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Fussball

Der Barca-Wahnsinn

Von Thomas Gaber
Gute Freunde beim FC Barcelona: Alexander Hleb und Thierry Henry
© Getty

Am 7. Mai 2008 musste der FC Barcelona die denkbar größte Schmach über sich ergehen lassen. Real Madrid hatte eine Woche zuvor die spanische Meisterschaft eingefahren und bat den Erzfeind aus Katalonien um die in der Primera Division standesgemäße Hommage.

Die Tradition sieht vor, dass der Meister im nächsten Heimspiel von der gegnerischen Anfangself vor dem Anpfiff gehuldigt wird. Der Gegner steht Spalier und klatscht bedingt enthusiastisch in die Hände. Laut Spielplan zog ausgerechnet Barca das wenig erstrebenswerte Los.

Chaos in Madrid

Sieben Monate später gehen die Uhren in Madrid und Barcelona immer noch gleich. Doch wenige Tage vor der der Neuauflage des Clasicos (Sa., 21.55 Uhr im LIVE-TICKER und bei Premiere) steht auch fest: Die sportlichen Wahrzeichen beider Städte haben sich in gegensätzliche Richtungen entwickelt. 

Beim königlichen Real regiert mal wieder das Chaos. Die Mannschaft spielt schlecht und der im Anflug maximaler Illusion geführte Zickzack-Kurs der Klubführung bringt die Fans in Rage. Präsident Ramon Calderon und Sportdirektor Predrag Mijatovic gelten als "Architekten des Grauens".

Keine Chance für Eigenbrötler

Der FC Barcelona zieht nach einem holprigen Start mittlerweile an der Tabellenspitze einsame Kreise. Trainer Josep Guardiola hat seinen Stars binnen kürzester Zeit die grassierende Egomanie ausgetrieben und der Mannschaft einen Stil beigebracht, der an Eleganz und Dominanz derzeit einzigartig in Europa ist.

Guardiolas Vorgänger Frank Rijkaard büßte nach der sehr erfolgreichen Zeit mit zwei Meistertiteln und dem Gewinn der Champions League 2006 zunehmend Autorität ein, indem er eigenwilligen Charakteren wie Ronaldinho, Deco oder Samuel Eto'o zu viele Freiheiten ließ. Der einst verdientermaßen sakrosankte Ronaldinho wurde intern geschnitten, seine persönlichen Eskapaden und Extrawürste im Team nicht länger geduldet.

Unter Guardiola haben Eigenbrötler keine Chance. Sein Projekt setzt ein hohes Maß an Disziplin voraus. Sekundärtugenden wie Fleiß sind mindestens genauso wichtig wie Übersteiger. Guardiola führte einen saftigen Strafenkatalog ein, wer sich nicht an seine Spielregeln hält, ist raus. Unmittelbar nach Guardiolas Amtsantritt wurden Ronaldinho und Deco entsorgt, Eto'o durfte nur auf Bewährung bleiben. Große Namen spielen keine Rolle, aufgestellt wird nach Leistung.

Guardiolas Wort hat Gewicht

Guardiola verkörpert den Mythos FC Barcelona wie kaum ein anderer. 17 Jahre lang spielte er für die Blaugrana und war Teil der legendären Barca-Mannschaft unter Johan Cruyff. Guardiolas Wort hat Gewicht. "Man braucht nur fünf Minuten mit ihm zu sprechen und glaubt an das, was er einem sagt."

Als Spieler stand Guardiolas Name für Spielintelligenz, Dynamik und Ästhetik. Diese Attribute wurden dem Verein mit in die Wiege gelegt: Barca ist genetisch bedingt zum Spektakel verdammt.

Presst man Spieler wie Lionel Messi, Xavi, Andres Iniesta, Thierry Henry oder die Jungstars Bojan Krkic und Busquets in taktische Zwänge, geht nichts. Barca lechzt nach Toren, die nicht schön genug herausgespielt werden können.

Hleb begeistert

"Das unheimlich hohe technische Niveau sieht man schon beim 5 gegen 2. Wahnsinn, in welchem Tempo das hier vonstatten geht", sagt Barca-Neuling Alexander Hleb im Gespräch mit SPOX.

Hleb kam im Sommer vom FC Arsenal nach Barcelona und fühlt sich trotz begrenzter Einsatzzeit pudelwohl. "Langsam komme ich mit der spanischen Sprache besser zurecht. Ich versuche ständig, etwas dazuzulernen. Ich bin angekommen in Barcelona und fühle mich heimisch", so der Weißrusse.

Hleb betont den guten Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft. Ein Pausenappell von Samuel Eto'o in der Halbzeit des Spiels gegen Real Valladolid verdeutlicht dies.

Eto'o traf in der ersten Halbzeit gleich vier Mal. Statt weiter an einer Marke für die Ewigkeit zu basteln, machte sich der Kameruner für einen Positionswechsel im Angriff stark. Eto'o schlug vor, Thierry Henry in die Spitze zu stellen, damit der näher am Tor spielen und so seine Torflaute beenden könne. Guardiola willigte ein, Eto'o hielt sich in der zweiten Halbzeit zurück und Henry erzielte den Treffer zum 6:0-Endstand.

Schuster vor Barcelona hingerichtet

Am Samstag gegen Real Madrid soll die nächste Gala folgen. Die Barca-nahe Presse ätzt in der üblichen Manier. "Real hat Schuster vor den Toren Barcelonas hingerichtet. Sie haben Angst, man merkt es", schrieb die Zeitung "Sport".

Guardiola, im sanften Umgang mit aufkeimender Euphorie mittlerweile bestens geschult, mahnt zur Vorsicht. "Dass Schuster weg ist, macht die Sache schwerer. Ich muss umdenken", so der Coach. Bislang hat Guardiola meistens passende Lösungen gefunden. Für den Clasico gibt es nur den einen Ansatz: Guardiola sollte seine Mannschaft einfach spielen lassen.

Auch Alex Hleb weiß, dass das bisher Erreichte Makulatur ist, wenn der Clasico angepfiffen wird: "Wenn man für Barca spielt, weiß man vom ersten Tag an, wen es zu schlagen gilt: Real Madrid. Das verlangen die Fans von uns - und das spüre ich, seit ich hier bin. Eine Niederlage gegen Real ist einfach unverzeihlich."

FC Barcelona - Real Madrid: die Bilanz

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