Fussball

PSG-Trainer Thomas Tuchels zwiespältiges Bild: Zwischen Genialität, Cholerik und Demut

Von SPOX
Von 2015 bis 2017 gemeinsam beim BVB aktiv: Roman Weidenfeller und Trainer Thomas Tuchel.

Am Freitag erscheint im Verlag Die Werkstatt die erste deutsche Biographie über den heutigen PSG-Trainer Thomas Tuchel. Darin verfolgen die Sportjournalisten Tobias Schächter und Daniel Meuren den Weg des 46-Jährigen von seinen Anfängen in Mainz bis zu einem europäischen Top-Klub nach. Das Bild, das sie von Tuchel dabei zeichnen, ist ein zwiespältiges.

"Tuchel wird in vielen Facetten ein Rätsel für seine Beobachter, weil er sich umso mehr aus der Öffentlichkeit zurückzieht, je prominenter seine Arbeitsplätze und er selbst werden", bilanzieren Meuren und Schächter: "Zudem hinterlässt er an jedem Ort seines Wirkens auch zwiespältige und negative Gefühle bei denen, mit denen er zusammengearbeitet hat."

Besonders treffend bringt der ehemalige BVB-Torhüter Roman Weidenfeller diesen Zwiespalt in dem 192 Seiten umfassenden Buch auf den Punkt: "Sportlich gesehen ist Tuchel unantastbar. Sein Training war ausgezeichnet, er hatte stets Visionen. Nur zwischenmenschlich hat es an manchen Stellen nicht gepasst", wird Weidenfeller zitiert.

Thomas Tuchel: Zwischen Cholerik, Ungeduld und Demut

Neben dem 39-Jährigen haben Meuren und Schächter auch noch mit zahlreichen weiteren Wegbegleitern Tuchels wie Julian Nagelsmann, seinem Entdecker Hansi Kleitsch oder dem ehemaligen Mainzer Sportchef Christian Heidel gesprochen.

Obwohl es in dem Buch heißt, dass Tuchel schon zu seinen Zeiten in Mainz jene Charakterzüge entwickelt habe, die später in Dortmund zu Problemen führten - Tuchel habe schon bei den 05ern "ungeduldig" und "bisweilen cholerisch" gewirkt, sei "unnachgiebig und nachtragend" gewesen - äußert sich Heidel beispielsweise durchaus positiv über den Menschen Tuchel.

"Thomas trägt tief in sich bei allem Selbstbewusstsein, das manchmal gar arrogant wirkt, eine große Bescheidenheit, bei aller Impulsivität auch eine demütige, respektvolle Haltung", sagt Heidel in der Biographie.

Leipzig-Trainer Nagelsmann betont indes, dass es Tuchel war, der ihn "konkret darauf gebracht" habe, Trainer zu werden: "Nachdem ich ein paar Mal die Gegner gescoutet hatte, sagte Thomas zu mir, ich solle doch Trainer werden, wenn ich nicht mehr spielen könne. Er glaube, dass ich talentiert sei dafür durch die Art und Weise, wie ich ticke und wie ich spreche", erzählt Nagelsmann, für den Tuchel ein Trainertyp sei, der "supergut ankommt oder gar nicht".

"Tuchel steht sich auf dem Weg nach ganz oben selbst im Weg"

Gar nicht angekommen ist Tuchel beim einflussreichen BVB-Fan Jan-Henrik Gruszecki, der beste Kontakte im Klub hat und dem ehemaligen Dortmunder Trainer vorwirft, "eine ganz bewusste Nicht-Identifikation kultiviert " zu haben, die "den Verein Borussia Dortmund zerstört" hätte, "wenn er länger hier gearbeitet hätte": "Tuchel sprengt jegliches soziales Konstrukt durch seine Nicht-Empathie. Er spaltet den Kern jeder Gemeinschaft, und auch der BVB wäre daran zerbrochen", urteilt Gruszecki in der Biographie.

Tuchels Zeit beim BVB ging schon nach zwei Jahren und einem Pokalsieg aufgrund von Zerwürfnissen mit der Vereinsführung um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, die besonders nach dem Bombenanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus im April 2017 offenbart wurden, zu Ende. Auch bei PSG gilt der "Besessene", als den ihn Meuren und Schächter bezeichnen, nicht als unumstritten.

"Die Persönlichkeit Tuchels gibt Hinweise, weshalb sich eines der größten Trainertalente mit seiner unbeugsamen Haltung selbst im Weg stehen kann auf dem Weg nach ganz oben", resümieren die beiden Autoren: "Er ist kompromisslos im Umgang mit seinen Vorgesetzten, erwartet von allen in seinem Arbeitsumfeld dieselbe Besessenheit, mit der er arbeitet. Immer wieder gibt es Indizien, dass er mit dieser Art die Stars bei Paris Saint-Germain gegen sich aufbringt, wenn ein Neymar ihm auf der Nase herumtanzt oder Kylian Mbappe nach einer Auswechslung den Blickkontakt verweigert."

Dennoch habe Tuchel noch lange Zeit, "um die Erfolge zu erringen, die ihm viele seit Jahren zutrauen". Als Beispiel dafür diene Jupp Heynckes, der "auch viele Jahre gebraucht" habe, "um zu Führungsfiguren zu werden mit der für Topklubs wohl nötigen souveränen Abgeklärtheit und Ausstrahlung".

Thomas Tuchel: Statistiken bei Mainz, PSG und BVB

VereinAmtsantrittAmtsaustrittSpielePunkte pro Spiel
Paris Saint-Germain01.07.2018-992,42
Borussia Dortmund01.07.201530.05.20171072,12
FSV Mainz 0503.08.200910.05.20141831,43
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung