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Radsport

Vom Ein-Mann-Team zum Tourfavoriten

Von Gunnar Göpel
Sky-Spitzenfahrer Christopher Froome gewann 2013 bereits drei Rundfahrten
© getty

Das Leben von Christopher Froome ist ein Kampf: Der 28-Jährige kämpfte um den Durchbruch, gegen zweite Plätze und gegen eine hartnäckige Krankheit. Er hat sich bis in das Rampenlicht der medialen Berichterstattung hervorgearbeitet. Sein raketenhafter Aufstieg in den letzten Jahren ist kein Wunder: Froome wird angetrieben von einem unbändigen Willen.

Die Geschichte beginnt am 20. Mai 1985 in Nairobi. Christopher Froome wird als Sohn einer in Kenia geborenen Mutter und eines englischen Vaters aus Brighton geboren. Von seinem ersten Lebenstag an schnuppert er Höhenluft. Die kenianische Landeshauptstadt liegt 1650 Meter über dem Meeresspiegel.

Mit zwölf Jahren nimmt ihn seine Mutter Jane zum ersten Mal zu einem organisierten Radrennen mit. Dort trifft er David Kinjah, einen Profifahrer. Froome, mit dem Radsportfieber infiziert, trainiert fortan mit seinem Mentor Kinjah im Hinterland von Nairobi.

Das Ein-Mann-Team

Im Jahr 1999, Froome war gerade 14 Jahre alt, schickten ihn seine Eltern nach Südafrika auf ein Internat in Johannesburg. Dem Schulabschluss folgte das Studium. Der "weiße Kenianer" blieb in Johannesburg, studierte zwei Jahre Ökonomie.

Auf der sportlichen Bildfläche tauchte Chris Froome erst im Alter von 22 Jahren wieder auf. 2006 ernannte sich der selbstbewusste Froome mit dem Segen des kenianischen Verbandes zum Landesmeister. Ohne Team reiste er zur U-23-Straßen-WM in Salzburg, tauschte Mountainbike gegen Rennrad. Im Einzelzeitfahren fuhr der ungestüme Neuling einen Rennkommissar um und kam zu Fall. Aufgerappelt und bis in das Ziel gekämpft, stand am Ende ein 36. Platz zu Buche.

Durch seine Zeit platzierte er sich im Bereich einiger europäischer Talente. Der Exot überraschte. Im Rahmen der WM wurde der Kenianer von Ausbildern der UCI angesprochen. Mit einem offiziellen Empfehlungsschreiben des Radsportweltverbandes flog Froome in die Schweiz. Die Ausbilder bescheinigten ihm ein gewisses Maß an Talent, sahen in seiner Fahrweise aber eine Gefahr für die Mitstreiter. Im Trainingscamp Aigle absolvierte er die Grundausbildung eines Radrennfahrers.

Schwergewicht am Berg

2007 konnte er einen Vertrag bei Konica-Minolta ergattern, dem südafrikanischen Farmteam der Mannschaft Barloworld, und machte seinen ersten Tritte als Profi. Ein Jahr später wurde er in das Mutterteam befördert, nahm sofort an der Tour de France teil und beendete sie als Gesamt-84. Trotz einer Statur von 1,86 Meter entwickelte sich der Mann mit den dünnen Beinen zu einem exzellenten Kletterer.

Mit einem Gewicht von 69 Kilogramm ist der passionierte Speerfischer ein "Schwergewicht" unter den Bergspezialisten. Erfolge konnte er in dieser Zeit höchstens in kleineren unbedeutenden Rennen feiern, etwa bei der Tour of Mauritius. Sein Jahresgehalt soll gerade einmal 30.000 Euro betragen haben. Eine große Karriere trauten ihm die Wenigsten zu.

Wechsel der Staatsangehörigkeit

In dieser Zeit bei Barloworld tauschte Froome seinen kenianischen Pass gegen einen britischen. Für seinen Arbeitgeber zog er nach Italien.

2010 wurde Rennstallkollege Moises Duenas bei der Tour des Epo-Dopings überführt, Barloworld zog sich aus dem Radsport zurück. Gemeinsam mit den Teamkollegen Geraint Thomas, Steve Cummings und John-Lee Augustyn wechselte er zu seinem aktuellen Rennstall: dem Team Sky ProCycling.

Karriere nimmt Fahrt auf

Der Durchbruch ließ bis zum Herbst 2011 auf sich warten. Bei der Vuelta a Espagna wurde Chris Froome als Helfer von Bradley Wiggins eingespannt. Das erste Mal, dass Froome eine Rundfahrt wegschenken musste. Die Rennleitung beging einen folgenschweren Fehler, als sie Froome in den Bergen nicht auf eigene Kappe fahren ließ. Wiggins schwächelte, der Spanier Cobo fuhr einen entscheidenden Vorsprung heraus.

