Fußball-Kolumne: Welchen Anteil Guardiola an Ancelottis Aus bei Bayern hatte

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Carlo Ancelotti war nach seinem Aus beim FC Bayern schon abgeschrieben und trainierte in Everton biederes Mittelmaß, ehe ihm Real Madrid noch mal eine Chance gab. Wie der Italiener sie überragend nutzte - und warum ihm das in München nicht gelang. Die Fußball-Kolumne.

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Nach dem spektakulären 3:4 von Real Madrid im Hinspiel bei Manchester City ging ein Cartoon-Video von GOAL auf TikTok weltweit viral. Dort sieht man zunächst Pep Guardiola, der aufgedreht ein ganzes Taktikboard vollschreibt (inklusive Einsteins Formel der Relativitätstheorie) und auf seine überforderten Spieler einredet, die sich wie Schuljungen Notizen machen.

Dann folgt der Schnitt auf den völlig relaxten Carlo Ancelotti, der mit hochgezogener Augenbraue ebenfalls am Bord steht und dort nur eine Nachricht ans Team eingetragen hat: "Spielt den Ball zu Benzema."

Das Video wurde millionenfach geteilt, weil es das spektakuläre Halbfinale zwischen Real und City schon vor dem dramatischen Rückspiel am Mittwoch auf den Punkt brachte: Hier der verkopfte Guardiola, der seine Profis mit Vorgaben überfrachtet, so dass sie in den entscheidenden Momenten nicht mehr weiter wissen, das Falsche tun oder sich nicht mehr auf ihren fußballerischen Instinkt verlassen.

Und dort als leuchtendes Gegenbeispiel die Trainer-Legende Ancelotti, der seinen Akteuren vor allem Vertrauen gibt sowie Selbstbewusstsein einimpft und ansonsten einfach spielen lässt. Ergebnis ist dann ein eigentlich als komplett aus der Zeit gefallener Helden-Fußball, in dem wie vor 50 Jahren dem besten Spieler der Mannschaft der Ball gegeben wird, um das Spiel zu gewinnen.

Was bei Karim Benzema perfekt funktioniert hat. Mit 34 Jahren steht der Franzose auf dem Höhepunkt seiner Karriere und ist aktuell der große Favorit auf den Weltfußballer-Titel. In der Champions League hat der Stürmer schon vor dem Endspiel am 28. Mai in Paris gegen den FC Liverpool 15 Tore erzielt, die entscheidenden dabei in den K.o-Spielen.

In allen drei Runden war Real nicht favorisiert und sah beinahe in jeder Partie wie der sichere Verlierer aus. Doch mit einem Hattrick im Achtelfinale gegen PSG, vier Toren im Viertelfinale gegen Chelsea sowie drei weiteren Treffern nun gegen City, darunter dem entscheidenden Elfmeter zum 3:1 in der Verlängerung des sensationellen Rückspiels, sorgte Benzema fast im Alleingang für den umjubelten Finaleinzug.

Carlo Ancelotti: Einziger Meistercoach in allen Top-Ligen

"Wir waren in dieser K.o.-Phase gefühlt schon 26-mal raus und haben uns 26-mal zurückgekämpft", sagte Toni Kroos danach und bedankte sich explizit bei Ancelotti als dem Vater des Erfolges. Exemplarisch dafür standen die Diskussionen mit seinen Führungsspielern um die bereits ausgewechselten Kroos und Benzema an der Seitenlinie, mit denen er dann gemeinsam entschied, welche frischen Kräfte Real ins Spiel brachte.

Was anderen Trainern als Führungsschwäche und Inkompetenz ausgelegt worden wäre, wurde beim Italiener als Beweis für seine enge Teamführung gelobt - zumal alle Wechsel, etwa der des kopfballstarken Ex-Frankfurters Jesus Vallejo, aufgingen. "Für König Carlo ist dies ein goldenes Jahr, alles gelingt ihm", schrieb die Gazzetta dello Sport danach. Und der Corriere dello Sport stellte fest: "Ancelotti ist eine lebende Legende."

Schließlich hatte der ehemalige Nationalspieler, der als erster Coach zum fünften Mal das Endspiel der Königsklasse erreichte (bislang zwei Siege mit Milan und einer mit Real bei seiner ersten Station 2014), schon vorher Geschichte geschrieben: Durch den vorzeitigen Gewinn der Meisterschaft ist Ancelotti der einzige Chefcoach, der in allen Top-5-Ligen jeweils den Titel holte, mit Real, Bayern, PSG, Chelsea und Milan.

Entsprechend groß waren die Lobeshymnen seiner Spieler für "Carletto". Als "überragend" beschrieb ihn Kroos knapp. "Er ist wie ein Vater, der auch streng sein kann, aber herzlich, scherzend, freundlich ist", erklärte Torwart Thibaut Courtois schon am Samstag, als das Team ihren Mister nach dem 4:0 gegen Espanyol Barcelona in die Luft warf und später Bilder von den Feierlichkeiten postete, auf denen Ancelotti mit Zigarre und Sonnenbrille mittendrin war.

Ancelotti: Nachmittags Training, dann mit dem Boot nach Capri zum Essen

Dabei schien der 62-Jährige nach seinem Rauswurf beim FC Bayern im September 2017 bereits auf dem Abstellgleis. Zwar führte er den SSC Neapel 2019 zur Vizemeisterschaft, wurde aber schon in der folgenden Saison nach wenigen Monaten wegen Erfolglosigkeit entlassen - vermutlich auch, weil er es nicht eben mit der Arbeit übertrieb. "Ich trainierte nachmittags und fuhr dann mit dem Boot nach Capri, um zu Abend zu essen", erzählte er offen.

Noch schlechter lief es danach beim FC Everton, Platz 12 in der ersten Saison folgte Rang zehn in der vergangenen Spielzeit. Entsprechend groß war die Skepsis, als Real-Präsident Florentino Perez wohl auch aus Mangel an Alternativen Ancelotti im Sommer zurück nach Madrid holte - zumal es bei seinem ersten Abschied im Mai 2015 viele Vorwürfe über die fehlende Fitness des Teams und zu lasches Trainingspensum gegeben hatte. Gleichzeitig plädierte die Mannschaft um Cristiano Ronaldo damals für einen Verbleib des wie jetzt auch wieder absolut beliebten Spielerverstehers an der Seitenlinie.

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