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Steven Gerrards Beinahe-Transfer vom FC Liverpool zum FC Chelsea: Die Sinneswandel des Stevie G.

Steven Gerrard stand im Sommer kurz vor einem Wechsel zu FC Chelsea.

Im Sommer 2005 wäre Steven Gerrard beinahe zum FC Chelsea gewechselt - Klub und Spieler verkündeten den bevorstehenden Abschied das damals 25-Jährigen sogar öffentlich. Doch dann überlegte es sich Gerrard anders und wurde beim FC Liverpool zur Ikone.

Seit 2014 besingen die Fans des FC Chelsea mit allergrößter Wonne Steven Gerrard. Aber sie tun das nicht aus Zuneigung, sondern aus purer Schadenfreude: "Steve Gerrard, Gerrard / He slipped on his f*cking arse / He gave it to Demba Ba / Steve Gerrard, Gerrard".

Klar, es geht um Gerrards legendären Ausrutscher beim vorentscheidenden Spiel um den Premier-League-Titel 2014. Sein FC Liverpool verlor am drittletzten Spieltag 0:2 gegen Chelsea und letztlich den Titel an Manchester City. Gerrard sollte der Erfüllung seines größten Ziels nie davor oder danach näherkommen.

Außer vielleicht im Sommer 2005, als er beinahe zum damals amtierenden und dann auch neuen englischen Meister Chelsea gewechselt wäre. In jenem Sommer war Gerrards späterer Status als Liverpools Ikone und mit seiner Klubtreue als Ausnahmeerscheinung in der heutigen Fußballwelt in akuter Gefahr. Einmal Liverpool, immer Liverpool? Fast kam es anders.

Warum Gerrard mit einem Abschied von Liverpool kokettierte

Mit acht Jahren wechselte Gerrard einst in Liverpools Jugendabteilung, zehn Jahre später debütierte er für die Profimannschaft. Das Paradebeispiel eines Box-to-Box-Players. Einer, der grätschen und treffen kann. Mit 23 wurde er Kapitän und kurz vor seinem 25. Geburtstag reckte er die Champions-League-Trophäe in den Himmel. In einem epischen Finale hatte Liverpool den AC Milan trotz zwischenzeitlichem 0:3-Rückstand im Elfmeterschießen niedergerungen. "Wie kann ich nach einer Nacht wie dieser wechseln?", fragte Gerrard direkt im Anschluss. Natürlich gar nicht. Eigentlich.

Schon im Sommer davor hatte das damals dank des Investors Roman Abramovich neureiche Chelsea Interesse an einer Verpflichtung Gerrards gezeigt - und der überlegte. Liverpool war punktemäßig weit von der Premier-League-Spitze entfernt, Gerrard sah unter dem langjährigen Trainer Gerard Houllier keine Weiterentwicklung. Dann kam Rafael Benitez, Gerrard blieb doch und gewann die Champions League.

Sein Vertrag lief zu diesem Zeitpunkt noch zwei Jahre, doch beide Seiten strebten eine vorzeitige Verlängerung an. Alles schien ausgemacht, dann passierte lange nichts. Gerrard fühlte sich im Zuge der Verhandlungen nicht genügend wertgeschätzt: menschlich und finanziell. Die Bestrebungen des Klubs seien nicht intensiv genug gewesen und eine Erhöhung seines Wochensalärs von 60.000 auf 100.000 Pfund für eine vorzeitige Verlängerung um zwei Jahre erschien Gerrard "nicht gut genug", wie er später in seiner Autobiografie schrieb. Im Hintergrund bearbeiteten ihn Chelsea und deren Trainer Jose Mourinho. Und dann kam die legendäre Kalenderwoche 27.

Die Sinneswandel des Steven Gerrard

Am Montag, den 4. Juli, ließ Gerrard über seinen Berater Struan Marshall ausrichten, dass die Verhandlungen mit Liverpool gescheitert seien und es "unwahrscheinlich ist, dass sie wieder neu aufgenommen werden". Am Abend kam es zu einem ergebnislosen Treffen zwischen Gerrard, Liverpools damaligem Geschäftsführer Rick Parry und Präsident David Moores.

Am Dienstag veröffentlichte der Klub ein Statement, in dem Gerrard und Parry zu Wort kamen. "Wir wollten unbedingt, dass er bleibt, und sind unglaublich traurig, dass er sich dazu entschlossen hat, wechseln zu müssen", sagte Parry. Und Gerrard verkündete: "Das war die schwierigste Entscheidung, die ich je treffen musste. Nach dem Champions-League-Finale war ich überzeugt davon, zu verlängern. Aber die Ereignisse der vergangenen fünf, sechs Wochen haben meine Meinung geändert." In seiner Autobiografie schrieb er später, dass er während dieser Zeit vor lauter Anspannung "Paracetamol wie Smarties" gegessen habe.

Chelsea jedenfalls gab ein Angebot in Höhe von 32 Millionen Pfund ab, das Liverpool jedoch als zu niedrig ablehnte. Der Poker hatte begonnen. Vor dem Stadion an der Anfield Road filmten TV-Teams, wie Liverpool-Fans Trikots ihres einstigen Lieblings verbrannten - andere flehten, dass er bleiben solle. Die Tragweite seiner Entscheidung war Gerrard offenbar nicht bewusst, der Aufschrei für ihn ein Erweckungserlebnis. Er merkte, wie wichtig er für Liverpool ist. Und wie wichtig ihm Liverpool ist. Gegen 23 Uhr rief Gerrard seinen Berater Marshall an und trug ihm auf, Perry mitzuteilen, dass er doch bleiben wolle. Der zweite Sinneswandel.

Steven Gerrard: "Die beste Entscheidung meines Lebens"

Am nächsten Morgen verkündete der Klub das neuerliche Umdenken seines Kapitäns. "Er hat in den letzten 24 Stunden reflektiert (...) und realisiert jetzt, wie viel ihm dieser Klub bedeutet", sagte Parry und erzählte von spätabendlichen und frühmorgendlichen Telefonaten. "Ich könnte nicht erfreuter sein. Jetzt haben wir, was wir die ganze Zeit wollten." Zwei weitere Tage vergingen und am Freitag unterschrieb Gerrard einen neuen Vertrag bis 2009.

"Chelsea hat mir ein bisschen den Kopf verdreht", sagte er Jahre später. "Aber ich kann mittlerweile ehrlich und von vollem Herzen sagen, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war, bei dem Klub zu bleiben, den ich liebe." Liebe stand für Gerrard letztlich über möglichen Erfolgen. Während Chelsea weitere Premier-League-Titel gewann, holte Gerrard bis zu seinem Abschied 2015 keinen einzigen. Dafür avancierte er in Liverpool zur Ikone - und bei Chelsea wird er trotzdem besungen, obwohl er dort nie gespielt hat.

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