Froome litt an der Seite von Wiggins. Als er endlich freie Fahrt hatte, war die Rundfahrt bereits entschieden. Froome gewann die 17. Etappe, verlor am Ende die Rundfahrt um nur 13 Sekunden. Cobo wäre im Zweikampf mit Froome wahrscheinlich chancenlos gewesen.

Der Star an der Kette

Der Brite verfügt über alle Attribute, welche ein Fahrer für das Gesamtklassement vorweisen muss. Am Berg spritzig und ausdauernd, im Zeitfahren eine Bank. Die Bronzemedaille im Einzelzeitfahren bei den Olympischen Spielen in London bestätigte diese Entwicklung.

Bei der letztjährigen Tour verhalf Chris Froome in der Rolle des Edeldomestiken seinem Teamkapitän Bradley Wiggins zum Gesamtsieg. Doch der verbissene Ehrgeizling demonstrierte die eigene Stärke - und sorgte beinahe für einen Eklat, als er bei der Alpenrampe zur Skistation La Toussuire auf eigene Faust antrat. Es dauerte einige Sekunden bis die verdutzte Teamleitung reagierte und den Radrebellen über Funk zurückpfiff. Die zweite Grande Tour, welche Froome wegschenken musste.

Ohne den Reifenschaden auf der ersten Etappe, bei dem der "weiße Kenianer" anderthalb Minuten verlor, weil er alleine hinter dem Peloton herfahren musste, hätte Froome die Rundfahrt wohl gewonnen. Am Berg konnte ihm der bessere Zeitfahrer Wiggins nicht annähernd das Wasser reichen.

Merkwürdige Körperhaltung

Doch dieses Jahr ist Wiggins wegen einer Knieverletzung nicht am Start. Erstmals liegt Froome bei Sky nicht mehr an der Leine. Mehrere Wochen Vorbereitung auf Teneriffa und etliche Stunden im Windkanal im südenglischen Southampton, Froome ordnete dem Erfolg bei der 100. Tour alles unter.

Insbesondere an seiner Sitzposition im Zeitfahren wurde gefeilt. Nicht ohne Grund. Der deutsche Ex-Radstar Dietrich Thurau, erfolgreich in den 70er Jahren und bekannt als "blonder Engel", zeigte sich in der "Frankfurter Allgemeinen" verwundert über den Fahrstil: "Seine Sitzposition ist so schlecht und unorthodox, dass ich mich als Experte schon wundere, wie das geht."

Seine Heimat, so verriet Chris Froome, sei für ihn immer noch Kenia. Aufgrund der schmalen Straßen und des regen Matatoo-Verkehrs, wie die Taxibusse genannt werden, sind die Trainingsverhältnisse in seinem Geburtsland eher bescheiden. Deshalb zieht es den Charakterkopf in der Nebensaison häufig nach Südafrika, wo Trainingsbedingungen und Klima nahezu ideal sind.

Der 28-Jährige hat in der Vorbereitung jeden Stein umgedreht. Einen Tag nach dem Sieg des Criterium Dauphine bereitete er sich auf das Einzelzeitfahren zwischen Embrum und Chorges vor - Etappe 17 der Jubiläumstour. Zeitgleich leitete der Großteil des Pelotons die Regenerationsphase ein, machte einen Tag blau. Der Brite hingegen legt nur Pausen ein, wenn er muss.

Die Last im Körper

Und dann ist da noch seine Bilharziose. Eine tropische Infektionskrankheit, übertragen durch Pärchenegel in warmen Binnengewässern. Die Erreger verbreiten sich im Körper und können, trotz Behandlung, bis zu 20 Jahre im menschlichen Körper überleben. In Afrika sterben jedes Jahr tausende Menschen an dieser Krankheit. Froome glaubt, sich vor einigen Jahren beim Schwimmen in Kenia infiziert zu haben.

Alle sechs Monate absolviert er daher umfassende Gesundheitstests. Im Januar war der bislang letzte. Diagnose? Positiv. Spuren des Parasiten wurden gefunden. Angst um sein Leben zeigt Froome nach außen nicht. Er ist Sportler durch und durch: "Ich denke, dass es wahrscheinlich meine größte Sorge bei der Tour sein muss. Meine Vorbereitung und andere Faktoren auf die Tour kann ich kontrollieren, die Krankheit aber nicht unbedingt.", so äußerte sich Froome gegenüber "sport360" im Vorfeld der Rundfahrt.

