Fussball

Schalkes ehemaliger Co-Trainer Sven Hübscher im Interview: "Boateng erwiderte: 'Das ist mir scheißegal'"

Von Daniel Nutz
Sven Hübscher war Co-Trainer unter Di Matteo.

Mit Ehrgeiz, Fleiß und einer Portion Frechheit arbeitete sich Sven Hübscher beim FC Schalke 04 von der U13 zu den Profis hoch. Von 2013 bis 2016 war er dort Assistent von Jens Keller, Andre Breitenreiter und Roberto Di Matteo. Im Interview mit SPOX und Goal blickt der 41-Jährige auf eine besondere Erfahrung beim FC Chelsea mit Einblick in Jose Mourinhos Arbeit zurück und verrät darüber hinaus, welcher Trainer bei den Königsblauen seiner Zeit voraus war.

 

Außerdem erzählt er, weshalb die Verpflichtung vom "enorm selbstbewussten" Kevin-Prince Boateng im Jahr 2013 Gold wert war, wie Roberto Di Matteo reagierte, wenn ein Tor beim Trainingsspiel um 60 Zentimeter nicht auf dem richtigen Platz stand und mit welchen Mitteln man versuchte, die Stimmung bei Galatasaray zu simulieren.

Herr Hübscher, war Fußball bei Ihnen schon immer die Nummer eins?

Sven Hübscher: Ich habe in der F-Jugend angefangen und bin über Freunde zu einem Verein gekommen. Meine Eltern haben immer wieder versucht, mir auch Sportarten mit mehr Eigenverantwortung nahezubringen. Da wurden teilweise sechs Wochen Tennisstunden bezahlt und anschließend bin ich trotzdem wieder zum Fußball gegangen.

Ihre aktive Karriere mussten Sie sehr früh aufgrund einer Sprunggelenksverletzung beenden. Wie erfolgreich waren Sie als Spieler?

Hübscher: Die positive Antwortvariante lautet: semi-erfolgreich. Damals gab es noch keine Junioren-Bundesliga. Die Westfalenliga war die höchste Spielklasse und dort habe ich auch gespielt, jedoch nur bei den weiter unten platzierten Vereinen. Als Spieler war ich limitiert, vielleicht wurde ich deshalb zum richtigen Zeitpunkt zu meinem Glück gezwungen. Als Kind und Jugendlicher träumt jeder davon, Profifußballer zu werden, aber der talentierteste Spieler war ich nie und nach der Verletzung hatte sich das Thema endgültig erledigt.

Wann dachten Sie erstmals über den Trainerberuf nach?

Hübscher: Zur Zeit meiner Verletzung habe ich beim DSC Wanne-Eickel gespielt. Unser Trainer hat mir während meiner Reha verschiedene Aufgaben aufgetragen und mich damit in diese Richtung gelenkt. Anfangs war ich beispielsweise für unsere Torhüter zuständig, dafür habe ich mich eingelesen und mir selbst Übungen überlegt. Ein richtiges Torwarttraining gab es damals in diesem Bereich nicht. Zunächst habe ich noch auf ein Comeback als Spieler gehofft, als unser U15-Trainer jedoch einen Schlaganfall erlitten hat, bin ich als hauptverantwortlicher Coach eingesprungen. Knapp vier Monate später saß ich auf Schalke zum Bewerbungsgespräch.

Wie kam es dazu?

Hübscher: Wir haben mit unserer U15 zweimal gegen Schalke gespielt. Nach dem zweiten Spiel kam der Schalker Trainer zu mir und fragte: "Hast du nicht Lust, nächstes Jahr mit mir zusammenzuarbeiten?" Ab diesem Zeitpunkt ging alles sehr schnell.

Hübscher: Schalke-Bewerbungsgespräch? "War völlig perplex"

Sie wurden also als Trainer entdeckt?

Hübscher: Kann man so sagen. Wir haben gegen Schalke ein richtiges gutes Spiel abgeliefert, davon war er sehr angetan und deshalb hat er mich wohl angesprochen.

Wie darf man sich ein Bewerbungsgespräch als Jugendtrainer bei einem Bundesligisten vorstellen?

