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Handball

"Ein Bolt wirft keine Tore"

Von Florian Regelmann
Akribisch wie in jeder Einheit: Markus Baur erklärt Ferenc Ilyes die Abläufe. Holger Glandorf hört zu
© TBV Lemgo

Bevor es für den TBV Lemgo in der Bundesliga losgeht, steht die Champions-League-Qualifikation auf dem Programm. Ab Freitag geht es in einer Gruppe mit Schaffhausen, Celje und Gastgeber Leon um ein Ticket für die Königsklasse. Eine schwierige, aber machbare Aufgabe. SPOX traf Coach Markus Baur und den TBV-Tross im Trainingslager am Bodensee. Die Erkenntnis: Mit Lemgo ist in diesem Jahr zu rechnen.

Pass - Rückpass - Sprungwurf - Kaboom! Dreimal schlägt der Ball mit einer unglaublichen Wucht im Tor ein. Einmal links oben, zweimal rechts oben. Der Schütze heißt Michael Kraus. Der Mimi eben.

SPOX ist zu Gast im Trainingslager des TBV Lemgo und verfolgt aus nächster Nähe, wie sich einer der Meisterschaftsfavoriten auf die neue Saison vorbereitet.

Auch wenn das große Geld in Kiel, Hamburg und bei den Löwen liegt, sollte niemand den TBV unterschätzen. Dass Michael Kraus vor kurzem seinen Vertrag vorzeitig bis 2012 verlängerte, war ein deutliches Zeichen, dass Lemgo sich nicht damit zufrieden gibt, die großen Drei nur zu ärgern. Lemgo will sie schlagen.

Der TBV Deutschland

Mit guten ausländischen Spielern, aber vor allem mit der deutschen Schiene. Kraus, Glandorf, Strobel, Preiß, Lichtlein - hier kommt der TBV Deutschland.

"Wir setzen auf die deutsche Karte und wir sind sehr froh, dass Mimi noch lange bei uns bleibt. Er ist ein ganz wichtiger Bestandteil - nicht nur bei uns, sondern im deutschen Handball. Er hat Voraussetzungen, die unglaublich sind und die man noch nicht oft gesehen hat", schwärmt Markus Baur von seinem wichtigsten Spieler.

Für Baur ist das Trainingslager in Mimmenhausen am Bodensee eine Rückkehr in die Heimat. In genau dieser miefigen Turnhalle, in der er nun als TBV-Coach steht, stand er früher als Spieler des TSV Mimmenhausen.

Heimkehr an den Bodensee

"Wenn ich die Leute wieder sehe, mit denen ich damals zu tun hatte, kommen die Erinnerungen wieder hoch, aber das ist alles verdammt lange her. Ich hätte nie gedacht, dass ich so eine Karriere starten würde. Ich hatte einfach Spaß an der Sache und ich habe versucht, gut Handball zu spielen. Auf einmal kam dann eine Anfrage, als ich 17 Jahre alt war und der Rest hat sich so entwickelt", erklärt Baur.

Der Rest - damit meint der 38-Jährige seine glanzvolle Karriere. Zweimal wurde Baur zum Handballer des Jahres gewählt, er wurde deutscher Meister, Europameister und als Höhepunkt überhaupt 2007 Weltmeister im eigenen Land.

Schon als Spieler war Baur aufgrund seiner Spielintelligenz für jeden Coach der verlängerte Arm auf dem Spielfeld. Für jeden war klar: Der Baur muss Trainer werden.

Nun steht Baur in Mimmenhausen auf dem Feld und gibt Anweisungen. Klare Anweisungen. Er unterbricht häufig, wird aber nicht laut, sondern versucht es lieber mit konstruktiver Kritik. Es ist deutlich zu spüren, dass es ihm gefällt, selbst das Zepter in der Hand zu haben und nicht mehr auf einen Trainer hören zu müssen. Der Trainer ist schließlich er. Hat er also seine Traumrolle gefunden?

Traumrolle Trainer

"Momentan schon noch", sagt Baur und lacht. "Es ist die Rolle, die ich machen möchte. Ich habe in Lemgo eine tolle Chance bekommen, für die ich auch sehr dankbar bin. Ich bin aber noch lange nicht am Ende meiner Entwicklung, falls man das überhaupt jemals ist. Ich lerne jeden Tag dazu, was man besser machen könnte. Auch was man am besten unterlässt", sagt Baur.

