FC Bayern München: Fluch oder Segen? Was für und gegen einen Verkauf von Alphonso Davies spricht

Von Justin Kraft
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Alphonso Davies ist beim FC Bayern München in eine kontroverse Situation geraten. Der Flirt mit Real Madrid wirft an der Säbener Straße die große Frage auf: Teuer verkaufen, oder teuer verlängern? Das sind die Argumente.

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Es läuft die 17. Minute im Champions-League-Spiel des FC Bayern München gegen Galatasaray. Zwar führt das Team von Thomas Tuchel mit 1:0, doch die Türken sind das klar bessere und gefährlichere Team. Doch für einen Moment können sich die Münchner aus dem enormen Druck befreien, den der Gastgeber entfacht.

Der Grund dafür: Alphonso Davies. Der Kanadier dribbelt den ersten Gegenspieler aus, läuft am zweiten vorbei und plötzlich öffnet sich vor ihm eine große grüne Wiese ohne Gegenspieler. Vier Bayern-Spieler gegen vier von Galatasaray. Dass aus der Chance nichts wird, liegt daran, dass Jamal Musiala den Ball im Zentrum verliert. Trotzdem eine Aktion, die zeigt, wie wichtig Davies für den Rekordmeister sein kann.

Ein kleiner Zeitsprung in die 44. Minute. Galatasaray hat mittlerweile ausgeglichen. Dass es 1:1 steht, ist aus Münchner Sicht ein kleines Wunder. Wieder ein Entlastungsmoment. Wieder über Davies, der auf dem offensiven Flügel links andribbelt. Dann ein Pass in den Rückraum zu Leroy Sané - beziehungsweise an ihm vorbei. Die Distanz zwischen beiden Spielern: Vielleicht fünf, maximal zehn Meter.

In diesem Fall eine Aktion, die zeigt, wie groß die Streuung im Spiel des 22-Jährigen ist. Und wie gefährlich seine Fehler sein können. Galatasaray macht aus der guten Umschaltgelegenheit nichts. Glück für die Bayern. Es sind zwei gegensätzliche Szenen in einer Halbzeit, die eine klare Antwort auf eine Frage erschweren, die an der Säbener Straße immer dringlicher wird: Sollte man Davies zu guten Konditionen einen neuen Vertrag über 2025 hinaus anbieten oder ihn für eine hohe Ablösesumme verkaufen?

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Alphonso Davies: Der Flirt mit Real Madrid

Klar ist: Interessenten gibt es wohl genug. Einer davon ist Real Madrid. Im Sommer sprach Davies-Agent Nick Huoseh recht offen über die Gerüchte: "Real ist ein großer Klub, ich bin ein großer Fan. Real ist ein großer Name. Wenn man Gerüchte um seinen Schützling hört, macht das schon stolz."

Zwar habe der Linksverteidiger in München noch zwei Jahre Vertrag, aber: "Wir werden abwarten, wie sich alles entwickelt in den kommenden Wochen." Zuvor machte Huoseh öffentlich deutlich, dass die Unruhe im Sommer dazu beigetragen habe, dass man Vertragsgespräche mit dem FC Bayern auf Eis gelegt habe.

Hasan Salihamidzic, der Davies einst nach München brachte, wurde damals als Sportvorstand abberufen. Verschiedene Medien berichteten seitdem, dass der blitzschnelle Außenspieler auf der Prioritätenliste von Real Madrid ganz oben stehe. Ein Risiko für die Bayern? Oder doch eine Chance?

FC Bayern München: Das spricht für einen Verkauf von Alphonso Davies

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Alphonso Davies: Eine Gefahr für das eigene Team?

Auf den ersten Blick mag der Gedanke daran, einen der besten Linksverteidiger der Welt zu verkaufen, aberwitzig sein. Doch schaut man sich die vergangenen Wochen und Monate genauer an, gibt es Argumente, die für eine Trennung sprechen.

Thomas Tuchel legt großen Wert auf Spielkontrolle. In nahezu jeder Partie hat Davies Momente, in denen er sich in der eigenen Hälfte festrennt oder einen unerklärlichen Fehlpass spielt. Gegner der Bayern stellen sich zunehmend darauf ein, Pressingfallen auf der Seite von Davies zu stellen, um ihn dort zu provozieren.

