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Fussball

Frank Wormuth im Interview: "Ich habe nur darauf gewartet, dass ich Nagelsmann helfen kann"

"Julian war schon damals ein überragender Kicker, seine Einstellung bei uns fand ich aber nicht so überragend": U20-Bundestrainer Frank Wormuth bei der WM 2015 in Neuseeland mit Julian Brandt.

Aktuell trainiert Frank Wormuth (60) den niederländischen Erstligisten Heracles Almelo, zuvor war er jahrelang als Trainer-Ausbilder und U20-Bundestrainer für den DFB tätig. Im Interview mit SPOX und Goal berichtet er von Kasper Mehmet Scholl, Julian Nagelsmann in Latzhosen und Julian Brandts mangelhafter Einstellung.

Herr Wormuth, Sie wechselten 2018 zu Heracles Almelo in die Eredivisie. Hat Sie der niederländische Fußball immer schon angezogen?

Frank Wormuth: Als ich noch am Anfang meiner Trainerkarriere im Amateurbereich war, habe ich nach Inspirationen gesucht und bin dabei auf die legendäre Ajax-Schule gestoßen. Deren Fußball hat mich begeistert, also habe ich mir die Spiele auf VHS-Kassetten angeschaut. Es war aber nicht so, dass mich der niederländische Fußball mein Leben lang angezogen hätte.

Es wirkt, als würde Taktik in den Niederlanden eine größere Rolle als in Deutschland spielen. Das 4-3-3-System erscheint fast schon heilig.

Wormuth: Den Eindruck habe ich auch. Als Nationaltrainer Frank de Boer von 4-3-3 auf 3-5-2 umgestellt hat, gab es einen Aufschrei. Vor allem den älteren Generationen ist es sehr wichtig, dass die Nationalmannschaft 4-3-3 spielt. In der Eredivisie werden aber längst verschiedenste Systeme gespielt. Generell wird in den Niederlanden im Vergleich zu Deutschland viel mehr Wert auf die Individualität von Spielern gelegt - und zunächst immer auf deren Fähigkeiten im Offensivspiel geschaut.

Wie äußert sich das?

Wormuth: Dafür habe ich ein gutes Beispiel. Nach meiner Ankunft bei Heracles habe ich einen neuen Innenverteidiger gefordert, woraufhin mir der Sportdirektor mitteilte, dass er schon einen im Blick habe. Er hätte eine tolle Spieleröffnung und könne Pässe über 50 Meter perfekt an den Mann bringen. Als ich nach seinem Abwehrverhalten gefragt habe, hieß es dann: Naja, geht so. Das schien ihm relativ egal zu sein. Am Ende haben wir dann doch nach einem eher gut verteidigenden Verteidiger gesucht.

Assistent bei Fener, Kollege beim DFB: Was Wormuth über Joachim Löw denkt

Vor Ihrer Tätigkeit bei Heracles arbeiteten Sie zehn Jahre lang als Trainer-Ausbilder beim DFB. Was waren Ihre konkreten Aufgaben?

Wormuth: Ich habe den einmal jährlich stattfinden Fußballlehrer-Lehrgang koordiniert. Selbst unterrichtet habe ich Methodik, Theorie und Praxis in den Bereichen Technik und Taktik. Außerdem war ich für das Fach Präsentieren verantwortlich, in dem ich auf das Verhalten der Trainer vor einer Gruppe eingegangen bin.

Taktik dürfte ein sehr komplexer Unterrichtsgegenstand sein.

Wormuth: Am Anfang meiner Zeit als Trainer-Ausbilder habe ich gemerkt, dass man beim Lehren von Taktik sehr schnell vom Hundertsten ins Tausendste kommen kann. Wichtig ist, dass man selbst eine klare Vorstellung hat. Das ist mir vor allem im Laufe meiner Tätigkeit als Trainer-Ausbilder noch bewusster geworden. Dadurch habe ich auch für mich eine neue Klarheit in der Sache bekommen. Ich würde schon fast sagen: Erst durch diese Reduktion auf eine Einfachheit habe ich den Fußball wirklich verstanden. Es geht im Fußball um Wahrscheinlichkeiten, um Prinzipien und nicht um tausende einzelne Situationen. Dahin wollte ich meine Studenten auch bringen.

Wie haben Sie das versucht?

Wormuth: Eine Aufgabenstellung war es beispielsweise, alle fußballspezifischen Inhalte, die man trainieren lassen kann, auf eine DIN-A4-Seite zu schreiben. Am Anfang meinten die Trainer, dass das nicht geht und sie dafür ein Buch bräuchten. Sie mussten die Themen klar strukturieren und haben irgendwann gemerkt, dass der ganze Fußball tatsächlich auf eine DIN-A4-Seite passt.

Haben Sie nach einem vorgegebenen Konzept gelehrt?

