Fussball

Markus Neumayr im Interview: "Ronaldos abweisende Ausstrahlung ist nur eine Schutzmaske"

Von Tim Ursinus
Markus Neumayr spricht im Interview für SPOX und Goal über seine Fußbalkarriere.

Markus Neumayr wechselte mit 16 Jahren in die Jugend von Manchester United und trainierte unter der Führung von Sir Alex Ferguson mit Größen wie Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney oder Ruud van Nistelrooy. Zudem sammelte er beeindruckende Erfahrungen aus seiner Zeit in der Türkei und Iran.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht der Profi des schweizerischen Zweitligisten FC Aarau über die Arbeitsweise von Sir Alex Ferguson, das Verhalten von Cristiano Ronaldo gegenüber Mitspielern und sein Zusammenleben mit Mitbewohner Gerard Pique. Neumayr erzählt zudem von starken Differenzen mit seinen Ex-Trainern Rudi Bommer und Mario Basler und was ihm dieser im Fußball beibringen konnte.

Herr Neumayr, Sie wechselten mit 16 Jahren von Eintracht Frankfurts Jugendabteilung zu Manchester United und blieben dort drei Jahre. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Neumayr: Ich habe mit vielen Weltstars wie Wayne Rooney, Paul Scholes, Ryan Giggs, Cristiano Ronaldo oder Ruud van Nistelrooy trainiert. Aber nicht nur das: Ich habe sie auch privat kennengelernt, mit ihnen gefrühstückt oder Freizeitbeschäftigungen wie das Tischtennisspielen geteilt.

Trainer war damals Sir Alex Ferguson. Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit ihm erinnern?

Neumayr: Nach meinem Probetraining hat er mich zu sich nach Hause eingeladen. Seine Frau hat für uns Tee gekocht und wir haben eine Stunde lang über Fußball gesprochen. Er hat erklärt, für welche Werte der Klub steht und was er mit mir vorhat. Das war für mich 16-jährigen Jungspund sehr, sehr eindrücklich.

Neumayr: "Samthandschuhe für Ruud van Nistelrooy"

Wie war Ferguson als Trainer? Haben Sie sein legendäres "hairdryer treatment" kennengelernt?

Neumayr: Ich habe das nicht so extrem wahrgenommen, wie es in manchen Geschichten erzählt wird. Er war aber sehr fordernd und kritisch gegenüber den Spielern. Den legendären Schuhwurf auf David Beckham (Ferguson fügte Beckham dabei eine Platzwunde zu, Anm. d. Red.) habe ich leider nicht miterlebt, aber ich kann es mir bildlich vorstellen. Es war Fergusons große Stärke, dass er immer gewusst hat, wen er wie anpacken muss. Rooney oder Roy Keane ist er beispielsweise sehr direkt angegangen, den schüchternen Ruud van Nistelrooy hat er dagegen eher mit Samthandschuhen behandelt.

Warum war gerade bei Rooney und Keane eine direktere Ansprache vonnöten?

Neumayr: Rooney und Keane sind zwei Haudegen, die eine gewisse Härte gewohnt sind. In England gibt es einen anderen Umgang untereinander. Sehr offen, ehrlich, hart und direkt. Eine Nummer härter als in Deutschland. Bei den englischen, irischen und schottischen Spielern liegt die Latte, was man darf und was nicht höher. Ferguson konnte Rooney und Keane nur kitzeln, wenn er Kritik unter der Gürtellinie ausgeteilt hat.

Genau wie Sie wechselte 2003 auch Cristiano Ronaldo zu United. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Neumayr: Ich kann nur Positives über ihn sagen. Nach außen hat er vielleicht eine etwas abweisende Ausstrahlung, aber das ist nur eine Schutzmaske. Ich habe ihn als sehr kollegialen, freundlichen und offenen Typen wahrgenommen. Er war damals direkt in der ersten Mannschaft, hat sich aber auch sehr für uns aus der Reservemannschaft interessiert. Bei jedem wusste er, wie er tickt und was er kann. Wenn ich während meines letzten Jahres mit der ersten Mannschaft unterwegs war, bin ich immer mit Gerard Pique und ihm ganz hinten im Bus gesessen.