Der Linksfuß zockt gern und gerne auch mal am eigenen Strafraum. Ein Verhalten, das nicht immer im Sinne der Spielidee von Tuchel sein dürfte. Dass er ein gelernter Offensivspieler ist, ist klar erkennbar. Das betrifft auch seine Defensivzweikämpfe. Dort hat er sich über die Jahre zwar verbessert, doch oft genug lässt er sich von seinen Gegenspielern düpieren. Wäre er nicht so unverschämt schnell, hätte er noch deutlich mehr Tore verschuldet.

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Alphonso Davies: Mit den Millionen kann der FCB umstrukturieren

Dass die Bayern aktuell so viel Angriffsfläche bieten, liegt auch am mitunter katastrophalen Spielaufbau. Davies hätte einen enormen Verkaufswert, wenn die Bayern es klug anstellen. Geld, mit dem man den Abwehrverbund inklusive zentralem Mittelfeld neu strukturieren könnte.

Zwar würde man wohl nicht so viel Geld erhalten, dass es für eine Kernsanierung reicht, aber womöglich ausreichend, um einen oder zwei Spieler zu holen, die gut zu Tuchel passen. Dafür müsste der Rekordmeister allerdings Verhandlungsgeschick zeigen.

Laut der Sport Bild liegt die Schmerzgrenze von Real Madrid bei 50 Millionen Euro. Doch dass diese ersten Zahlen gern auch mal rapide in die Höhe gehen können, hat der Transfermarkt oft genug bewiesen.

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Alphonso Davies: Stagnation auf hohem Niveau?

Die Probleme, die Davies regelmäßig im Spielaufbau oder in Offensivaktionen zeigt, sind nicht neu. Seit Jahren haben sich verschiedene Trainer daran versucht, ihm die einfachen Ballverluste auszutreiben - jeweils ohne Erfolg.

Auch Tuchel scheint es nicht zu gelingen. Davies stagniert auf seinem Niveau. Dieses ist zugegebenermaßen ziemlich hoch, doch der entscheidende Schritt nach ganz oben will offenbar nicht gelingen. Ein Spieler seiner Qualität müsste offensiv eigentlich an noch viel mehr Treffern direkt beteiligt sein.

In der vergangenen Saison gelangen Davies immerhin 0,35 Tore und Assists pro 90 Minuten, in dieser sind es bisher 0,24. Die erwarteten direkten Torbeteiligungen pro 90 Minuten sind seit 2021 rückläufig: Von einst 0,27 über 0,23 zu 0,16 in der aktuellen Spielzeit. Davies strahlt im Moment weniger Gefahr aus als in den Vorjahren.

Bisher ist die Stichprobe der neuen Saison noch klein, doch auffällig ist, dass der Linksverteidiger immer Phasen hat, in denen er in ein großes Loch fällt. Nicht nur während einzelner Spiele, sondern auch über ein ganzes Jahr hinweg. Mit 22 Jahren kommt Davies in ein Alter, in dem man eine klare Weiterentwicklung erwarten würde.

FC Bayern München: Das spricht gegen einen Verkauf von Alphonso Davies

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Alphonso Davies: Ein Segen für jedes System

So fahrig der Nationalspieler oft auch agieren mag, so essenziell ist er für ein Team, dem im Spielaufbau derzeit andere Ideen fehlen. Dass Davies hin und wieder den Ball verliert, ist nämlich nicht ausschließlich an ihm festzumachen.

Die Bayern scheinen sich zu sehr darauf zu verlassen, dass der Kanadier sie rettet. Oft bleibt ihm keine andere Wahl, als mit dem Kopf durch die Wand zu laufen. Und dafür gelingt es ihm sogar mit einer ziemlich hohen Erfolgsquote. Immerhin gewinnt er in dieser Saison 61,8 Prozent seiner Dribblings (34 von 55).

Das macht ihn für Tuchel unglaublich wertvoll. Denn wie würde das Aufbauspiel ohne diese Dribblings aussehen? Außenverteidiger, die Unterzahlsituationen auflösen können, sind eine unterschätzte Waffe im Weltfußball. Selbstverständlich könnte Davies noch gezielter und noch bedachter eingesetzt werden, doch diese Waffe abzugeben, wäre wohl ein Fehler.

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Alphonso Davies: Wer soll auf ihn folgen?

