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Fussball

Johan Vonlanthen: Der Fluch der Karibik

Von Dennis Melzer
Johan Vonlanthen beendete 2018 seine Karriere.

Er wächst in ärmlichen Verhältnissen in Kolumbien auf und ist bald die Jahrhundert-Hoffnung der Schweiz. Über das bewegte Leben des Johan Vonlanthen.

Dieser Artikel ist erstmals im Mai 2017 erschienen.

Man kann dem Quecksilber des kleinen Thermometers, das lieblos an einer provisorisch zusammengezimmerten Strandhütte befestigt wurde, quasi dabei zusehen, wie es in die Höhe schießt. Bei 32 Grad verweilt es kurz, die einzigen Wolken, die am strahlend blauen Himmel zu sehen sind, haben sich vor die Sonne geschoben. Spiegelglatt und glasklar liegt das karibische Meer an diesem Sommertag im Jahre 1997 da, während der weiße Sandstrand von Santa Marta, Kolumbien, langsam zum Leben erweckt wird.

Ein Dutzend einheimische Kinder stecken ein Fußballfeld ab, rammen auf jeder Seite jeweils zwei als Torpfosten fungierende Äste in den Boden. Um kurz darauf einem runden Konstrukt aus Plastik und Papier nachzujagen, weil sie kein Geld für einen richtigen Fußball haben. Spaß haben sie trotzdem, lachen, necken sich untereinander, wenn die eine Mannschaft das unkonventionelle Spielgerät zwischen die Äste des Gegners bugsiert.

Einem der Jungs gelingt dieses Kunststück besonders häufig, ragt er doch - nicht aufgrund seiner Körpergröße, sondern seines Talents - heraus. Die Rede ist von Johan Vonlanthen. Demjenigen, der nur sieben Jahre später als jüngster Torschütze der EM-Geschichte für Furore sorgen und von den Medien mit dem Siegel "Schweizer Jahrhunderttalent" versehen werden sollte.

Johan wird 1986 in Santa Marta geboren, wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater, damals selbst erst 18 Jahre alt, verlässt die Familie, noch bevor der Sohn das Licht der Welt erblickt. Zufällig lernt Johans Mutter während dessen Kolumbien-Urlaub Roger Vonlanthen kennen und verliebt sich, entscheidet sich dazu, in den Alpenstaat überzusiedeln. Fünf Jahre lang lebt ihr Sohn bei der Oma, hat lediglich telefonischen Kontakt zur Mutter, die ihn schließlich 1998 zu sich nach Flamatt, nahe der Hauptstadt Bern holt.

Johan Vonlanthen: Profidebüt mit 16 Jahren

Zwei Jahre lang kickt der Kolumbianer, der mittlerweile von seinem Stiefvater adoptiert worden war, beim dortigen Klub FC Flamatt, ehe er sich der Jugendakademie der Young Boys anschließt. Die Trainer des Schweizer Schwergewichts erkennen schnell, welch großes Talent da in den eigenen Reihen heranwächst, ziehen Johan in den Profi-Kader, wo er als 16-Jähriger debütiert. In seiner ersten Spielzeit kommt der Angreifer zumeist als Joker zum Einsatz, weiß aber stets zu gefallen, was die Presse zu enormen Lobeshymnen auf den Emporkömmling veranlasst.

Ein Jahr, 27 Einsätze in der helvetischen Beletage und vier Tore später, wechselt Vonlanthen zum niederländischen Spitzenklub PSV Eindhoven, wo er sich allerdings mit Mateja Kezman, Jan Vennegoor of Hesselink und Arjen Robben extrem großer, extrem hochwertiger Konkurrenz ausgesetzt sieht. Robben, der zwei Jahre älter ist, wohnt mit Johan zusammen im PSV-Internat, die beiden liefern sich regelmäßig nicht nur Duelle auf dem Trainingsplatz, sondern auch auf dem virtuellen Feld. Im Interview mit SPOX verrät Vonlanthen: "Wir lebten damals in Eindhoven gemeinsam im Internat und zockten oft Pro Evolution Soccer. Daher kenne ich ihn gut, letztlich ging jeder seinen eigenen Weg."