Neumayr: Pique? "Wir sind 24 Stunden aufeinandergehockt"

Mit Pique wohnten Sie damals gemeinsam bei Gasteltern. Wie war das alltägliche Zusammenleben?

Neumayr: Wir hatten zwar jeder unser eigenes Zimmer, sind aber eigentlich 24 Stunden aufeinandergehockt. Manchmal sind wir um 22 Uhr gemeinsam auf den Golfplatz gegangen und haben 300 bis 400 Bälle weggehauen. Wir waren auch oft bei unserem Lieblingsitaliener um die Ecke oder haben zusammen Playstation gezockt.

Wie stand es in Sachen Partys?

Neumayr: Wenn wir in Manchester viel ausgegangen wären, hätte es Ferguson sicherlich mitbekommen. Deswegen haben wir das auf ein Minimum reduziert. Wildere Partys gab es eher, wenn wir zwischendurch nach Hause fliegen durften.

Stimmt es, dass Pique dabei war, als Sie Ihre Frau kennengelernt haben?

Neumayr: Ja, wir waren zuerst gemeinsam auf einer Party einer Modelagentur, die auf einem Katamaran stattgefunden hat. Nach drei Stunden sind wir in einen Open-Air-Nachtklub gefahren. Dort habe ich meine Frau, die damals gemodelt hat, kennengelernt.

Stehen Sie noch in Kontakt mit Pique?

Neumayr: Ja, eigentlich sogar wöchentlich. Zuletzt haben wir miteinander gesprochen wegen eines Klubs in der Schweiz, an dem er mit seiner Investmentfirma Cosmos interessiert ist. Ich habe ihm ein paar Informationen gegeben und ihm meine Meinung dazu gesagt. Ob das was wird, weiß ich aber nicht. Wir versuchen, uns so oft es geht zu sehen. Aber das ist leider nicht so einfach. Wir sind schließlich beide noch als Profis aktiv und haben auch Familien. Zuletzt haben wir uns vor eineinhalb Jahren bei ihm in Barcelona getroffen.

Zurück zum Fußball. Trotz einer langen Verletzungspause schafften Sie es zum Kapitän der United-Reserve und standen auch im Profikader. Warum wechselten Sie 2006 zum MSV Duisburg?

Neumayr: Der damalige Duisburg-Trainer Rudi Bommer hat mir sehr große Versprechungen gemacht und davon habe ich mich als junger Spieler blenden lassen. Auf dem Platz habe ich unter Bommer keine richtige Chance bekommen und auch keine Erklärungen dafür. Außerdem sind zwischen uns leider einige private Dinge vorgefallen, die aber nicht an die Öffentlichkeit gehören.

Neumayr: Basler "ist als Trainer fehl am Platz"

Nach Stationen bei Zulte Waregem in Belgien und Rot-Weiss Essen wechselten Sie 2010 zu Wacker Burghausen, das damals von Mario Basler trainiert wurde. Wie war er als Trainer?

Neumayr: Er ist mit seinen Sprüchen sicherlich authentisch und das gefällt vielen Menschen. Aber tiefgründige Gespräche sind mit ihm nicht möglich und fußballerisch habe ich unter ihm nichts gelernt. Vielleicht ist er geeignet als TV-Experte, aber als Trainer ist er fehl am Platz. Deshalb ist er auch bei allen seinen Stationen gescheitert.

Bereits nach einem halben Jahr verließen Sie Burghausen wieder. Lag das an ihm?