Der Ruf nach Umstrukturierung ist immer schnell da, doch wie soll die konkret aussehen? Bei den Bayern drückt der Schuh defensiv fast überall. Sich da noch die Linksverteidigerposition als Baustelle zu öffnen, wäre unklug.

Zumal es auf dem Markt kaum gleichwertige Linksverteidiger gibt. Theo Hernández von der AC Milan wäre womöglich ein Kandidat, ist er doch ein ziemlich kompletter Außenverteidiger. Doch sein Vertrag läuft bis 2026, transfermarkt.de schätzt seinen Marktwert auf 60 Millionen Euro.

Die Davies-Millionen würden also für einen Spieler draufgehen, der keine oder maximal wenige Probleme löst, die jetzt da sind. Man würde sich einmal im Kreis drehen. Denn selbst wenn die Bayern gut verhandeln, wäre für Davies wohl nicht deutlich mehr drin als die aktuell spekulierten 50 Millionen Euro. Sein Vertrag läuft 2025 bereits aus.

Auf dieses Geld ist der FC Bayern nicht angewiesen. Die eigene Kasse gibt genug her, um den Kader umzustrukturieren. Und wenn es Einnahmen braucht, bieten sich Spieler auf anderen Positionen an, die in jüngerer Vergangenheit Schwierigkeiten hatten, Fuß zu fassen.

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Alphonso Davies: Übertriebene Erwartungshaltung?

Stagnation auf hohem Niveau ist immer noch Stagnation auf hohem Niveau. Die Dinge aufzuzählen, die Davies nicht gut macht, gehört zu einer derartigen Debatte. Doch gleichzeitig macht Davies immer noch sehr vieles sehr gut.

In den letzten 365 Tagen kam er durchschnittlich auf 3,62 Aktionen pro 90 Minuten, die zu einem Abschluss führten - unter den Außenverteidigern der Top-5-Ligen zählt er damit zu den besten fünf Prozent. Mit seiner Passquote (87,8 Prozent) befindet er sich unter den besten drei Prozent, bei den progressiven Läufen mit Ball am Fuß (4,97) unter den besten zwei Prozent und bei den erfolgreichen Dribblings (3,69) ist er die Nummer eins.

Davies hat zudem 3,34 Ballberührungen im gegnerischen Strafraum (beste drei Prozent). Diese offensive Präsenz macht ihn zu einem taktischen Mittel von unschätzbarem Wert. Auch Leroy Sané profitiert derzeit häufig davon, dass er ins Zentrum einrücken kann, weil Davies links nachrückt und das Spiel breit macht.

Die Erwartungshaltung an den 22-Jährigen ist enorm, weil er ein so riesiges Talent mitbringt. Aber der Eindruck der großen Streuung entsteht auch deshalb, weil er ein Spieler ist, der gern zockt, gern ins Risiko geht - und dabei dann eben doch relativ häufig gewinnt. Und ein bisschen Zocken tut dem statischen System von Tuchel oft sehr gut.

Wenn es darum geht, Risiko zu minimieren, sollte in München eher daran gearbeitet werden, das Zentrum in den Griff zu bekommen. Dann wird auch Davies wieder stabiler sein. Denn mit mehr Variabilität im Spiel und weniger Abhängigkeit von seinen Dribblings, ist der Überraschungsfaktor deutlich größer.

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Alphonso Davies: Und nun, FC Bayern?

Es gibt Argumente für einen Verkauf. Besonders dann, wenn der Spieler selbst den Weg ins Ausland gehen möchte. Doch die Bayern wären gut beraten, einen ihrer talentiertesten Fußballer nicht ziehen zu lassen. Dass Davies hin und wieder im Fokus der Kritik steht, liegt eben auch daran, dass er in jungen Jahren bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Er will das Spiel prägen und ihm seinen Stempel aufdrücken. Mit der Unterstützung des Trainerteams und der Mitspieler kann das in Zukunft noch besser gelingen. Mit 22 Jahren hat Davies das Ende seiner Entwicklung längst nicht erreicht.

Und was bisher noch außen vor blieb: Mit seiner offenen, meist gut gelaunten Art ist Davies extrem wichtig für die Kabine. Die Fans lieben ihren unverschämt schnellen Außenverteidiger sowieso. Eine Verlängerung des Vertrags wäre aus Sicht des FC Bayern das beste Szenario.

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