Hübscher: Es fand bei Helmut Schulte (ehemaliger Leiter der Nachwuchsabteilung; Anm. d. Red.) im Büro statt. Er fragte mich nach etwas Smalltalk ganz simpel: "Was ist das Wichtigste für dich am Fußball?" Ich war erstmal völlig perplex. Im Vorfeld hatte ich mich auf viele Detailfragen vorbereitet, aber nicht auf so eine allgemeine Fragestellung. Meine Antwort lautete spontan: Spaß. Das wollte er offenbar hören und kurze Zeit später war ich Co-Trainer der U13.

Wie viel Zeit beansprucht diese Stelle?

Hübscher: Nach meiner Ausbildung bin ich direkt in Teilzeit gestartet und fand mich in der Regel nachmittags auf dem Schalker Trainingsgelände ein. Die Stelle war natürlich nicht wirklich gut bezahlt, sodass mein Vater mich mit Spritgeld unterstützen musste und das auch gerne tat.

Hübscher erzählt von Mourinhos 'Bible of guided discovery'

Gab es in Ihren ersten Jahren bei Schalke ein prägendes Erlebnis?

Hübscher: Ich habe schon immer nach Höherem gestrebt und mich mit dem Posten als Co-Trainer der U13 nicht zufrieden gegeben. Ich wollte mich immer weiterentwickeln und wurde von meinen Eltern dazu animiert, das zu machen, worauf ich Lust habe. Gott sei Dank war ich damals so frech, eine Hospitation bei Arsenal und Chelsea auf eigene Kosten zu machen. Ich habe die beiden Klubs einfach angeschrieben und eine positive Antwort erhalten. Bei Arsenal haben sie mich an der kurzen Leine gehalten, bei Chelsea hingegen bekam ich einen Einblick in alles. Ich durfte das Profitraining beobachten, saß in der Mensa mit Jose Mourinho an einem Tisch und durfte die Unterlagen begutachten, die Mourinho damals der Jugendabteilung zur Verfügung stellte. 'Bible of guided discovery' nannte er das.

Was stand darin geschrieben?

Hübscher: Es war alles, was er vom Fußball wusste und dachte und beinhaltete unter anderem auch, welche Übungen jeder Jugendspieler beherrschen muss, falls er mal bei den Profis mittrainieren darf. Das war zu dieser Zeit ziemlich beeindruckend für mich. England war vor knapp 15 Jahren in der Nachwuchsarbeit weiter als Deutschland.

Inwiefern?

Hübscher: Bei uns befanden sich die Leistungszentren erst in der Planung oder im Bau, Chelsea hatte bereits eines auf einem sehr modernen Gelände. Ich halte mich eigentlich für ein ganz pfiffiges Kerlchen, aber ich habe es nicht geschafft, die Sportplätze zu zählen. Das Areal war so riesig - unfassbar. In der Woche, die ich dort verbracht habe, konnte ich erkennen, dass gute Nachwuchsarbeit betrieben wird. Mourinho hat beispielsweise mit Spielern der U17 oder U19 gefrühstückt und sich mit ihnen unterhalten, aufgrund des Geländes waren die Wege kurz. Für mich war das alles Neuland. Nach außen gibt Mourinho ja oft den Coolen und Unnahbaren, aber intern kam er für mich komplett anders rüber. Er ging auf die Jugendspieler zu und suchte das Gespräch.

Konnten Sie einen Einblick gewinnen, worauf er damals besonderen Wert legte?

Hübscher: Gerade das Umschaltverhalten in beide Richtungen gepaart mit bewusstem Defensiverhalten war ihm sehr wichtig. Darauf waren seine Übungen ausgelegt. Sowohl für die Profis als auch für die Jugendspieler sollte das die Grundlage sein. Auch das Spielsystem sollte bei allen Mannschaften möglichst dasselbe sein, um einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten. Letztendlich verhalf mir diese Erfahrung zum ersten Austausch mit Norbert Elgert.

Erzählen Sie.

Hübscher: Nach meiner Rückkehr aus London wollte er sich unbedingt austauschen, er war schon immer sehr interessiert an fremden Trainingsmethoden und deshalb gespannt auf meine Einblicke. So kam der erste Kontakt zustande, um später sein Co-Trainer in der U19 zu werden.

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