Tennis

Julia Görges im Interview vor den Australian Open: "Ich kam aus einer ganz anderen Welt"

Julia Görges feierte 2011 mit dem Triumph in Stuttgart einen ihrer größten Erfolge.

Julia Görges bestreitet bei den am Montag startenden Australian Open in Melbourne (jeden Tag live im Eurosport-Channel auf DAZN) das 48. Grand-Slam-Turnier ihrer Karriere. Im SPOX-Interview lässt die 31-Jährige ihre bisherige Karriere Revue passieren und spricht offen über ihre Entwicklung als Tennisspielerin, vor allem aber als Mensch.

Görges verrät, warum sie zu Beginn vom Leben auf der Tour geschockt war, wie sie im vergangenen Jahr viele K.o.-Schläge wegstecken musste und was ihr für die Zeit nach der Tenniskarriere vorschwebt.

Frau Görges, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Trainerstunde?

Julia Görges: Klar. Das war im Sommer 1994, da war ich fünfeinhalb. Meine Eltern hatten mich zwar schon im Tennisclub angemeldet, als ich zwei Jahre alt war, aber das erste richtige Training hatte ich erst ein paar Jahre später. Ich habe als Kind auch Video-Clip-Dancing gemacht und bin auch geschwommen, aber da hat mir der Wettkampf gefehlt. Im Schwimmen gibt es den zwar, aber nur Bahnen abzuklappern war mir zu langweilig. Im Tennis habe ich den perfekten Sport für mich gefunden. Ich habe es geliebt, Tennis anzuschauen. Ich habe natürlich mit Steffi Graf mitgefiebert, Monica Seles fand ich klasse, aber mein großes spielerisches Idol war Martina Hingis. Sie hat so strategisch gespielt und ihre Gegnerinnen ausgekontert, das war wie Schach auf dem Tennisplatz - das hat mir imponiert.

Sie haben sich früh für eine Profikarriere entschieden. Wie ist diese Entscheidung in der Jugend gereift?

Görges: Als ich 14 war, habe ich zum ersten Mal mit meinem Trainer und mit meinen Eltern darüber gesprochen. Ich musste meine Eltern ja auch fragen, ob sie mich unterstützen würden, schließlich ist es am Anfang auch eine Kostenfrage und es ist total unsicher, was am Ende dabei herauskommt. Aber meine Eltern waren sofort Feuer und Flamme. Erstmal stand für mich aber noch die Schule im Vordergrund. Erst nachdem ich meinen Realschulabschluss nach der 10. Klasse in der Tasche hatte, wurde es mit dem Profitennis ernster. Ich wusste, dass ich das Abi ja immer noch nachmachen könnte, wenn es nicht so klappen würde.

Julia Görges: "Ich war geschockt von der Welt, in der mich plötzlich bewegte"

Wie ging es nach dem Abgang von der Schule weiter?

Görges: Mit 16 habe ich mich voll aufs Tennis fokussiert und angefangen, richtig zu trainieren. Vorher ging das wegen der Schule ja gar nicht in dem Umfang. Ich war in der Jugend in Deutschland auch nicht unbedingt so gut, meine Erfolge waren überschaubar. Ich war knapp 17, als ich das erste Mal bei einer deutschen Jugendmeisterschaft teilgenommen habe. Ich habe auch nie Grand Slams bei den Juniorinnen gespielt. Ich war aber immer überzeugt, dass ich das Potenzial habe. Mit 19 stand ich dann zum ersten Mal in den Top 100 der Welt, es hat sich alles sehr schnell entwickelt.

Wie waren damals die ersten Eindrücke vom Leben auf der Tennis-Tour?

Görges: Am Anfang habe ich das Leben auf der Tour total unterschätzt. Ich war ein Mädchen, das aus einem behüteten Elternhaus gekommen ist. Ich war Harmonie gewöhnt. Ich war erstmal geschockt von der Welt, in der ich mich plötzlich bewegte. Ich war plötzlich in einer Welt, die nichts mit Fairness zu tun hat. In der wenig Harmonie herrscht. In der es gut zur Sache geht. Das habe ich schnell gemerkt. Ich schaue heute auch mit ein bisschen Wehmut auf diese Zeit zurück, weil ich für meine Tenniskarriere meine Jugend ein Stück weit geopfert habe. Ich hatte kein normales Teenager-Leben, mit Partys war da nichts. Ich wusste, dass ich es nur mit Ehrgeiz und Disziplin nach oben schaffen kann. Als ich früh zum ersten Mal Grand-Slam-Luft schnuppern durfte, war es zwar schön, aber ich habe es nicht so genossen, wie ich es jetzt tue, weil ich als Mensch so viel weiter bin als damals. Mein Leben ist ein ganz anderes geworden.

In Doha standen Sie 2007 zum ersten Mal in einem Hauptfeld auf der WTA-Tour, in Stockholm folgte im gleichen Jahr das erste Halbfinale und dann kamen die US Open, Ihr erstes Grand-Slam-Turnier im Hauptfeld.