Auch wenn er es nicht so gerne hören will, weiß er natürlich genau, dass er einer der Top-Kandidaten für die Nachfolge von Bundestrainer Heiner Brand ist, sollte dieser wie angekündigt in einigen Jahren seinen Posten räumen.

"Sicher ist das Bundestrainer-Amt eine interessante Aufgabe, aber für mich zählt im Moment nur Lemgo. Ich will mit dem TBV meine Ziele erreichen, dafür gebe ich alles. Was dann irgendwann mal kommt, werden wir sehen."

Während der Großteil des Teams unter Anleitung des Cheftrainers die Angriffssysteme durchspielt, steht Logi Geirsson am Rand und macht seltsam anmutende Übungen. Er wirft den Ball gegen die Wand - aus etwa 30 Zentimeter Entfernung. Immer und immer wieder.

Geirsson vs. Bolt

Der Isländer hat eine Operation an der Schulter hinter sich und führt seinen wichtigsten Körperteil, seinen rechten Wurfarm, ganz langsam wieder an höchste Belastungen heran. Baur weist darauf hin, dass Linksaußen Geirsson im Übrigen der schnellste Mann im TBV-Kader ist. In gewisser Weise der Usain Bolt aus Lemgo. "Er würde die 100 Meter knapp verlieren gegen Bolt", witzelt Baur.

Usain Bolt ist ein gutes Stichwort. Wer unter dem Trainer Baur spielen will, der muss mehr anbieten können als eine herausragende Schnelligkeit.

"Ein Bolt wirft mir auch keine Tore. Im Handball müssen die Top-Spieler von allem etwas haben. All das, was einen individuell stark macht, die Athletik, die Schnelligkeit, muss ich in den Spielsituationen auch anwenden können. Und das Wichtigste für mich: Ein Spieler muss Handball-Sachverstand haben. Heutzutage spielt die Strategie eine ganz entscheidende Rolle", erklärt Baur.

Markus-Baur-Handball bedeutet in erster Linie, aus einer guten Abwehr heraus mit sehr viel Tempo und hoher Ballgeschwindigkeit nach vorne zu laufen, um dann seine individuelle Klasse in die Waagschale zu werfen. Aber auch mit Köpfchen zu agieren.

Handball muss gepusht werden

"Mittagessen ist um 13 Uhr." Mit diesen Worten entlässt Baur seine Mannschaft nach dem Vormittagstraining in die Freizeit. Die Spieler wittern ihre Chance auf Erfrischung und begeben sich sofort an den nebenan gelegenen Schlosssee. Die Halle ist leer. Zeit, um über ernste Probleme zu reden.

Wenn das Gespräch auf den angeblichen Bestechungsskandal kommt, der den Handball in der letzten Saison erschütterte, wird Markus Baur energisch.

"Es ist nicht schön, wenn du immer nur Negatives über deine Sportart liest. Wir sollten alle versuchen, wieder das Positive am Handball in den Vordergrund zu stellen. Ich weiß nicht, ob wir jemals die ganze Wahrheit erfahren werden, ich weiß nur eins: Wir müssen den Handball wieder pushen", meint Baur, der mögliche Regeländerungen als Folge des Skandals entschieden ablehnt.

HSV in der Pflicht

Was er sicher nicht ablehnen würde, wäre eine deutsche Meisterschaft. Baur, Realist durch und durch, lässt sich aber nicht zu einer Kampfansage hinreißen: "Kiel steht momentan noch über allen und der HSV hat nach den Transfers die Verpflichtung, Meister zu werden. Wir konzentrieren uns auf uns und wollen so lange wie möglich oben dabei bleiben. Wir können gegen die Top-Teams bestehen - die Frage ist, ob wir es über eine komplette Saison schaffen."

Fakt ist, dass ein Titelgewinn des TBV Lemgo nicht aus der Welt ist. Wer Markus Baur kennt, weiß, dass er diesen in den nächsten Jahren auch haben will. Ob er es nun offen zugibt oder nicht.

Jetzt muss Baur erstmal weiter, die nächsten Einheiten wollen vorbereitet werden. Beim Weggehen aber noch eine Frage: "Wie viel Prozent des Menschen Markus Baur wären denn gerne noch Spieler?" Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. "Null Prozent. Das hat sich erledigt. Ehrlich."

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