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Fussball

Doch so ganz anders

Von Fatih Demireli
Beim Confed Cup präsentiert sich Neymar vor allem mannschaftsdienlich und torgefährlich
© getty

Neymar ist bisher der beste Spieler des Confederations Cups und auch vor dem Halbfinale gegen Uruguay (21 Uhr im LIVE-TICKER) der größte Hoffnungsträger Brasiliens. Der Neueinkauf des FC Barcelona widerlegt dabei fast alle Vorurteile über seine Person.

Irgendwann hatte er die Nase voll. Zwar hatte Brasilien deutlich mehr Ballbesitz und eindeutige Feldvorteile, aber das Positionsspiel der Selecao gestaltete sich vermehrt unkoordiniert. Daher erstickten viele Vorstöße im Keim und prallten oft einfach nur an den Italienern ab.

Neymar erkannte die Problematik, bildete mit Hintermann Marcelo ein Tandem, um durch mehr Kombinationen und erhöhten Passverkehr öfter in die Gefahrenzone zu kommen. Natürlich reichte diese eine Option nicht, um Europas Elite-Defensivspezialisten nachhaltig wehzutun.

Neymar sah sich unter diesen Umständen genötigt zuzupacken. Als seine offensiven Nebenleute wiederholt falsch standen oder eigensinnig agierten, wies er sie rigoros wort- und gestenreich zurecht. Oscar und Hulk waren die Empfänger der Kritik. Neymar war in diesem Augenblick ganz Führungsspieler, der die Initiative ergriff und später maßgeblicher Erfolgsfaktor am 4:2 der Brasilianer, das sie zum Gruppensieg und ins Halbfinale hievte.

Nicht mehr der eigensinnige Teenie-Star

Die Szenerie aus dem Italien-Spiel ist kein Einzelfall. Die brasilianische Nationalmannschaft richtet sich am jungen Filigrantechniker auf. Vor den Spielen macht er seine Runde, geht zu jedem Spielerkollegen und wünscht ihm per Umarmung Glück. Selbst die Älteren holen die Glückwünsche artig ab.

Neymar widerlegt beim Confederations Cup alle Vorurteile, die man gegen diesen extravaganten Kerl mal hatte. Der eigensinnige Teenie-Star, der mal einen Trainer feuern ließ, weil er mit diesem nicht zurechtkam; der junge Mann, der sich erst einmal selbst in Szene setzen will und lieber eine Finte mehr setzt als eine zu wenig; die One-Man-Show unter 22 Spielern. All' das ist nicht mehr existent.

Dieser Neymar ist abgeklärt, er ist diszipliniert und vor allem sehr reif in der Art und Weise seines Vorgehens. Und das nicht nur fußballerisch. Er ist doch so ganz anders, als man erwartet hätte.

"Vielleicht sieht man es manchmal nicht, aber andere Spieler sehen, dass er ein phänomenaler Teamplayer ist", sagt Brasiliens Nationaltrainer Luis Felipe Scolari. Neymar sendet ähnliche Signale: "Es ist nicht wichtig, wer die Tore schießt. Wichtig ist, dass wir gut spielen, für uns und unser Land."

Die Mutation

Die Mutation vom schwierigen Teenie-Star zum Anführer des selbst erklärten WM-Favoriten kommt zur richtigen Zeit. Brasilien nimmt den Confed Cup als Generalprobe für die WM 2014 im eigenen Land sehr ernst.

Die Selecao spielt im Gegensatz zu dem einen oder anderen Kontrahenten unter echtem Wettkampf-Charakter. Neymar spielt dabei die Vorreiter-Rolle, er ist der beste Spieler des Turniers.

Der Freistoß gegen Italien ein echter Augenschmaus, auch das Tor gegen Mexiko und nicht zu vergessen die Weltklasse-Vorarbeit im gleichen Spiel für Mitspieler Jo.

"Er ist einer der drei besten Spieler der Welt", sagt Scolari. In Brasilien wissen wir, wozu er in der Lage ist. Wir haben schon erstaunliche Dinge von ihm gesehen."

Das Fußball-Land Brasilien vermisste in den letzten Jahren eine starke Figur. Seit Kakas besten Zeiten gab es sie nicht mehr. Mit Scolari hat man einen Hoffnungsträger wieder auf der Bank, mit Neymar nun auch endlich wieder einen auf dem Platz. "Neymar ist ein Idol für alle Brasilianer", sagt Scolari.

Kobe macht ein Foto

Selbst Branchenfremde sind längst im Bann des kleinen Brasilianers. NBA-Superstar Kobe Bryant schaute sich das Spiel der Brasilianer gegen Italien live in Salvador an. Nach dem Spiel stattete er Neymar einen Besuch in der Kabine ab - inklusive Erinnerungsfoto.

Ganz besonders groß ist die Freude freilich in Barcelona. Dort überwies man noch vor dem Confed Cup 57 Millionen Euro auf das Konto des FC Santos, um die Dienste Neymars zu sichern. Die Fähigkeiten, die er selbst gegen hochklassige Gegner wie Italien zeigen kann, lassen nur erahnen, was Neymar, Lionel Messi, Xavi und Iniesta gemeinsam im Stande sind, zu leisten.

Probleme mit Messi?

"Neymar ist pures Talent und hat eine brutale Qualität", sagt Iniesta, "er ist eine großartige Verpflichtung. Er ist sehr jung. Wir werden versuchen, dass er sich hier schnellstmöglich gut fühlt."

Für Aufsehen sorgte Barca-Ikone Johan Cruyff, der die baugleichen Spielertypen Neymar und Messi nicht in einer Mannschaft sieht: "Da Barca jetzt Neymar verpflichtet hat, sollten sie ernsthaft darüber nachdenken, Messi zu verkaufen. Ich ziehe es immer vor, Konflikte zu vermeiden. Deswegen hätte ich Neymar nicht gekauft", so der Niederländer.

"Ich sehe da keine Komplikationen", sagt dagegen Iniesta. Ihm pflichtet Scolari bei: "Bei Barca strahlen sie vor Freude, weil sie ihn bekommen haben." Vielleicht lässt sich Cruyff nach einem möglichen Titelgewinn Brasiliens beim Confed Cup umstimmen. Vielleicht fällt auch ihm dann auf, dass dieser neue Neymar, doch so ganz anders ist.

Neymar im Steckbrief

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