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Fussball

Das Wunder von US Salernitana: Alessandro, das ist für dich

Davide Nicola hielt US Salernitana in der Serie A.

Davide Nicola fuhr einst 1.300 Kilometer mit dem Fahrrad, weil er den FC Crotone vor dem Abstieg rettete. Nun will er 280 Kilometer zum Papst laufen, weil ihm mit US Salernitana erneut ein Wunder in der Serie A gelang. Diese Wege sind eine Hommage an seinen Sohn Alessandro, dessen Tod das Leben eines besonderen Trainers veränderte.

Nach Jahren der Pandemie hatten die Menschen in Salerno endlich mal wieder die Gelegenheit, Silvester ausgiebig zu feiern. Feiern können sie in der Hafenstadt, südöstlich von Neapel. Es ist ein fröhliches Städtchen mit knapp 140.000 Seelen, doch den meisten war nicht danach, das neue Jahr 2022 zu zelebrieren.

Den letzten Tabellenplatz ihres Fußballklubs US Salernitana 1919 konnten sie verkraften. Sie waren nach 1998 erstmals wieder in der Serie A, davor war es eine Odyssee mit Abstiegen bis runter in die 3. Liga und vielen, zähen Jahren in der Serie B. Der Abstieg wäre die Rückkehr in die Normalität. Es gab ein größeres Problem.

Die Serie A stand kurz davor, Salernitana aus dem Spielbetrieb auszuschließen. Hintergrund war ein Verstoß gegen Artikel 16 der Lizenzbestimmungen. Salernitanas damaliger Besitzer Claudio Lotito fungiert zugleich als Boss von Lazio Rom. Diese Doppelrolle für zwei verschiedene Klubs verbieten allerdings die Regularien der Serie. Dem Klub wurde bis zum 31. Dezember 2021, 23.59 Uhr Zeit gegeben, um eine Lösung zu präsentieren, wie man den Spielbetrieb aufrechterhalten will und kann.

Um 23.58 Uhr verkündete der Unternehmer Danilo Iervolino, dass sein Angebot für die Übernahme akzeptiert wurde. Er übernahm die Schulden und steckte noch etwas Geld rein. Salernitana und Silvester waren gerettet. Die Serie A war dann noch gnädig, Iervolino 45 Tage Zeit zu geben, um die nötigen Zahlungen zu tätigen.

US Salernitana: 85,4 Prozent der Teams stiegen ab

Es war eine Herzensangelegenheit. Iervelino stammt aus Palma Campania, einer Gemeinde unweit von Neapel und Salerno. Er lebt heute noch mit seinen Eltern dort. Er ist der Stolz der Region. Mit 28 gründete er eine Universität und wurde zum jüngsten Präsidenten einer europäischen Uni. Mit Bildung machte er ein Vermögen und wird heute in allen gängigen Listen wie Forbes als erfolgreicher Manager festgehalten. Er ist kein Mäzen, der nur das Kapital vor Augen hat. Da wäre er bei Salernitana auch nicht richtig.

Iervelino holte zunächst Walter Sabatini, der zuvor schon lange Jahre u.a. bei Lazio und bei der AS Rom Sportdirektor war und die Liga in- und auswendig kennt. Er weiß, was man braucht, um in der Serie A zu bestehen. Spieler, die nicht nur kicken können, sondern auch die Obsession haben, einen Klub vor dem Abstieg zu retten. Aber vor allem braucht es einen Trainer, der verrückt genug ist, sich US Salernitana anzutun.

Transfermarkt.de veröffentlichte zuletzt eine Statistik, wonach 85,4 Prozent aller Mannschaften in der Serie A abgestiegen sind, die nach der Hinrunde auf dem letzten Platz standen. Seit der Saison 1929/30 waren das 76 von 89 Mannschaften. Der letzten Klub, dem es gelang, dieser Statistik zu entfliehen, war vor fünf Jahren der FC Crotone mit dem Trainer Davide Nicola.

Die Aussichten auf den Klassenerhalt waren für Crotone damals genauso rosig wie für Salernitana heute. Aber Crotone blieb auf wundersame Weise drin. Als Nicola dort antrat, versprach er, dass er, wenn man den Klassenerhalt schaffen sollte, mit dem Fahrrad von Crotone zu seinem Heimatort Vigone bei Turin fahren werde. Geschmeidige 1.300 Kilometer. Nicola versuchte gar nicht, sich aus der völlig verrückten Idee herauszureden, als der Klassenerhalt feststand, und legte die Strecke tatsächlich zurück. Über Crotone, Bari, Andria, Pescara, Ancona, Livorno und Genua erreichte er schließlich Vigone.

US Salernitana: Trainer Davide Nicola verlor seinen Sohn

Für ihn war es nicht nur eine Wette, die einzulösen war, sondern eine Erinnerung an seinen Sohn. Alessandro war 14 Jahre alt, als er 2014 in der Nähe ihres Hauses in Vigone von einem Bus erfasst wurde und auf tragische Weise starb. Kurz vor 18 Uhr war Alessandro auf dem Weg nach Hause, es war nicht mehr weit, als es zur Tragödie kam.

Es gibt Eltern, die an so einem Schicksal brechen. Nicht mehr zurück in die Mitte des Lebens finden. Für Davide Nicola blieb an jenem 14. Juli 2014 "die Zeit stehen", wie er einem Interview mit der Repubblica Jahre später erzählte. "Ich weiß, dass mich jeder fragen will. Ich kann es den Menschen in den Augen sehen, aber es fällt ihnen schwer", sagte er. Er therapiert sich, indem er heute noch den Tatsachen ins Auge sieht, sich seinem Schmerz stellt.

