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Darts

Gerwyn Price krönt sich gegen Gary Anderson zum Weltmeister: Vom Hakler zum Darts-Millionär

Gerwyn Price hat sich gegen Gary Anderson zum Weltmeister gekrönt.

Gerwyn Price hat sich bei der Darts-WM 2021 durch einen 7:3-Sieg im Finale gegen Gary Anderson die Krone aufgesetzt. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer ungewöhnlichen Karriere. Der "Iceman" ist vom Rugby-Profi zum Darts-Millionär geworden.

Als der letzte und alles entscheidende Pfeil endlich in der Doppel-5 steckte, sackte Gerwyn Price in sich zusammen. Dem "Iceman", sonst für die lautesten Jubelschreie im Darts-Zirkus bekannt, war nicht nach emotionalen Ausbrüchen zumute. Es machte sich schlichtweg Erleichterung breit.

"Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so einen Druck verspürt. Das war echt hart, ich war noch nie so nervös", sagte der 35-jährige Waliser wenig später. Und das, obwohl das WM-Finale gegen Gary Anderson eigentlich eine deutliche Angelegenheit zu seinen Gunsten war.

Price dominierte das Match über weite Strecken nach Belieben, stand nach vier Sätzen bei einer außerirdischen Trefferquote auf die Doppelfelder (76,92 Prozent) und hämmerte insgesamt 13 180er und weitere 14 140er ins Board. Er baute seinen Vorsprung kontinuierlich aus und führte mit 6:2-Sätzen und 2:0-Legs.

Doch plötzlich begann der "Iceman" zu schmelzen. Was bislang so leicht ausgesehen hatte, wurde unter der Vorstellung, im nächsten Moment die 20 Kilogramm schwere, nach dem legendären, 2012 verstorbenen Darts-Kommentator Sid Waddell benannte Trophäe in den Händen zu halten sowie ein saftiges Preisgeld von rund 558.000 Euro aufs Konto überwiesen zu bekommen, unendlich schwer.

Gerwyn Price: "Das bedeutet mir die Welt"

Der Profi aus dem südwalisischen Markham vergab im dritten und im vierten Leg des neunten Satzes neun Matchdarts, Anderson verkürzte daraufhin auf 3:6. Im darauffolgenden Durchgang ließ er noch einmal zwei Möglichkeiten zum Sieg liegen. Erst der zwölfte Versuch landete im anvisierten Doppelfeld.

"Ich war eben noch nie kurz davor, Weltmeister zu werden", sagte Price fast entschuldigend: "Spieler wie Michael van Gerwen oder Peter Wright (die beiden Weltmeister der vergangenen Jahre, Anm. d. Red.) lassen es selbst in diesen alles entscheidenden Momenten in einem WM-Finale leicht aussehen, die Doppelfelder zu treffen. Ich kann euch aber sagen, dass es nur so aussieht."

Wer Price in diesem Moment reden hörte, konnte fast glauben, er würde sich selbst noch nicht zu den ganz Großen dieses Sports zählen. Das sollte er aber: Denn Price war mit acht Titeln der mit Abstand beste Spieler des Jahres, ist nun Weltmeister und - vielleicht noch aussagekräftiger - löste damit van Gerwen nach sieben Jahren als Nummer 1 der Weltrangliste, der Order of Merit, ab.

"Es dauert noch ein paar Tage, bis ich das alles begreifen kann", sagte der Waliser, der 2020 unter anderem die World Series of Darts Finals, den World Grand Prix und gemeinsam mit seinem Landsmann Jonny Clayton den World Cup of Darts gewonnen hat: "Die Nummer 1 der Welt zu werden, ist schwieriger, als die WM zu gewinnen. Das bedeutet mir die Welt."

Gerwyn Price: Vom Rugby-Profi zum Darts-Millionär

Prices Aufstieg zur Nummer 1 der Welt ist eine ungewöhnliche Geschichte, war er doch 2014 noch professioneller Rugby-Spieler. Auf der Position des Haklers, der im Gedränge, also dort wo es richtig weh tut, eingesetzt wird, lief das Kraftpaket für den Neath RFC, den Cross Keys RFC, die South Wales Scorpions und die Glasgow Warriors auf.

Dann erkannte Darts-Profi Barrie Bates bei einem Freizeitturnier Prices Potenzial und ermutigte ihn, es auch als Profi zu versuchen. Price erspielte sich 2014 schließlich über die PDC Qualifying School eine zweijährige Tour Card, hing seine Rugby-Karriere sowie seinen Teilzeitberuf als Industrie-Isolierer an den Nagel und startete durch.

