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Fussball

"Der Aufstieg kommt zu früh"

Von Interview: Benny Semmler
Matthias Lehmann (l.) hat mit drei Toren großen Anteil am furiosen Saisonstart von St. Pauli
© Imago

Mit zehn Punkten aus vier Spielen und überragenden 13:3 Treffern führt der FC St. Pauli die 2. Liga an. Drei Treffer davon gehen allein aufs Konto von Neuzugang Matthias Lehmann. Der hält das Gerede vom Aufstieg aber noch für verfrüht.

Der Ruf, eine Diva zu sein, eilt ihm voraus. Das weiß er. Einige meinen, er wäre arrogant. Er meint: "Ich sage meine Meinung!"

Matthias Lehmann, neuer Mittelfeld-Chef des FC St. Pauli, spricht im Interview mit SPOX über den furiosen Saisonauftakt der Hamburger, einen harten Hund und erklärt, warum der Kiez-Klub irgendwie anders ist.

SPOX: Wäre es zur Abwechslung nicht auch mal gut zu verlieren?

Matthias Lehmann: Mit Sicherheit nicht. Je mehr Spiele wir gewinnen, desto mehr Selbstvertrauen haben wir. Warum sollten wir verlieren wollen?

SPOX: Damit das Gerede vom Aufstieg vorbei ist.

Lehmann: Diese Dinge kommen ja nicht von uns. Das wird von außen hereingetragen. Von den Fans, von den Medien. Aber bei so einem guten Start ist das wohl verständlich. Allerdings: Es sind noch 30 Spiele und wir wissen die Situation gut einzuschätzen.

SPOX: Aber die Euphorie ist ja berechtigt. Was würden Sie denn über den Saisonstart schreiben?

Lehmann: Ich würde wohl schreiben: Es ist einfach schön, Euch zuzuschauen. Wenn es so weiterläuft, dann ist nicht nur Hamburg, sondern ganz Deutschland begeistert. Und man sieht, dass in der 2. Liga nicht nur gekämpft und gegrätscht wird, sondern auch schöner Fußball zu sehen ist.

SPOX: Mit 13 Treffern in vier Partien ist der FC St. Pauli die Torfabrik im deutschen Profifußball.

Lehmann: 9:0 Tore bei zwei Auswärtsspielen ist sicher sensationell. Aber so furios laufen ja nicht alle Spiele ab. Die Tor-Quote wird sich in den nächsten Wochen wieder normalisieren. Es sah vielleicht alles sehr locker aus. Aber dahinter steckt Arbeit, viel Arbeit.

SPOX: Dann erklären Sie uns Ihre Arbeit.

Lehmann: Der Großteil unserer Spielformen im Training basiert auf ein, zwei Kontakten. Zurzeit zahlt sich das einfach aus.

SPOX: Das klingt fast zu einfach.

Lehmann: Na ja, unser Aufwand ist auch größer, wir gewinnen mehr Zweikämpfe, dadurch ergibt sich mehr Ballbesitz und Spielkontrolle. Und dann fallen eben die Tore.

SPOX: Übersetzt heißt das: Viele Grätschen, viele Tore?

Lehmann: Genau. Das ist unser Mix. Wir können kämpfen und kombinieren. Und vor dem Tor sind wir eiskalt. Das zeichnet uns aus.

Wie lange hält sich St. Pauli an der Spitze? Selber tippen mit dem Tabellenrechner

SPOX: Wenn man Ihnen beim Training zusieht, hat man das Gefühl, da sind 20 Freunde auf dem Platz. Täuscht das?

Lehmann: Überhaupt nicht. Es ist hier definitiv intensiver als bei anderen Vereinen.

SPOX: In der Vorbereitung gab es sogar ein Teambuilding-Trainingslager. Erzählen Sie mal.

Lehmann: Dort haben wir viel in Gruppen gearbeitet. Mal musste die komplette Mannschaft Aufgaben lösen, mal nur eine kleine Dreier-Gruppe. Das war dann mal eher was für den Kopf und die Stimmung.

SPOX: Was waren die Aufgaben?

Lehmann: Ein Triathlon ohne schwimmen. Da mussten wir in Dreier-Gruppen laufen und wenn es ging, saßen beim Radfahren auch alle drei auf dem Fahrrad. Oder einer saß auf dem Gepäckträger und der andere lief nebenher. Wir mussten da selber Strategien entwickeln und hatten natürlich am Ende alle riesigen Spaß.

SPOX: Und mittlerweile trainieren Sie sogar Torjubel im Training. Gibt es sonst nichts mehr zu verbessern?

Lehmann: Das haben wir ja nur mal so eingestreut nach dem Training, als wir noch ein bisschen Torschüsse übten. Und dabei kamen dann einige Spieler auf ein paar kuriose Ideen.

SPOX: St. Pauli ist irgendwie anders. Ihr Trainer Holger Stanislawski auch?

Lehmann: Mit Sicherheit. Er ist zwar ein harter Hund, aber er findet auch die Mischung und weiß immer, wann wir nicht mehr können. Er war ja selber auch Spieler und kann wohl doch mit uns fühlen. Da habe ich schon ganz andere Trainer erlebt, die über das Ziel hinausgeschossen sind. Da gab es dann Verletzte wegen des überharten Trainings. Aber wie gesagt: Unser Trainerteam hat da eine gute Mischung gefunden.

SPOX: Sie spielten zuvor in Aachen. Wären Sie auch gerne zurück zu 1860 München gewechselt?

Lehmann: Die Anfrage war da und Kontakt zu Miki Stevic war vorhanden. Aber irgendwann flaute die Geschichte ab und ich sagte St. Pauli zu. Es kam noch mal ein Anruf von 1860, aber dann war es zu spät.

SPOX: Sie haben als Kapitän bei den Löwen mit Marcel Schäfer zusammengespielt. Der Kollege ist inzwischen deutscher Meister und Nationalspieler. Warum Sie nicht?

Lehmann: Tja, so ist das eben. Er hat halt einen Lauf und seinen Weg gemacht. Aber ich bin ja auch erst 26 und habe noch ein bisschen Zeit vor mir.

SPOX: Sie könnten ja schnellstmöglich den Weg zurück in die Bundesliga finden. Momentan ist St. Pauli schließlich auf Aufstiegskurs...

Lehmann: Dieses Jahr wäre noch zu früh. Die Favoriten sind in erster Linie die Absteiger Karlsruhe, Cottbus und Bielefeld. Augsburg und Duisburg halte ich für Anwärter. Dann kommen noch zwei, drei Überraschungen wie jetzt Union Berlin dazu. Die Liga wird jedes Jahr noch enger und noch stärker. Und irgendwann wollen wir natürlich auch hoch.

Matthias Lehmann im Steckbrief

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