Fussball

Tomislav Stipic von Slaven Belupo im Interview: "Hoffenheims Idee war, dass Nagelsmann mein Co-Trainer wird"

Tomislav Stipic spricht im SPOX-Interview unter anderem über eine verhängnisvolle Suppe.

Tomislav Stipic war ein unbeschriebenes Blatt, als er 2014 beim abstiegsbedrohten Zweitligisten Erzgebirge Aue Trainer wurde. Doch sowohl dort als auch ein Jahr später bei den Stuttgarter Kickers stieg der Kroate jeweils mit lediglich einem Tor Unterschied am letzten Spieltag ab. Seitdem ist es in Deutschland ruhig um Stipic geworden - doch der 40-Jährige hat in der Zwischenzeit teils skurrile Dinge erlebt.

Im ausführlichen Interview mit SPOX und Goal erzählt Stipic, dass Julian Nagelsmann beinahe sein Co-Trainer geworden wäre und wie Softwarekonzern SAP unter seiner Leitung aus einem chinesischen Drittligisten ein zweites Hoffenheim machen wollte - aber aufgrund der großen kulturellen Unterschiede sang- und klanglos daran scheiterte.

Stipic spricht zudem über seinen abrupten Weggang von Eintracht Frankfurt, den 34-Tage-Job bei Grashoppers Zürich und das viral gegangene Fata-Morgana-Tor, das sein neues Team Slaven Belupo in Kroatien erzielte.

Geflüchtet aus Kroatien: Der ziemlich einzigartige Weg des Tomislav Stipic

Herr Stipic, als Sie Anfang Oktober 2019 Trainer bei Slaven Belupo in der ersten kroatischen Liga wurden, erzählten Sie, dass Sie eine Ohrfeige von Ihrer Frau bekamen, nachdem Sie beim FC Hitzhofen-Oberzell erstmals als Trainer arbeiteten. Was war da los?

Tomislav Stipic: Ich habe mich damals nach dem Training und dem ersten Auftritt vor der Gruppe so stark und besonders gefühlt, dass ich später zu meiner Frau beim Kaffee gesagt habe: Schatz, ich möchte einer der größten Trainer werden. Daraufhin hat sie mir die Watschn verpasst und gemeint, ich sei ein größenwahnsinniger Spinner. Den Kaffee musste ich dann alleine austrinken. (lacht)

In Deutschland kennt man Sie vor allem von Ihren Stationen bei Erzgebirge Aue in der 2. und den Stuttgarter Kickers in der 3. Liga, wo Sie im Kampf um den Klassenerhalt einsprangen und 2015 sowie 2016 jeweils mit lediglich einem Tor Unterschied am letzten Spieltag abstiegen. Welche Auswirkungen hatten diese beiden bitteren Erfahrungen auf Ihre weitere Trainerkarriere?

Stipic: Viele Trainer scheuen sich, das auszusprechen, aber es ist einfach so: Wenn man in zwei Jahren mit zwei verschiedenen Mannschaften in zwei verschiedenen Ligen mit jeweils einem Tor Unterschied absteigt, dann bekommt man in diesem Land außerhalb des Jugendbereichs keine relevanten Angebote mehr. Das wurde mir vor allem nach Gesprächen mit Entscheidungsträgern verschiedener Klubs bewusst. Leider machen sich viele Leute nicht die Mühe, die erbrachte Leistung eines Einzelnen zu analysieren. Das wiederum liegt auch an der Macht, die die Medien inner- und außerhalb der Vereine ausüben können. Kaum ein Verein geht ja mit dem Trainer, mit dem man abstieg, das Projekt Wiederaufstieg an. Ich war als Retter nicht mehr zu verkaufen, hatte aber auch das Gefühl, dass sich die Leute nicht genügend mit mir beschäftigen.

Stipic: "Nagelsmann sollte mein Co-Trainer werden"

Im November 2016 sind Sie schließlich zum chinesischen Drittligisten Nantong Zhiyun gewechselt.

