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Fussball

Berardi: Shooting-Star durch Zufall

Von Adrian Franke
Domenico Berardi: 15 Tore und 11 Assists in der vergangenen Saison
© getty

Per Zufall bei einem Kick mit Freunden entdeckt ist Domenico Berardi längst Sassuolos Hoffnungsträger und Lebensversicherung. Doch trotz seines kometenhaften Aufstiegs hat der 21-jährige Rechtsaußen alles andere als eine Bilderbuchkarriere hinter sich: Vielmehr ist es die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Emotionen noch zu oft mit ihm durchgehen. Wie sich Berardi mit Sassuolo zum Serie-A-Auftakt gegen Napoli schlägt, zeigt SPOX ab 18.30 Uhr im LIVESTREAM FOR FREE.

Wohl kaum jemand, der Domenico Berardi auf dem Platz beobachtet, würde den Youngster nicht als Heißsporn bezeichnen. In 61 Serie-A-Spielen hat der Stürmer bereits 23 Gelbe und zwei Rote Karten gesammelt, sein Ellbogenschlag gegen Juan Jesus beim 0:7 gegen Inter am zweiten Spieltag der Vorsaison brachte ihm neben einer Drei-Spiele-Sperre auch viel Kritik ein.

Schließlich war Berardi schon einige Monate zuvor, als er wiederholt nur als Joker zum Einsatz kam, für einen Ellbogenschlag vom Platz geflogen - und das ganze 48 Sekunden nach seiner Einwechslung. Dazu kam eine handfeste Auseinandersetzung mit Livorno-Keeper Vincenzo Fiorillo, welche eine erneute Sperre nach sich zog. Kurzum: Es war nicht das erste Mal, dass der Youngster negativ auffiel. Auf, aber auch neben dem Platz.

2012 wurde er vom Verband für acht Monate für Länderspiele gesperrt, weil er auf eine Nominierung für die U 19 nicht reagiert hatte.

Italiens Nachwuchs-Trainer Gigi Di Biagio erwartete eine Entschuldigung und Sassuolo-Coach Eusebio Di Francesco kritisierte: "Als ich Profi war, war es mein Traum, zur Nationalmannschaft eingeladen zu werden. Der Wunsch, sich immer zu verbessern ist fundamental und das Nationaltrikot kann dich motivieren."

Auf der Straße entdeckt

Immerhin, so viel lässt sich über den Hitzkopf sagen: An Motivation mangelt es ihm auf dem Platz nicht. Mit 17 Scorer-Punkten hatte er maßgeblichen Anteil an Sassuolos Aufstieg 2013 und nur dank seiner insgesamt 48 Scorer-Punkte in den vergangenen beiden Serie-A-Spielzeiten darf sich Sassuolo nach wie vor als Erstligist bezeichnen.

Berardi ist dabei nicht nur die offensive Lebensversicherung seines Teams, als erster Verteidiger im hohen Pressing kommt seine Aggressivität Sassuolo extrem zugute.

Doch dass er überhaupt bei dem Klub aus der Industriestadt gelandet ist, war ein großer Zufall: Im September 2009 reiste er in die nahegelegene Universitätsstadt Modena, um seinen Bruder zu besuchen - er sollte deutlich länger bleiben als ursprünglich geplant.

"Ich spielte ein paar Mal Fünf gegen Fünf mit meinem Bruder und seinen Freunden. Eines Tages kam Sassuolo-Scout Pasquale Di Lillo vorbei und war von meinem Stil fasziniert. Er gab Nachwuchs-Co-Trainer Luciano Carlino Bescheid und drei Tage später hatte ich ein Probetraining. Das lief gut und ich bin nie mehr zurück nach Hause", erinnerte er sich in der Gazzetta dello Sport.

Ganze 20 Minuten dauerte das Probetraining, ehe er die Verantwortlichen überzeugt hatte und Carlino schwärmte: "Ein Phänomen. Er erinnert mich an Arjen Robben."

Historische Hattricks

Spätestens im Januar 2014 ging Berardis Stern dann auch außerhalb von Italien auf, als er beim spektakulären 4:3-Sieg des Aufsteigers über den AC Milan alle vier Tore erzielte - und im Heimspiel der Vorsaison den nächsten Hattrick gegen die Rossoneri folgen ließ. Berardi schrieb damit Geschichte, kein Spieler hatte zuvor zwei Serie-A-Dreierpacks gegen Milan erzielt.

"Ich bin ja eigentlich nicht gerade ein Torjäger. Die Tatsache, dass ich so viele Treffer erzielt habe, hat mich auch überrascht", gab er nach Saisonende zu. "Aber natürlich genieße ich es. Ich hoffe, dass ich in der kommenden Spielzeit wieder zweistellig treffen und vielleicht sogar meine persönliche Bestmarke von 17 Treffern überbieten kann."

Doch dafür wird Berardi, auf den sich gegnerische Defensiven zunehmend verstärkt konzentrieren werden, weiter seine Konstanz verbessern müssen. Nach wie vor hat man gelegentlich den Eindruck, dass er in manchen Spielen komplett überragt, nur um sich eine Woche später einen Durchhänger zu erlauben.

Und doch steht ein Wechsel zu Juventus Turin, das ihn 2013 verpflichtete, aber prompt an Sassuolo auslieh, weiterhin im Raum: Juve verkaufte Berardi zwar im Sommer fest an Sassuolo, soll sich aber eine Rückkauf-Klausel gesichert haben.

Es wäre letztlich ein um einige Jahre verspäteter Wechsel zur Alten Dame, wie Berardi verriet: "2006, ich war gerade zwölf Jahre alt, beobachtete mich ein Juve-Scout bei einem Nachwuchs-Turnier. Er wollte mich direkt nach Turin holen, aber ich lehnte ab. Ich war noch nicht bereit, meine Familie und meine Heimat zu verlassen. Ich erinnere mich, dass ich allein beim Gedanken wegzuziehen, geweint habe."

Mischung aus Messi, Ibra und Robben?

Aber auch die Ausraster wird der 21-Jährige ablegen müssen, will er den nächsten Schritt machen. Dabei weiß der dynamische, flexibel einsetzbare Berardi, dass er noch Luft nach oben hat - und orientiert sich an den Besten: "Wer mich inspiriert? Leo Messi mit seiner Technik und seiner Klasse, Zlatan Ibrahimovic mit seiner Power und seinen Fähigkeiten. Aber wenn es um den Stil geht, sehe ich mich eher als einen Spieler wie Arjen Robben."

Dass er mental reifer geworden ist, wird Berardi allerdings zunächst beweisen müssen. "Ich habe einige Fehler gemacht, die mir dabei geholfen haben, zu wachsen. Ich versuche, meine Selbstbeherrschung zu verbessern. Aber das ist nicht immer einfach", gab er jüngst zu.

Geht es um die sportlichen Ambitionen, offenbart der hochtalentierte Offensivmann dagegen keinerlei Unsicherheiten: "Ich habe in der kommenden Saison drei Ziele: Mehr Tore erzielen, Sassuolo im Mittelfeld der Tabelle etablieren und mit Italien zur EM fahren. Damit der letzte Wunsch wahr wird, muss ich mich um die ersten beiden kümmern."

Domenico Berardi im Steckbrief

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