Beim World Matchplay 2015 schaffte es Price erstmals ins Viertelfinale eines Major-Turniers. 2017 stand er bei den UK Open und beim World Cup of Darts im Finale, 2018 gelang der Sieg beim Grand Slam of Darts, der Einzug ins WM-Achtelfinale und aufgrund seiner Leistungen die Teilnahme am Einladungsturnier Premier League.

Ein Jahr später gewann er wieder den Grand Slam of Darts, stand in zwei weiteren Major-Finals und erreichte im Januar 2020 das WM-Halbfinale, wo er am späteren Weltmeister Peter Wright scheiterte. Im Vergleich zu den 44.000 Euro, die er pro Jahr als Rugby-Spieler erhielt, verdient Price mit Darts längst ein Vielfaches mehr. Der Hakler ist zum Darts-Millionär geworden, der Wechsel war die richtige Entscheidung.

Gerwyn Price gewinnt auch die weniger guten Spiele

Überraschend ist die rasante Entwicklung dennoch, die Price in wenigen Jahren durchlaufen hat. Der Quereinsteiger brachte besonders bei der WM eine Kaltschnäuzigkeit mit auf die Bühne, die ganz im Stile eines Champions war.

Er besitzt nicht nur die Fähigkeit, in großen Matches groß aufzuspielen. Er gewinnt auch Spiele, in denen er längst nicht an seine Topleistung herankommt. So setzte sich Price in seinen ersten beiden Partien in London gegen seinen Landsmann Jamie Lewis (3:2) und den Nordiren Brendan Dolan (4:3) jeweils erst im Entscheidungs-Leg durch.

Doch der "Iceman" steigerte sich, schaltete im Achtelfinale Mervyn King (4:1, England), im Viertelfinale Daryl Gurney (5:4, Nordirland), im Halbfinale Stephen Bunting (6:4, England) und in einem sehr überzeugenden Endspiel den zweimaligen Weltmeister (2015 und 2016) Anderson aus.

Gary Anderson: "Gerwyn Price war der bessere Spieler"

"Er war der bessere Spieler und hat verdient gewonnen", räumte der "Flying Scotsman" unumwunden ein. Price spielte den besseren Average als sein Gegenüber (100,08 Punkte zu 94,25 Punkte) und war auf die Doppelfelder sicherer (45,61 Prozent zu 26,87 Prozent). Insgesamt schnappte sich Price 26 und damit acht Legs mehr als Anderson.

"Ich habe viel zu viele Doppel verfehlt", meinte der 50-Jährige, der zum fünften Mal in einem WM-Finale stand und immerhin noch knapp 280.000 Euro kassierte: "Aber es ist alles okay so. Ich hätte vor dem Turnier nie gedacht, dass ich so weit kommen würde."

Andersons Gelassenheit war nach einem insgesamt unrunden Jahr mit einem mehr als versöhnlichen Abschlussergebnis verständlich. So verwunderte es auch nicht, dass der Schotte selbst in dem Moment cool blieb, als er auf das hitzige Finale beim Grand Slam of Darts 2018 angesprochen wurde, als er und Price - der für seine Provokationen berühmt-berüchtigt ist - auf der Bühne beinahe handgreiflich geworden wären.

"Er schießt manchmal über das Ziel hinaus und ich mag das nicht so gerne", meinte Anderson: "Aber diesmal war alles fair, ich habe nichts zu beanstanden. Es ging ausschließlich um Darts, so soll es sein. Die Sache vom Grand Slam of Darts ist vergessen."

Darts-WM: Die Sieger der letzten Jahre

JahrGewinnerFinalgegner
2015Gary AndersonPhil Taylor
2016Gary AndersonAdrian Lewis
2017Michael van GerwenGary Anderson
2018Rob CrossPhil Taylor
2019Michael van GerwenMichael Smith
2020Peter WrightMichael van Gerwen

Gerwyn Price: Das erste Haus für 2021 ist bereits eingespielt

Der größte Unterschied zwischen Anderson und Price dürfte sein, dass Darts für den "Flying Scotsman" eine Lebenseinstellung ist, während Price den Sport in erster Linie als Mittel zum Zweck, also zum Geldverdienen versteht.

Daraus, dass Rugby für immer seine ganz große Leidenschaft bleiben wird, machte der Waliser nie einen Hehl. Spätestens mit 50 will er genügend Geld gescheffelt haben, um die Darts zur Seite legen und in Rente gehen zu können.

"Ich kaufe jedes Jahr zwei Häuser, dann höre ich auf und wandere aus", sagte er vor der WM in einem Interview. Dank des Triumphes im Ally Pally sollte das erste Haus für 2021 bereits am 3. Januar größtenteils eingespielt sein.

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