Wie schnell sich die Wege der beiden Ausnahmekönner trennen sollten, weiß Johan da noch nicht, vielmehr genießt er alle Annehmlichkeiten des Lebens als Fußballprofi: Sportwagen, Designerklamotten, Promi-Status. Der Werdegang Vonlanthens bleibt natürlich auch dessen Vater nicht verbogen, der die Spiele seines Filius in Kolumbien verfolgt. Champions League mit der PSV, die ganz große Bühne für einen, der von ganz unten kommt. Johan erklärt später gegenüber der Schweizer Zeitung Blick im Jahr 2016, dass er seinem Vater in jener Zeit finanziell unter die Arme griff, beteuert allerdings: "Heute steht er auf eigenen Füßen."

Johan Vonlanthen fällt bei Schweizer Nationalmannschaft in Ungnade

In Eindhoven kann sich der ambitionierte Offensivmann nicht durchsetzen, trotzdem profitiert er 2004 von einer Verletzung des etatmäßigen Nati-Stürmers Marco Streller und erhält einen Platz im Kader für die Europameisterschaft in Portugal, wo er beim 1:3 gegen den Titelverteidiger aus Frankreich seinen großen Moment erlebt, Star-Keeper Fabien Barthez überwindet und somit einen gewissen Wayne Rooney als jüngsten EM-Torschützen ablöst.

PSV-Trainer Guus Hiddink gefällt die Einstellung des Youngsters allerdings nicht, Leihen zu Brescia Calcio und NAC Breda bringen ebenfalls nicht den erhofften Durchbruch. 2006 fällt Vonlanthen auch im Nationalteam in Ungnade, weil er trotz einer Oberschenkelverletzung seinen Platz im Team für die Weltmeisterschaft in Deutschland nicht räumen will.

Johan reicht ärztliche Atteste ein, die seine Teilnahmefähigkeit bescheinigen sollen, sorgt innerhalb der Mannschaft für Unruhe. "Ich war verzweifelt und wollte die WM auf keinen Fall verpassen. Es war immer mein Ziel, einmal an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen", sagt er später der Berner Zeitung. Im Anschluss an das verpasste Turnier entschließt sich der Rechtsfuß, für eine Ablöse von 800.000 Euro zum österreichischen Erstligisten RB Salzburg zu wechseln.

Johan Vonlanthen bei Salzburg von Verletzungen zurückgeworfen

In der Mozartstadt findet er zunächst zurück in die Spur, entlockt selbst dem ehemaligen Weltmeister und -fußballer Lothar Matthäus, damals Assistenztrainer bei RB, überschwängliche Lobpreisungen. Anstatt von den Zusprüchen seiner Förderer zu profitieren, wächst Vonlanthens Selbstgefälligkeit, immer wieder wird er zudem von diversen Verletzungen zurückgeworfen. "Es war eine schwierige Phase. Es war nicht einfach, zu verarbeiten, dass ich es in Eindhoven nicht geschafft hatte", lässt er seine Zeit in Österreich Revue passieren.

Am Ende stehen für Johan 102 Einsätze, zwölf Treffer, 22 Vorlagen sowie zwei Meistertitel mit Salzburg zu Buche. Er heuert erstmals seit seinem Abgang im Jahr 2003 wieder in der Wahlheimat, diesmal beim FC Zürich, an.

Dort macht er ein letztes Mal sportlich auf sich aufmerksam. In der Saison 2009/10 markiert Vonlanthen zehn Tore für seinen neuen Verein, wird aber dennoch nicht von Eidgenossen-Trainer Ottmar Hitzfeld für die WM in Südafrika berücksichtigt. Das einstige Wunderkind hadert, zweifelt an sich selbst und reist während dieser Zeit immer wieder nach Kolumbien, wo er seine spätere Ehefrau kennenlernt. Eine Begegnung, die Johans Leben nachhaltig verändern sollte.

