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Fussball

Italienische Stiefel

Denis Glushakov spielt in der Heimat für Spartak Moskau
© getty

Die FIFA legte der russischen Premier Liga einst im Sinne der Talentförderung eine Ausländerbeschränkung auf. Letztlich hat diese zum Gegenteil geführt und schadet mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2014 besonders der Nationalmannschaft.

Ein schicksalhaftes Jahr war 2008 für den russischen Fußball. Nicht nur, dass sich die Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft mit namhaften Spieler wie Andrej Arshavin oder Yuri Zhirkov ins Halbfinale spielte, der russische Verband beschloss auch, an der 2005 beschlossenen 5+6 Regel weiter festzuhalten.

Zuvor waren sieben Ausländer in der Startaufstellung erlaubt gewesen, nun sollten es maximal fünf sein - und mindestens sechs Einheimische. Ein Beschluss mit weitreichenden Folgen. Eigentlich sollte er der Nachwuchsförderung zu gute kommen, die Vereine sollten ihre Gelder weniger in teure Stars aus dem Ausland investieren, als vielmehr in die eigene Jugendarbeit.

Ein Versuch, der nicht ungestraft blieb. Zwar weichte der russische Verband die Regelung im Sommer 2012 auf, jedoch machen sich die Nachwirkungen nun bemerkbar. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem Russland seit langem wieder für eine Weltmeisterschaft qualifiziert ist, reist man ohne einen einzigen Legionär nach Brasilien.

Fußballerische Deflation

Denn die Klubs reagierten nicht auf die Weise, wie es sich der Weltverband erhofft hatte. Anstatt ihre Gelder in die Nachwuchsarbeit zu stecken und fortan langfristiger zu denken, investierten sie in alternde, einheimische Spieler. Die Ablösesummen und Gehälter für Russen stiegen merklich an, es kam zur fußballerischen Deflation.

Routiniers und gestandene Profis wechselten nicht nur in der Heimat für teils aberwitzige Summen den Besitzer, auch die wenigen Spieler, die den Sprung ins Ausland gewagt hatten, kehrten zurück in die Heimat. Arshavin war einer derjenigen, der es in Europa versucht hatte, nach seiner Station beim FC Arsenal entschied er sich zu einer Rückkehr nach St. Petersburg.

Spieler wie Aleksandr Samedov oder Vladislav Ignatjev kosteten plötzlich hohe einstellige Millionensummen und das im bereits fortgeschrittenen Fußballalter. Vereine wie Zenit St. Petersburg, ZSKA Moskau oder Anschi Machatschkala kompensierte die millionenteuren Neuzugänge aus dem Ausland mit ablösefreien Spielern aus der eigenen Liga, denen man ein vielfach höheres Gehalt versprach. Der Spalt zwischen großen und kleinen Vereinen wurde noch größer.

Ältestes Team der WM 2014

Während die reichen Vereine neue Spieler präsentierten, wie teure italienische Stiefel, bedienten sich die kleinen Vereine in den unteren Ligen. Die Stadien in Russland sind veraltet, ohne Erfolg lassen sich die meisten der Klubs nur sehr schwerfällig vermarkten. Zu weit steht man am Rande der Aufmerksamkeit, wer nach Russland geht, verliert viel an Verfolgern in Europa. Es fällt schwer, die Lücke nach oben zu schließen.

Kaum ein Verein hat die Geduld und die Zeit, um den eigentlichen Plan der FIFA zu verfolgen und den eigenen Nachwuchs zu stärken. Dies schlägt sich inzwischen auch in der Nationalmannschaft nieder. Russland schickt die Mannschaft mit dem höchsten Altersdurchschnitt nach Brasilien, im Testspiel gegen Armenien waren die Männer von Fabio Capello im Schnitt 28,7 Jahre alt. Leistungsträger wie Aleksandr Kerzhakov (31), Sergej Ignashevich (34), Igor Denisov (30) und Yuri Zhirkov (30) sind auf ihrem Zenit angelangt, wenn nicht schon darüber.

Anzhi scheitert an den Markt-Gesetzen

Hoffnungsträger wie Alan Dzagoev (23) oder Aleksandr Kokorin (23) sind die Ausnahmen und spielen in der Premjer Liga weit außerhalb der europäischen Aufmerksamkeit. Die Liga vermarktet sich schlecht, Spieler, die die Liga verlassen, bringen selten den gleichen Ertrag, wie man selbst benötigt. Dafür wechseln russische Spieler inzwischen für übertrieben hohe Summen innerhalb der Liga. Eben jener Kokorin wechselte innerhalb eines Jahres für insgesamt fast 40 Millionen von Dinamo Moskau zu Anschi Machatschkala und zurück.

Viele Mannschaften mussten infolge der Deflation herbe Rückschläge hinnehmen. Aschi ist das wohl prominenteste Beispiel für eine gescheiterte Finanzierung durch einen einzigen, reichen Sponsor. Nach millionenschweren Neuzugängen, riesigen Ablösesummen und Gehältern musste plötzlich der Spieleretat gesenkt werden. Die offizielle Begründung: Das Financial Fairplay der UEFA. Die inoffizielle Version: Finanzielle Schwierigkeiten von Klubbesitzer Suleiman Kerimow.

Die Stars wurde erneut verkauft, die Trainer waren weniger namhaft. Inzwischen spielt der Verein wieder in der zweiten russischen Spielklasse, nachdem man zuvor noch das Achtelfinale der Europa League erreicht hatte.

Weltmeisterschaft als Ausweg?

Doch gerade die Weltmeisterschaft könnte jetzt zum wichtigen Rettungsanker für den russischen Fußball werden. Zuletzt, als die Russen 2008 unter anderem die Niederlande schlugen, zeigte sich Fußball-Europa begeistert von der schnellen und dynamischen Mannschaft aus dem Osten. Die Europameisterschaft rief auch die europäischen Vereine auf den Plan.

Yuri Zhirkov verließ ZSKA Moskau Richtung London, Pavel Pogrebnyak ging zum VfB Stuttgart. Zehn Millionen legte der FC Everton damals für Diniyar Bilyaletdinov auf den Tisch. Doch auch die Liga selbst legte an Attraktivität zu, Spieler wie Seydou Doumbia, Bruno Alves, Aiden McGeady oder Nicolas Pareja scheuten sich nicht länger vor einem Wechsel in den kalten Osten.

Die WM in Brasilien soll erneut Aufschwung mit sich bringen. Nicht umsonst erklärt der verletzte Kapitän Roman Shirokov: "Diese WM für das ganze Land sehr wichtig."Die Qualifikation gelang dank eines starken Auftakts als Gruppenerster vor Portugal, speziell die Offensive zeigte ihre immer noch vorhandene Klasse. Die Konterstärke der Russen, sowie deren Lufthoheit mit Alexander Kerzhakov könnten ausschlaggebend sein für ein erfolgreiches Abschneiden.

Die WM 2014 im Überblick

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