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Schachwelt gibt Kramnik keine Chance

SID
© Getty

"Tragödie", "Hinrichtung", "hoffnungslos" - die Schachwelt ist zur Halbzeit der WM in Bonn geschockt vom Spiel des russischen Herausforderers Wladimir Kramnik.

Beim Stand von 1,5:4,5 räumt kein Experte dem Ex-Weltmeister noch eine realistische Chance auf den Titel ein. "Es bahnt sich eine Tragödie für Kramnik an, und so langsam kann man die Sterbegesänge anstimmen", sagte der deutsche Großmeister Helmut Pfleger in der Bundeskunsthalle.

Schach-Legende Anatoli Karpow kritisierte Kramnik, der seine dritte Niederlage gegen Titelverteidiger Viswanathan Anand in sechs Partien quittieren musste, ebenfalls mit deutlichen Worten.

Hoffnungslose Situation

"Seine Situation ist hoffnungslos", sagte Karpow. "Seine schwache Form überrascht mich. Normalerweise hat man immer eine Chance - die Frage ist nur, wie groß sie noch ist."

Pfleger, jahrzehntelang "Mr. Schach" im deutschen Fernsehen, sprach sogar von einer Hinrichtung. "Was wir gerade erleben, ist unglaublich. Kramnik hatte immer den Nimbus des fast Unbezwingbaren, und plötzlich geht er unter. Damit hätte ich niemals gerechnet."

Die erste WM auf deutschem Boden seit 74 Jahren scheint entschieden. Kramnik selbst kam zur Pressekonferenz konsterniert, mit schlecht gebundener roter Krawatte und zerknittertem weißen Hemd.

Anand überrascht Kramnik

"Es wäre masochistisch, jetzt über meine Gefühle zu reden", sagte der 33-Jährige. "Es waren schlimme Tage für mich, sie haben mir den Schlaf geraubt. Ich muss besser spielen und endlich mal eine Partie gewinnen."

Dies erscheint gegen Anand, der stets besser vorbereitet scheint und Kramnik auch am Dienstag wieder mit einer Neuerung überraschte (diesmal h3 im 9. Zug, um den Vormarsch des g-Bauern einzuleiten), derzeit fast unmöglich.

Am Donnerstag muss Kramnik erneut mit den schwarzen Figuren antreten, mit denen er in einer Turnierpartie noch nie gegen den Inder gewonnen hat. Am Dienstag rannte er mit Schwarz offensiv ins Verderben.

Statistik gibt Kramnik keine Chance

Statistisch ist die Lage des Russen tatsächlich aussichtslos. Seit 1935, als der Niederländer Max Euwe einen 2:5-Rückstand in ein 15,5:14,5 gegen den Franzosen Alexander Aljechin drehte, hat niemand in einem WM-Kampf drei Punkte zurückgelegen und gewonnen.

30 Partien wurden damals gespielt, diesmal maximal zwölf. Ungenauigkeiten und Zeitnot brachten Kramnik am Dienstag ins Hintertreffen, nach 4:17 Stunden und 47 Zügen stand Weiß klar auf Gewinn - Aufgabe Kramnik vor rund 300 Zuschauern im Spielsaal.

600.000 Euro für beide

"Er braucht einen besseren Plan", meinte der langjährige Weltmeister Karpow anschließend streng: "Er hat einige Dinge gespielt, die für mich sehr merkwürdig anmuten." Anand dagegen präsentierte sich mit einem gelösten Lächeln.

"Keine Erklärung" habe er für sein nahezu perfektes Spiel bisher, sagte der 38-Jährige, verweigerte aber die Annahme verfrühter Glückwünsche: "Nur der Ruhetag ist für mich Grund zum Feiern."

Mit Siegen am Donnerstag und Freitag (Eröffnung 15.00 Uhr) könnte er die erfolgreiche Titelverteidigung viel früher als von allen Experten erwartet perfekt machen. Beide Spieler erhalten vom Ausgang unabhängig jeweils 600.000 Euro.

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