Sie ist Priesterin bei den Siebenten-Tags-Adventisten, einer protestantischen Freikirche, die bisweilen als Sekte angesehen wird. Eben jene Glaubensgemeinschaft hat den Samstag als Ruhetag auserkoren, an dem Arbeiten strengstens untersagt ist. Problematisch, wenn man bedenkt, dass samstags das Gros der Ligaspiele absolviert wird.

Johan Vonlanthen: Bruch mit dem FC Zürich

Vonlanthens Begehren, an besagtem Tag nicht mehr spielen zu müssen, stößt beim FCZ auf wenig Verständnis. Es kommt zum Bruch zwischen Spieler und Verantwortlichen. 2011 zieht es Vonlanthen zu Itagüi Ditaires nach Kolumbien, wo seine Begeisterung für Gott und die Kirche wächst. Aussagen wie "Jesus ist jetzt mein Captain", "Jesus hat die totale Kontrolle über mich" oder "Gott kann man nicht ausdribbeln" unterstreichen den beinahe fanatisch anmutenden Glauben des vormaligen Super-Talents. Er selbst schwört darauf, nie aktives Mitglied der Freikirche gewesen zu sein.

Nach einem unspektakulären Jahr bei Itagüi schreibt die kolumbianische Presse, Vonlanthen habe seine Karriere als 26-Jähriger beendet. Meldungen, die sich - im Nachhinein betrachtet - als falsch herausstellen sollten. "Ich wollte es noch einmal wissen, auch wenn mir klar war, wie sehr ich nach einem Jahr bezüglich Wettkampfrhythmus in Rückstand geraten war", macht er in der Berner Zeitung mit Hinblick auf sein Comeback in der Schweiz 2013 deutlich.

Bei den Grasshopers Zürich, zu denen Vonlanthen nach seinem kolumbianischen Fußball-Exil geht, kann er sich nicht durchsetzen, dafür setzt er sich beim zweitklassigen FC Schaffhausen auf der Stelle durch, reift dort zum Leistungsträger, ehe sein Weg weiter zu Servette Genf und 2016 dann zum - ebenfalls in der zweiten Liga aktiven - FC Wil führt, für den er bis Mai 2018 die Fußballschuhe schnürte. Wenige Monate später, nach kurzer Zeit der Vereinslosigkeit, entschied sich Vonlanthen mit damals 32 Jahren dann dazu, seine Karriere zu beenden.

Das schnelle, große Geld, die Prise etwas zu sehr ausgeprägter Selbstgefälligkeit und der Druck, als Jahrhunderttalent Bäume ausreißen zu müssen, haben den ganz großen Schritt Vonlanthens verhindert. Ein Junge, der unter Palmen mit selbstgebauten Fußbällen den Traum eines unbekümmerten Lebens als Star verfolgte und letztlich erst in Gott seinen Meister fand. Ein Junge, der heute über sich sagt, dass er mit sich im Reinen ist, bei dem aber immer wieder mitschwingt, sich mehr von allem erhofft zu haben. Ein karibischer Fluch? Wer weiß.

Johan Vonlanthen: Transferhistorie

SaisonAbgebender VereinAufnehmender Verein
17/18FC Wil 1900Vereinslos
15/16Servette FCFC Wil 1900
14/15GrasshoppersServette FC
13/14FC SchaffhausenGrasshoppers
13/14GrasshoppersFC Schaffhausen
13/14pausiertGrasshoppers
11/12Itagüi Ditairespausiert
11/12RB SalzburgItagüi Ditaires
09/10FC ZürichRB Salzburg
09/10RB SalzburgFC Zürich
06/07PSV EindhovenRB Salzburg
05/06NAC BredaPSV Eindhoven
05/06PSV EindhovenNAC Breda
04/05BresciaPSV Eindhoven
04/05PSV EindhovenBrescia
03/04BSC Young BoysPSV Eindhoven
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