Stipic: Ich wollte nicht in den Nachwuchs zurück, weil ich nicht das Gefühl hatte, versagt zu haben. Ich wusste aber, dass ich Deutschland verlassen muss, damit man zu der mit mir verbundenen Geschichte Abstand gewinnt. Daher entschied ich mich für das Projekt in China. Diesen Weg sind in den letzten Jahren viele vor mir gegangen und er war auch finanziell attraktiv. Der familiäre Kompromiss war, dass wir uns zwar nur selten sehen können, uns der finanzielle Druck aber etwas genommen wird, wenn ich nach China gehe.

Nantong Zhiyun ging eine fünfjährige Kooperation mit dem Softwarekonzern SAP, der dort ein Werk unterhält, und der Berateragentur Rogon ein. Wie ist man dabei auf Sie als Trainer gestoßen?

Stipic: Die Verantwortlichen der TSG Hoffenheim sind zu der Zeit, als Markus Gisdol dort Trainer war, auf meine Arbeit in Aue aufmerksam geworden. Ich wurde nach Hoffenheim als einer der Kandidaten eingeladen, der nach Gisdol die Profimannschaft übernehmen sollte. Damals war die Idee, dass Julian Nagelsmann mein Co-Trainer wird. Ihm hatte noch die nötige Lizenz für den Cheftrainerposten gefehlt, die er dann anschließend nachgeholt hat. Julian hat dieses Modell jedoch abgelehnt, sodass man im letzten Moment von der Idee abgekommen ist und Huub Stevens verpflichtet hat. So war der Kontakt zu Hoffenheim und Dietmar Hopp aber bereits geknüpft.

Und beim Thema Nantong ist man eben wieder auf Sie zurückgekommen?

Stipic: Genau. Es wurden über mehrere Monate Gespräche mit der chinesischen Seite geführt und gegenseitige Besuche absolviert. Roger Wittmann war als Geschäftsführer von Rogon der Hauptverantwortliche dieser Mission. Mir wurde Selim Teber als Co-Trainer zur Seite gestellt, der fünf Jahre lang Kapitän von Hoffenheim war. Man wollte mit ihm als Aushängeschild des Hoffenheimer Fußballs vor Ort eine Bindung zum Verein aufbauen. Auch die Geschäftsstelle in Nantong sah exakt so aus wie die in Hoffenheim, die Trikots waren quasi dieselben. Der Plan war, dass in China ein zweites Hoffenheim entstehen und der Klub in fünf Jahren einer der größten Vereine in Asien werden sollte. Die Idee an sich war eigentlich sensationell.

Das zweite Hoffenheim: 250 Spieler im Probetraining

Doch sie ist sensationell schnell gescheitert. Bereits im April 2017 verließen Sie den Verein wieder - nach nur einem absolvierten, aber gewonnenen Pokalspiel.

Stipic: Den Chinesen ging letztlich alles zu schnell und der deutschen Seite alles zu langsam. Hinzu kamen die kulturellen Unterschiede, die einfach enorm waren. Uns Deutschen hat dafür auch das Fingerspitzengefühl gefühlt, den Chinesen das Verständnis für den Fußball. Es gab ständige Nebenkriegsschauplätze und Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Ausrichtung des Vereins. Häufig war unklar, wer welche Kosten trägt und die Deutungshoheit hat. Ich wusste meist nicht, wer überhaupt mein Verantwortlicher ist, weil die Machtverhältnisse ungeklärt waren.

Wie sah denn die ursprüngliche Vereinbarung aus, diese Fragen müssen doch in der Kooperationsvereinbarung verankert gewesen sein?

Stipic: Es war vereinbart, dass die deutsche Seite das Knowhow mitbringt und die chinesische die Finanzen stemmt. Das war in der Praxis aber nicht der Fall, denn die Chinesen wollten das Sagen haben, wenn sie schon die Kosten tragen. Es herrschte durchgehend eine ungesunde Stimmung. Ich denke, dass man die Chinesen mit all ihrer Cleverness letztlich unterschätzt hat.