Bevor er die Fahrradtour nach Vigone auf sich nahm, schrieb er seinem Sohn noch einen Brief: "Hallo, mein Schatz. Ich weiß nicht, wo du bist oder was du gerade tust. Du hast mir die Kraft gegeben, weiterzumachen und für das Unmögliche zu kämpfen. Dies ist nicht mein Sieg, sondern unser Sieg."

Er gründete eine Stiftung, die den Namen seines Sohnes trug, sammelte Geld, damit Fahrradfahrer in Italien mehr Sicherheit auf den Straßen bekommen. Dank ihm wurden viele Dinge vorangetrieben. Damit keine Eltern das Schicksal erleben, was seiner Frau und ihm widerfuhr.

Lasse Schöne über Davide Nicola: "Ich mochte ihn sehr"

"Ich kann mich bis ins kleinste Detail erinnern, einschließlich der Form und Farbe der Steine auf dem Bürgersteig", erzählt er: "Ich fühlte mich wie ein Riese, der von vielen Liliputanern umgeben ist, und wie ein Liliputaner, der von Riesen umgeben ist."

Davide ist ein belesener Mann, er liest die größten Dichter der Welt, er zitiert in Interviews Schopenhauer und Platon, interessiert sich für Quantenphysik. Nicola sagt: "Meine Frau sagt, ich sei ein Tornado, der in ein schwarzes Loch fliegt. Schon komisch, oder? Dort geht alles auf Null, die Theorie von allem hat gezeigt, dass das schwarze Loch Teilchen freisetzt, bis es zu Ende ist."

Er beschäftigte sich, um zu verdrängen. Er verdrängte und lernte. Das Leben, viel über sich selbst, seine Ängste. Und auf tragische Weise erkannte er, dass die alltäglichen Sorgen eigentlich nichtig sind. Man kann ein Fußballspiel verlieren. Na und? Absteigen. Schmerzlich, aber es geht weiter. Er weiß, dass er sich nicht schämen muss, wenn ihm mal nichts gelingt.

Lasse Schöne spielte unter Nicola beim FC Genua. Es war keine allzu lange Zusammenarbeit, aber eine halbe Saison reichte dem Dänen, um zu sagen, dass "er vielleicht der Trainer war, mit dem ich mich am besten verstanden habe". Schöne erzählt, dass Nicolas Englisch schlecht war. "Die Kommunikation war schwierig, aber er versuchte es. Ich hatte Trainer, die viel zu stolz waren, um es zu versuchen. Davide war nicht so. Er fragte manchmal: 'Wie sagt man das auf Englisch?' Das hat mir gefallen, genau wie seine Geschichte. Ich mochte ihn als Person sehr."

US Salernitana: "Shakespeare hätte Tragödie über Fußball geschrieben"

Davide Nicola hat in seiner Karriere nie große Titel geholt, vielleicht wird er das auch gar nicht mehr, auch wenn Präsident Iervelino zuletzt sagte, dass sein Erfolgstrainer "Real Madrid trainieren kann". Nicola rettete vor seiner Zeit in Salernitana fünf Klubs vor dem Abstieg, Salernitana war der sechste Klub in Folge, der ihm den Verbleib in der Liga zu verdanken hatte.

Eine ganze Stadt lag ihm zu Füßen. Ein Klub, der vor knapp fünf Monaten vor dem Nichts stand, schaffte eines der größten Comebacks in der italienischen Fußballgeschichte und blieb in der Liga. Sieg um Sieg, Punkt um Punkt. Eine völlig verunsicherte Mannschaft, die dank eines besonderen Trainers plötzlich über sich hinauswuchs und sich sogar ein 0:4 am letzten Spieltag gegen Udinese Calcio leisten konnte.

"Wenn es Fußball damals schon gegeben hätte, hätte Shakespeare eine Tragödie darüber geschrieben. Im Fußball passieren unvorstellbare Dinge", sagt Sportdirektor Sabatini. Doch noch solch eine Saison will er nicht mehr erleben: "Unser Ziel ist es nun, ein System zu schaffen, die weniger kardiopathisch und mehr aufheiternder ist. Ich kann so eine Tragik nicht nochmal überleben."

Sabatini muss das auch nicht mehr. Am Donnerstag gab der Klub in einem knappen Statement auf Twitter die Trennung bekannt. "Der Verein dankt ihm für seine Arbeit und sein Engagement", hieß es noch, verbunden mit den üblichen Glückwünschen für den weiteren beruflichen Weg.

Offenbar gab es unterschiedliche Vorstellungen zwischen dem Präsidenten und dem Sportdirektor, wie es weitergeht. Vielleicht fühlte sich Sabatini vor den Kopf gestoßen, weil Präsident Iervolino in der Emotion sagte, dass er gerne Edinson Cavani, der einst um die Ecke beim SSC Neapel groß auftrumpfte, gerne hätte. Und am besten auch Marko Arnautovic, weil dieser "den Fußball wie ein Krieger interpretiert". Sabatini wiegelte sofort ab, sah beide Spieler nicht finanzierbar.

Den Weg weiter gehen soll dagegen Trainer Nicola, der längst wieder in Vigone ist und es genießt, "dass wir den Menschen eine Freude machen konnten". Auch er sorgte mit einer emotionalen Aussage für Aufsehen, als er sagte, dass er zu Fuß zum Papst in den Vatikan laufen werde. 280 Kilometer wären das.

Auch wenn ihm Präsident Iervolino dafür zuletzt Laufschuhe versprach, hat es sich Nicola anders überlegt: "Ich will den Heiligen Vater nicht belästigen."

Vielleicht setzt er sich stattdessen auf sein Fahrrad und denkt bei der Fahrt an die schönen Momente. An das Remis gegen Milan, an das 1:1 gegen Atalanta, an den Sieg in Udine, an die lange Feier mit den Fans. An Alessandro.

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