wintersport hat, etwas aus dem Boden stampfen, das im Nachhinein eingeäschert wird. Wenn ich diese Summen höre, die für zwei Monate verpulvert werden, genau diese Summen fehlen dann im Nachwuchs oder im landesweiten Sportstättenbau. Das kann man der Bevölkerung irgendwann nicht mehr nahebringen.

Wie wollen Sie das Problem lösen?

Kröll: Ganz einfach: Ich würde fünf Winterolympiaorte festlegen - gerne auch länderübergreifend - und aller vier Jahre zwischen diesen wechseln. Alle 20 Jahre kommt dann eben die Stadt XY wieder als Austragungsort vor. Dadurch würde dieser Wahnsinn an Kosten eingedämmt und kann an anderen Stellen investiert werden. Das ist doch auch der Grund, warum es 2018 keine Winterspiele in Deutschland gegeben hat. Es gibt so viele wichtigere Themen, wo man derartige Gelder einsetzen müsste. Zudem wäre es doch großartig, wenn ein Sportler auf der Strecke Olympiasieger wird, wo zwanzig Jahre zuvor schon sein großes Idol gewonnen hat. 2006 wurde Michael Greis in San Sicario dreifacher Olympiasieger - ich glaube nicht, dass seitdem mehr als fünf Wettkämpfe auf dieser Anlage stattgefunden haben.

Welchen Austragungsort würden Sie denn für Deutschland einplanen?

Kröll: Das müssen dann die Sportpolitiker entscheiden. (lacht) Wir haben in Deutschland ganz klar in Oberhof und Ruhpolding zwei große Leistungszentren. Die wären dafür prädestiniert, bei Olympia spricht man aber nicht nur von Biathlon. Man bräuchte vielleicht mindestens zwei Orte, denn Skilanglauflauf, Nordische Kombination, Ski alpin und der Rest müssen ja auch noch ihren Platz finden.

Biathlon: Die Termine im Überblick

OrtLandDatum
ÖstersundSchweden27. bis 28. November 2021
ÖstersundSchweden2. bis 5. Dezember 2021
HochfilzenÖsterreich10. bis 12. Dezember 2021
AnnecyFrankreich16. bis 19. Dezember 2021
OberhofDeutschland6. bis 9. Januar 2022
RuhpoldingDeutschland12. bis 16. Januar 2022
AntholzItalien20. bis 23. Januar 2022
PekingChina4. bis 20. Februar 2022 - Olympische Spiele
KontiolahtiFinnland3. bis 6. März 2022
OzepääEstland10. bis 13. März 2022
OsloNorwegen17. bis 20. März 2022
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung
Werbung
SPOX Fallback Ads, Eigenwerbung