Bekamen Sie Ihr Gehalt von der chinesischen oder der deutschen Seite gezahlt?

Stipic: Ich hatte noch in Deutschland einen Vertrag unterschrieben. Als ich nach China kam, meinte der Präsident jedoch, dass dieser Vertrag nicht gültig sei und ich bei ihm einen neuen unterschreiben müsse, da er mich ja auch bezahlen würde. Plötzlich hatte ich gar keinen beziehungsweise nur einen nach chinesischem Recht ungültigen Vertrag, dem der Stempel des Vereins gefehlt hat. Und schnell habe ich erfahren, dass der entsprechende Stempel in China wichtiger ist als alles andere.

Dass Sie nur ein Spiel geleitet haben, lag an einer viereinhalbmonatigen Vorbereitungszeit auf den Saisonstart. Wie sind Sie da als Trainer in sportlicher Hinsicht vorgegangen?

Stipic: Da der Verein erst ein Jahr existierte und es kein Scouting gab, lud ich über die gesamte Zeit rund 250 Spieler zum Profitraining ein. Sie müssen bedenken: In China gibt es knapp 1,4 Milliarden Menschen, aber nur 700.000 Fußballer. Da es im ganzen Land kein Scouting-System gibt, ist quasi jeder, der gegen einen Ball treten kann, ein potentieller Kandidat für eine Fußballmannschaft. Deshalb habe ich so viele Spieler testen müssen.

Wie haben Sie das strukturiert?

Stipic: Mein Dolmetscher hat mir dutzende Lebensläufe von Spielern vorgelegt, die sich beworben hatten. Darunter auch welche, die schon Erfahrung in der zweiten oder dritten chinesischen Liga gesammelt hatten. Manche wurden uns auch von den Scouts von Rogon vermittelt. Wir haben sie dann in unterschiedlichen Gruppen einbestellt. Da waren Jungs dabei, die sagten, sie seien Stürmer. Ein paar Wochen später standen sie dann bei mir im Tor, weil sie dort einfach besser waren. Oder Abwehrspieler, die ich dann in der Offensive eingesetzt habe. Es war absolute Basisarbeit und die Integration von Fußballkultur und Struktur angesagt, da es im Grunde jeder Spieler gewohnt war, kreuz und quer über das Feld zu rennen. So habe ich nach und nach eine Mannschaft zusammengebaut. Der Verein hat mir dabei auch vertraut. Auf diesem Gerüst wurde schließlich aufgebaut, nachdem ich entlassen wurde.

Inwiefern?

Stipic: Aus Deutschland waren wir insgesamt ein Pool von rund 15 Personen, die im Trainerteam, Scouting, Marketing oder in der Geschäftsstelle Positionen besetzt haben. Meine Co-Trainer sind bereits nach sechs Wochen ausgestiegen und nach Weihnachten in Deutschland geblieben. Sie waren vom Verein nicht mehr erwünscht. Da war das Projekt im Grunde schon gescheitert. Am Ende waren die kulturellen Unterschiede so gewaltig, dass nur noch ich übriggeblieben bin. Der Präsident bat mich zu bleiben, da er mir eine sehr gute Arbeit bescheinigte und ich für ihn der Schlüssel in der Mission war.

Tomislav Stipic: Seine Trainerkarriere im Überblick

VereinZeitraum
FC Hitzhofen-Oberzell (Spielertrainer)2007-2009
SV Denkendorf (Spielertrainer)2009-2010
FC Ingolstadt 04 U172010-2013
FC Ingolstadt 04 II2013-2014
FC Erzgebirge Aue2014-2015
Stuttgarter Kickers2015-2016
Nantong Zhiyun2016-2017
Eintracht Frankfurt U192018-2019
Grasshopper Club Zürich2019
NK Slaven Beluposeit 2019
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