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Fussball

FC Chelsea und seine "Iron Lady" Marina Granovskaia: Niemand verkauft teurer, niemand gab mehr aus

Von Falko Blöding
Sieben Spieler, 247 Millionen Euro: Marina Granovskaia ließ im Sommer beim FC Chelsea die Muskeln spielen.

Sieben Spieler, 247 Millionen Euro! Der FC Chelsea hat in diesem Sommer eine Shoppingtour hingelegt, die europaweit ihresgleichen sucht und die die Konkurrenz neidische Blicke gen London schicken ließ. Hinter der Transferoffensive steckt eine Macherin, von der die Öffentlichkeit allenfalls das Nötigste weiß: Marina Granovskaia - Abramovich-Vertraute, Vorstandsmitglied, knallharte Verhandlungspartnerin.

Das Bemerkenswerteste gleich vorneweg: Marina Granovskaia hat noch nie ein Interview gegeben. Während andere Sportchefs, Spieler und Berater im Fußballgeschäft das Rampenlicht suchen und ihre Botschaften via Medien gefühlt pausenlos über den Äther schicken, äußert sich Granovskaia nur in offiziellen Statements ihres Klubs. Meist passiert das nach erfolgreichen Transfers oder Sponsorendeals. Und auch dann sind ihre Aussagen maximal allgemein und minimal interessant.

Die Erfolge Granovskaias bei Chelsea lesen sich dabei beeindruckend: Sie organisierte einst den Umzug in das ultra-moderne neue Trainingszentrum Cobham. Sie forcierte die Jugendarbeit, die in den letzten Jahren auf der Insel Maßstäbe setzt, fädelte die Kooperation mit Vitesse Arnheim ein und sie baute Chelseas 'Loan Army' auf.

Die heute 45-Jährige handelte 2017 den bis 2032 gültigen Rekordausrüstervertrag mit Nike aus. Er spült jährlich mehr als 65 Millionen Euro in die Klubkassen. Zudem verpflichtete sie unzählige große Namen wie Fernando Torres, N'Golo Kante, Diego Costa, Cesc Fabregas und jüngst eben unter anderem Timo Werner und Kai Havertz. Dazu gesellen sich enorme sportliche Errungenschaften in Form großer Titel.

All dies gelang der gewieften Geschäftsfrau ohne echte Erfahrung im Sport, geschweige denn im Fußball. Granovskaia studierte in den 1990er-Jahren an der Staatlichen Universität Moskau erstmal Musik und Tanz und schwenkte dann auf Fremdsprachen um.

FC Chelsea: Marina Granovskaia kam mit Abramovich

Sie machte ihren Abschluss mit Auszeichnung und 1997 fing sie bei Sibneft an. Jenem Mineralölunternehmen, das ein gewisser Roman Abramovich später für ein Vermögen an Gazprom verkaufte.

Als der mittlerweile schwerreiche Abramovich, ebenfalls ein eher wortkarger und öffentlichkeitsscheuer Geselle, sechs Jahre später Chelsea kaufte, ging Granovskaia als "Beraterin" mit ihm nach London und arbeitete zunächst in seiner Investmentfirma Millhouse.

Einen offiziellen Posten hatte sie beim Traditionsklub aus dem Westen Londons dagegen lange nicht. Ihr Einfluss als verlängerter Arm Abramovichs bei Chelsea wuchs dennoch ständig. In ähnlichem Maße hatte der langjährige CFC-Kaderplaner Frank Arnesen an der Stamford Bridge immer weniger zu sagen.

Weil das in der Öffentlichkeit nach dem Abschied vom ehemaligen Klubchef Peter Kenyon ein immer stärker diskutiertes Thema war, sah sich der Verein Anfang 2011 sogar zu einem offiziellen Statement zum Granovskaia-Wirken genötigt: "Marina Granovskaia bekleidet ein wichtiges Amt im Büro von Roman Abramovich und vermittelt manchmal zwischen dem Vorstand und dem Eigentümer. Aber es ist unwahr, dass sie die Rolle des 'Director of Football' ausübt."

Chelsea unter Granovskaia: Kein Klub verkauft so teurer

Granovskaia, die fließend russisch, englisch, französisch und italienisch spricht sowie auch ein wenig deutsch beherrscht, versteht es exzellent, Strippen zu ziehen und sich Netzwerke aufzubauen. Sie gilt als Workaholic und extrem fleißig.

Ihr Verhandlungsstil darf derweil mit Fug und Recht als kompromisslos bezeichnet werden. Goal-Korrespondent Nizaar Kinsella beschreibt es so: "Sie verhandelt über jedes noch so kleine Detail und es ist ihr auch ziemlich egal, wenn sich die Gespräche lange hinziehen."

Zu den genannten "kleinen Details" gehören bei Transfers zum Beispiel Zusatzvereinbarungen wie Weiterverkaufsbeteiligungen und Rückkaufklauseln. Ihr oberstes Ziel ist es zudem, dass kein Spieler für weniger Geld verkauft wird, als er die Londoner an Ablöse gekostet hat.