Froome fordert "Amputation"

Drei Eigenschaften sind charakteristisch für den Sky-Kapitän: Er ist vorsichtig, aufmerksam und stets kalkulierend. Froome überlässt nichts dem Zufall, fordert hundertprozentige Konzentration des gesamten Teams.

Er will stets über alles, was im Fahrerfeld vor sich geht, informiert sein. So nahm er via Twitter auch Stellung zur verbotenen Weltmeister-Rahmenlackierung von Tony Martin im Mannschaftszeitfahren. Im Stile britischen Humors twitterte Froome: "Tony Martin wird also für Weltmeisterstreifen auf seinem Rad bestraft? Was ist dann mit Philippe Gilbert und seinem Tattoo? Weg mit seinem Bein!" Der Belgier ist der amtierende Weltmeister im Straßenrennen und trägt die Regenbogen-Ringe als Tattoo über dem Knöchel.

Kampf gegen ein Image

Im letzten Jahr führte er auf seiner Homepage ein Tagebuch während der Rundfahrt. 2013 zählt nur der Fokus auf den Sieg. Tunnelblick pur. Seine größten Karriereerfolge sind die Siege der Tour de Romandie und des Criterium du Dauphine in diesem Jahr. Bei den großen Rundfahrten fuhr Froome bislang zweite Plätze bei Vuelta und Tour ein. Jetzt gilt es, das drohende Image des ewigen Zweiten abzuwenden.

"Die Leute haben darüber gesprochen, dass wir als Team wählen können, wer von uns gewinnen wird. Letztes Jahr hatten wir es, dank unserem Team, einfach in Bezug auf den Wettbewerb und unsere Tour-Rivalen. Es lief einfach rund. Entscheidend ist aber, wie man auf Situationen reagiert, wenn sie es nicht tun", sagt der Topfavorit.

Richtig ist, dass Froome ein prächtig funktionierendes Ensemble an seiner Seite weiß. Unter anderem kann er sich auf die Edelhelfer Richie Porte, Edvald Boasson Hagen, Wassil Kiryjenka, David Lopez und Geraint Thomas verlassen.

Froome will kein Armstrong sein

"Ich weiß, wie ich für meine Ergebnisse arbeite, und ich weiß, dass meine Ergebnisse in sechs, sieben Jahren nicht aberkannt werden", reagierte Froome in der englischen Zeitung "Daily Mail" auf die Behauptungen des früheren Festina-Trainers Antoine Vayer, welcher Froomes Ergebnisse als "verdächtig" einordnete.

"Es ist schwierig, nicht wütend über solche Berichte zu werden. Man hat das Gefühl, je besser wir unseren Job machen, desto mehr glauben die Leute, dass wir dopen", sagte Froome, der noch nie positiv getestet wurde.

Die Leistungsexplosion des 28-Jährigen in den letzten drei Jahren ist überraschend. Froome investiert viel Kraft in seinen Job, machte seine Leidenschaft zum Beruf. Durch die gesamte Bandbreite der englischen Gazetten tauchen immer wieder drei Wörter in Bezug auf Chris Froome auf: "Man to beat".

Gelb, die treibende Farbe

"Ich habe meine Ziele, und meine Karriere ist auf die Tour ausgerichtet. Nicht nur dieses Jahr, sondern die nächsten sechs oder sieben Jahre. Und jedes Jahr will ich versuchen, um das Gelbe Trikot zu kämpfen. Dieses Ziel ist meine treibende Kraft.", verriet Froome in der "Times".

Nach dem Sieg von Bradley Wiggins im Vorjahr wäre er der zweite britische Toursieger, der erste afrikanischstämmige überhaupt.

Und die Chancen stehen nicht schlecht. Den Schlussanstieg der achten Etappe nach Ax-3-Domaines nutzte der Sky-Kapitän um die versammelte Weltelite zu demontieren. Die Gegner zermürbt, das gelbe Trikot mit deutlichem Vorsprung übernommen. Die klaren Verhältnisse bestätigte der Brite auch am folgenden Tag, als er sämtliche Angriffe der Konkurrenz abwehren konnte.

Sollte sich Chris Froome am 21.07.2013 auf der Champs-Elysee erneut das Maillot Jaune überstreifen, dann wäre das zumindest keine große Überraschung. Nicht für die Experten, und noch weniger für den Briten persönlich. Es wäre der logische Erfolg in einem weiteren Kampf.

Das Tour-de-France-Klassement 2013

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