Wormuth: Nein, es gab bei der Trainer-Ausbildung kein klassisches Skript, aber einen deutlichen Leitfaden. Wie mein Vorgänger Erich Rutemöller bin ich das nach eigenem Gefühl angegangen und auch darauf eingegangen, was inhaltlich aus der Gruppe kam. Generell wollten wir den angehenden Trainern nicht sagen: So ist der Fußball. Sie sollten zunächst ihr bereits bestehendes Wissen einbringen, das wir dann gemeinsam bündelten, strukturierten und am Ende ergänzten.

Wie sah Ihr Unterricht konkret aus?

Wormuth: Meistens habe ich die Unterrichtsform des forschenden Lernens gewählt. Die Trainer haben ein Thema bekommen und mussten in Dreiergruppen eine Lösung erarbeiten und diese präsentieren. Danach erhielten sie ein Feedback von den anderen beziehungsweise von mir - inhaltlich und auch über ihre Art zu präsentieren.

Haben Sie ein Beispiel?

Wormuth: Eine Aufgabe in der Methodik auf dem Platz lautete: Was kann ich mit einer Verschiebung der Abseitslinie erreichen? Eine Dreiergruppe musste sich Gedanken machen und ihre Ideen schließlich mit einer Demonstrationsmannschaft vorführen. Eine andere Dreiergruppe hat sich das angesehen, gefilmt und analysiert. Als letzten Schritt habe ich meine eigene Meinung dazu abgegeben und außerdem darüber gesprochen, wie die Trainer auf dem Platz und im Umgang mit der Demonstrationsmannschaft gewirkt haben. So habe ich parallel zum Fußball-Inhalt auch das Auftreten vor einer Mannschaft gelehrt.

Worauf kommt es dabei an?

Wormuth: Es gibt etliche Punkte, die man als Trainer unbedingt beachten muss: Wie sitzt oder steht man bei Ansprachen da? Wo schauen die Augen hin? Was sagen die Hände? Zusammengefasst: Wie ist die Körpersprache? Wenn die Spieler merken, dass sich ein Trainer in Stresssituationen zum Beispiel immer mit dem kleinen linken Finger ans Ohr greift, dann hören sie nicht mehr zu, sondern zählen, wie oft er das macht und lachen darüber. Solche Kleinigkeiten bieten vor allen Dingen bei Unstimmigkeiten zwischen Trainer und Team eine unnötige Angriffsfläche und können beeinflussen, ob ein Trainer ernstgenommen wird oder nicht. Ganz wichtig ist auch, dass die Spieler bei Ansprachen nie einen Kreis um den Trainer herum bilden. Ansonsten weiß er nicht, was in seinem Rücken passiert. Das ist zwar nicht überlebenswichtig, aber dennoch wichtig zu beachten.

Thema Ansprachen: Was ist dabei entscheidend?

Wormuth: Als Trainer muss man ein Gefühl für Worte mitbringen. Gutes Sprechen kann für einen Trainer eine echte Waffe sein, das beste Beispiel dafür ist Jürgen Klopp. Wenn jemand keinen geraden Satz bilden kann oder nuschelt, wird er von den Spielern nicht ernstgenommen. Letztlich kommt es darauf an, erkennen zu können, was eine Mannschaft in einem speziellen Moment braucht. Wichtig ist es auch, die Stimmung der Mannschaft nicht durch die eigene negative Laune zu beeinflussen.

Welche Trainer haben Sie in Sachen Rhetorik im Laufe Ihrer Zeit als Ausbilder am meisten beeindruckt?

Wormuth: Da fallen mir spontan Florian Kohfeldt, Domenico Tedesco und Christian Ziege ein. Diese Auswahl zeigt auch, dass man in Sachen Rhetorik mit verschiedensten Stilen ans Ziel kommen kann: Alle drei haben eine unterschiedliche Art zu sprechen, herausragend sind sie in diesem Bereich aber alle drei.

Anders als Kohfeldt und Tedesco war Ziege einst selbst Profi-Fußballer. Wirken Trainer, die früher auf höchstem Niveau gespielt haben, anders auf Mannschaften?

Wormuth: Ich denke, die längerfristige Wirkung hängt nicht von der Vergangenheit, sondern nur von der Qualität und der Persönlichkeit ab. Bei Trainern, die selbst mal Profis waren, besteht aber die Gefahr, dass sie sich zu viel auf ihre Vergangenheit einbilden. Ich habe einige erlebt, die den Kurs mit der Grundeinstellung angegangen sind, etwas Besonderes zu sein. Auch um dem entgegenzuwirken und ihnen andere Herangehensweisen zu zeigen, habe ich bei den Arbeiten in Dreiergruppen immer dafür gesorgt, dass diese heterogen aufgeteilt waren. Meistens gab es pro Gruppe einen Ex-Profi, einen aus dem Amateur- und einen aus dem Jugendbereich. Wegen ihrer verschiedenen Hintergründe konnten sie so ideal voneinander profitieren.

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