Das allerdings schafft sie nicht immer. Trotzdem ist es bemerkenswert, wie viel Geld Chelsea an Transfererlösen einnimmt: Seit 2012 verkauften Granovskaia und Co. Spieler für 946 Millionen Euro und sind damit die klare Nummer eins auf der Insel. Es folgt in dieser Disziplin der FC Liverpool und der steht bei satten 330 Millionen Euro weniger.

Wer es bei Granovskaia mit einer Charmeoffensive versucht, läuft laut Kinsella übrigens ins Leere: "Ich weiß, dass Spielerberater am Ende ihrer E-Mails überfreundlich zu ihr waren. Sie antwortet auf solche überflüssigen Sachen dann meist demonstrativ mit nur einem Wort."

Transfereinnahmen seit 2012: Chelsea international nur hinter Benfica

PlatzVereinAbgängeEinnahmen
1Benfica Lissabon287976,23 Mio.
2FC Chelsea288948,70 Mio.
3Atletico Madrid177940,85 Mio.
4Juventus Turin462928,45 Mio.
5AS Monaco267919,07 Mio.

Thibaut Courtois kritisierte Marina Granovskaia

Einer, der sich im Nachgang wenig schmeichelhaft über Granovskaia geäußert hat, ist Thibaut Courtois. Der belgische Nationaltorwart warf der Chelsea-Macherin öffentlich Wortbruch vor. Sie habe ihm versprochen, die Blues nach der Weltmeisterschaft 2018 verlassen zu dürfen, dies aber später nicht eingehalten.

"Im März habe ich Marina getroffen und ihr eröffnet, dass ich wechseln möchte", sagte er vor zwei Jahren der Zeitung Het Laatste Nieuws. "Das Leben in London und der Spielplan der Premier League machten es unmöglich, meine Kinder, die in Madrid leben, regelmäßig zu sehen. Marina fragte mich: 'Wirst du etwas finden?' Da könne sie sich sicher sein, meinte ich."

Granovskaia habe ihm dann mitgeteilt, man werde einen Ersatz finden "und dann lassen wir dich gehen". Nach der WM aber sollte Courtois dann doch nicht abgegeben werden. "Die Ersatzleute waren zu teuer und es kam zu keiner Einigung", sagte er.

Die Situation eskalierte, der Schlussmann verweigerte zwischenzeitlich das Training und drückte auf diese Weise einen Transfer zu Real Madrid durch. Bei Chelsea soll man wegen der Anschuldigungen des Keepers stinksauer gewesen sein, berichtete Sky Sports. Eine öffentliche Replik von Granovskaia kam aber natürlich nicht.

Auch der langjährige Kapitän John Terry durfte erleben, wie stringent Granovskaia am Verhandlungstisch sein kann. Er feilschte am Ende seiner Zeit bei den Blues um ein neues Arbeitspapier und als ihm der vorgelegte Vertrag des Klubs nicht passte, sagte Granovskaia nur: "Nimm ihn oder geh, verdammt nochmal!"

Chelsea: Marina Granovskaia wird "Iron Lady" genannt

Seit 2013 gehört Granovskaia als eine von drei Direktoren offiziell dem Vorstand an. Etwa zu jener Zeit auch gelang es ihr, Jose Mourinho zurück an die Stamford Bridge zu holen. Sechs Jahre zuvor hatte sich der Erfolgstrainer öffentlich mit Abramovich überworfen. Granovskaia gelang es, zu vermitteln und die beiden Streithähne zu einer erneuten Zusammenarbeit zu bewegen.

Der Evening Standard zitierte eine klubinterne Quelle so: "Sie hat bei Chelsea im Prinzip die Macht. Roman vertraut ihr total. Sie hat kein Interesse daran, ein Star zu sein. Trotzdem kann es keinen Zweifel daran geben, wer das Sagen hat und wer die Richtung vorgibt."

Bayer Leverkusens ehemaliger Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser verhandelte mit Granovskaia einst wegen des Transfers von Andre Schürrle nach England. Er konstatierte anschließend: "Mir sind Leute lieber, die nicht so in die Öffentlichkeit drängen. Vielleicht ist das auch eine ihrer großen Stärken."

Das Jahresgehalt der Russin, die auch die kanadische Staatsbürgerschaft besitzt, wurde von der Daily Mail 2016 mit umgerechnet knapp 1,7 Millionen Euro pro Jahr beziffert. In England genießt sie einen Ruf, der zwischen respekt- und ehrfurchtsvoll pendelt. "Iron Lady", die Eiserne Lady, wird sie ob ihrer Ausstrahlung in Anlehnung an die einstige Premierministerin Margaret Thatcher genannt.

Das ist durchaus als Kompliment zu verstehen. Chelseas Fans mögen sie, auch wenn ihr einige schlechte Transfers wie jene von Timeoue Bakayoko, Kepa, Davide Zappacosta und Danny Drinkwater vor nicht allzu langer Zeit Kritik einbrachten.

Wie sich ihr Standing weiter entwickelt, hängt massiv von dieser Saison ab. Sollten Chelseas teure Top-Einkäufe der vergangenen Transferperiode einschlagen, hätte Granovskaia alles richtig gemacht. Andernfalls dürfte sie erneut in die Kritik geraten - auch wenn damit nicht zu rechnen ist, dass sie sich in dem Fall öffentlich dazu äußert.

 

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