Görges: Und ich spiele als Qualifikantin direkt im riesigen Arthur Ashe Stadium gegen Justine Henin, die Nummer eins. Ich weiß noch, dass ich im ersten Spiel sieben Breakbälle hatte und auf einmal stand es 0:6. Und ich habe auch noch einen Fotografen abgeschossen, das war peinlich. (lacht) Henin hat das Turnier in der Folge übrigens ohne Satzverlust gewonnen. Bei meinen ersten sieben Grand Slams habe ich in der ersten Runde vier Mal gegen Top-10-Spielerinnen antreten müssen. Damals hat mich das Lospech genervt, aber heute blicke ich darauf zurück und muss sagen, dass mir diese Erfahrungen so viel geholfen haben für meine Karriere. So früh bei Grand Slams auf großen Courts gegen absolute Top-Spielerinnen anzutreten, war Gold wert. Ich habe gemerkt, dass auch die Mädels in der Weltspitze nur mit Wasser kochen. Dass sie nicht Lichtjahre entfernt von mir sind. Ich hatte immer wieder Chancen, mindestens mal einen Satz zu gewinnen. Das hat mir enorm geholfen, meine Nervosität abzulegen.

Julia Görges: "Ich kam aus einer ganz anderen Welt"

2008 folgte das Wimbledon-Debüt, was auch zu einem ganz besonderen werden sollte. 4:6, 7:6, 16:14 gegen Katarina Srebotnik.

Görges: 3 Stunden und 40 Minuten haben wir gespielt und nur um fünf Minuten den Rekord bei den Frauen verpasst. Das war Wahnsinn. Zwei Tage später war ich so fertig, da konntest du mich in die Tonne kloppen. (lacht) Damals wusste ich aber auch gar nicht, wie ich mich bei einem Grand Slam verhalten soll. Was kostet Kraft und Energie? Was tut mir gut? Früher habe ich zum Beispiel sehr viel Zeit auf der Anlage verbracht und wollte alles aufsaugen, heute haue ich so schnell es geht nach meinem Match ab, weil ich gelernt habe, wie viel Energie das frisst.

In den Jahren 2010 und 2011 folgten Meilensteine in Ihrer Karriere mit dem ersten Titel in Bad Gastein und dem Triumph in Stuttgart. Was hat diese Wochen so besonders gemacht?

Görges: In Bad Gastein hat es ziemlich viel geregnet. (lacht) Das Halbfinale und Finale habe ich an einem Tag gespielt. Es war zum einen deshalb besonders, weil ich als Kind oft in Österreich im Urlaub war und das Land so mag. Und andererseits, weil ich überhaupt nicht damit gerechnet habe, das Turnier zu gewinnen. Es hat sich surreal angefühlt. 2011 ging dann gut los, in Melbourne habe ich zwar in drei Sätzen gegen Maria Sharapova verloren, aber es war qualitativ ein super Match, das mir Auftrieb gegeben hat. Direkt vor Stuttgart lief es im Fed Cup auch gut - und in der Turnierwoche ist irgendwie alles zusammengekommen und für mich gelaufen. Ich war am Finaltag super nervös, aber als ich in die Halle gekommen bin und die fantastische Atmosphäre gespürt habe, ist alles verflogen. Mein Turniersieg in Stuttgart war in gewisser Weise auch ein historischer Tag für unsere Generation. Steffi hatte das Turnier nie gewonnen, nur Anke Huber einmal, und ich glaube, dass dieser Sieg ein bisschen das eingeleitet hat, was jede von uns in den Jahren danach leisten konnte.

Was hat sich denn durch Stuttgart konkret für Sie verändert?

Görges: Es ist in ganz kurzer Zeit extrem viel passiert. Nach Stuttgart habe ich auch noch in Madrid bei einem großen Turnier das Halbfinale erreicht. In Paris war ich in der dritten Runde gegen die spätere Halbfinalistin Marion Bartoli schon Satz und Break vor, ehe ich es veloren habe. In Wimbledon durfte ich als Top-20-Spielerin in eine andere Umkleide und gehörte plötzlich zu einem elitären Klub. Die Erwartungen sind gestiegen, von außen, aber auch von mir selbst. Die ganze Entwicklung hat mich damals etwas erdrückt. Es ist so viel auf mich eingeprasselt, dass ich phasenweise den Überblick verlor und nicht mehr so viel Spaß am Tennis hatte. Für den Moment waren die Erfolge großartig, aber als ich Zeit hatte, zu reflektieren, war es schwer für mich, in der Folge dem Druck standzuhalten. Es war einfach so neu alles für mich. Ich stand mit 22 in den Top 20, das war für unsere Generation echt früh. Andere Spielerinnen, die ganz früh bei Grand Slams schon Erfolge erleben, wachsen da anders herein und sind abgezockter. Aber ich kam aus einer ganz anderen Welt.

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