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Getty-Images-Sportfotograf Matthias Hangst: "Manche wollten vorher aufräumen und putzen"

Von Matthias Hangst
Turner Marcel Nguyen trainiert im Garten seiner Mutter in Unterhaching.
© Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Getty-Images-Sportfotograf Matthias Hangst erklärt, wie sich die Arbeit in der Coronakrise verändert hat und wie man trotzdem an tolle Bilder kommt. Und wie witzig manche Sportler reagiert haben.

Dass die gesamte Sportindustrie derart zum Erliegen kommen könnte, hätte ich niemals für möglich gehalten. Für mich und mein 25-köpfiges Team von festangestellten SportfotografInnen und Freelancern hat das die Arbeit natürlich extrem erschwert. Spannend ist, dass, obwohl alle großen Sportevents gecancelt werden mussten, die Nachfrage nach einer Berichterstattung seitens der Konsumenten anfangs ungebrochen hoch war.

Wir stellten uns deshalb die Frage, wie wir dem trotz aller Einschränkungen gerecht werden können. Glücklicherweise verfügt Getty Images über sehr gute Kontakte zu AthletInnen und ManagerInnen und so kamen wir auf die Idee, der Frage auf den Grund zu gehen, wie sich SpitzensportlerInnen aktuell fit halten.

Normalerweise haben wir immer einen großen Fokus auf den Fußball. Bei diesem Projekt hatten aber endlich auch ein paar VertreterInnen anderer Disziplinen die Chance, sich medial zu präsentieren. Je mehr Bilder wir im Kasten hatten, desto mehr SportlerInnen konnten wir am Ende von unserer Idee begeistern. Einige hatten anfangs zwar großen Respekt vor einer potenziellen Ansteckungsgefahr und waren deshalb eher zurückhaltend. Und auch wir mussten uns die Frage stellen, ob es als SportfotografIn rechtlich überhaupt erlaubt ist, während des Lockdowns zu den SportlerInnen nach Hause zu kommen.

Als ob die Schwiegermutter sonntags zum Kaffee kommt

Aber mit den entsprechenden Hygienemaßnahmen in Form von Schutzmasken und Desinfektionsmittel, die für FotografInnen zur eigenen Sicherheit sowie der der Fotografierten derzeit Pflicht sind, war es dann vollkommen in Ordnung. Meine Team-KollegInnen und ich haben AthletInnen wie den Kunstturner Marcel Nguyen oder den Nordischen Kombinierer Johannes Rydzek sowieso immer nur ganz kurz getroffen - im Garten oder in der Garage, je nachdem, wohin sie ihr Training aktuell verlegt haben. Die Bilder, die wir schießen konnten, zeigen sie deshalb ungewohnt privat.

Und weil nicht immer ein/e TrainerIn dabei war, blieb sogar etwas Zeit zum Quatschen. Einige erzählten uns beispielsweise, dass sie von der Absage der Olympischen Spiele zwar sehr enttäuscht waren, gleichzeitig aber auch eine große Last von ihren Schultern fiel. Die Vorstellung, trotz der eingeschränkten Trainingsbedingungen Höchstleistungen erbringen zu müssen, hat viele enorm unter Druck gesetzt.

Normalerweise arbeiten wir immer in engem Kontakt mit den Porträtierten. Deshalb bestand die einzige Schwierigkeit darin, stets die Distanz zu halten. Das Witzige: Manche von den SportlerInnen, die wir besucht haben, wollten vorher aufräumen und putzen, um uns ein blitzblankes Heimstudio zu präsentieren.

Da sind sie nicht anders, als jeder normale Mensch wahrscheinlich auch, der erstmal putzt, bevor die Schwiegermutter sonntags zum Kaffee kommt. Aber darum ging es uns gar nicht. Vielmehr wollten wir zeigen, dass auch bei ihnen in dieser außergewöhnlichen Situation nicht alles perfekt ist, sie aber trotzdem das Beste daraus machen.

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