Neumayr: Ich habe mir im Training die Bänder gerissen und er hat trotzdem von mir erwartet, dass ich für ein Meisterschaftsspiel drei Tage später bereit bin - was natürlich nicht funktioniert hat. Dann meinte er: "Mach' deine Reha und wenn du zurückkommst, gehst du in die zweite Mannschaft." Als ich dann zurückkam, hat er mich tatsächlich in die siebte Liga geschickt. Das war der Tiefpunkt meiner Karriere. Zum Glück kam dann das Angebot des FC Thun.

Nach über sechs Jahren zogen Sie 2017 weiter zum türkischen Erstligisten Kasimpasa, dem Heimatverein des türkischen Präsidenten Recep Erdogan. Wie kam es dazu und wie präsent war Erdogan im Klub?

Neumayr: Ich hatte einfach Interesse daran, eine andere Kultur und Liga kennenzulernen. Erdogan war bei einigen Spielen im Stadion, persönlich kennengelernt habe ich ihn aber nicht. Er hat den Klub gemeinsam mit seinem Freund Turgay Ciner (dem Besitzer des Vereins, Anm. d. Red.) hochgepusht und dafür gesorgt, dass er überhaupt in der Süper Lig spielt.

Anschließend ging es in den Iran nach Teheran zum FC Esteghlal, wo Winfried Schäfer als Trainer fungierte.

Neumayr im Iran: "Zu jedem Heimspiel kamen zwischen 80.000 und 90.000 Zuschauer"

Neumayr: Ich war sofort überwältigt von der Größe des Klubs. Der Klub hat 40 Millionen Fans und zu jedem Heimspiel kamen zwischen 80.000 und 90.000 Zuschauer. Es war fast, als würde ich für den FC Barcelona spielen. In der Stadt hat mich jeder erkannt. Wahrscheinlich auch, weil ich wohl der einzige Blonde im ganzen Land war. Für mich war es eigentlich unmöglich, in ein Restaurant zu gehen oder durch die Stadt zu laufen. Dort ist es normal, dass dich ein Fan am Arm packt und ein Foto fordert. Alle sind viel direkter als bei uns. Am Anfang war es schwer, damit umzugehen. Aber man gewöhnt sich daran.

Wo lagen im Fußballer-Alltag die größten Unterschiede zu Deutschland?

Neumayr: Die Religion spielt eine viel zentralere Rolle. Die Spieler kamen alle mit ihren Teppichen zu den Spielen und haben in der Kabine direkt vor Anpfiff oder während der Halbzeitpause gebetet. Ein erfahrener Spieler hat die Gebete immer aufgesagt. Sogar der Trainingsplan wurde so gestaltet, dass sich die Einheiten nicht mit den Moschee-Besuchen überschnitten.

Nicht der einzige kulturelle Unterschied. Sie landeten nach Ihrem ersten Spiel für Esteghlal vor der Ethikkommission, weil Sie auf Ihrem linken Unterarm ein Tattoo mit einem Pin-up-Girl tragen.

Neumayr: Ich habe mir davor keine Gedanken darüber gemacht, ganz normal mit einem kurzärmligen Trikot gespielt und am nächsten Tag musste ich bei der Ethikkommission antraben. Dort wurde ich belehrt, dass ich mein Tattoo künftig abdecken soll. Das habe ich dann mit Armstrümpfen gemacht. Solche Regeln und Gebräuche gilt es zu akzeptieren, wenn man in anderen Kulturkreisen spielt.

Waren Sie gut in die Mannschaft integriert?

Neumayr: Das war kompliziert, weil etwa 90 Prozent meiner Mitspieler kein Wort Englisch sprachen. Außerdem gab es mir und dem anderen Legionär der Mannschaft gegenüber eine generelle Skepsis, weil wir mehr Geld als die Einheimischen verdient haben. Für Winnie Schäfer war das alles nicht einfach. Er war schließlich auch Ausländer und wollte uns unter keinen Umständen bevorzugen, weil er sonst die ganze Mannschaft verloren hätte.

Warum haben Sie den Verein nach nur einem halben Jahr wieder verlassen?

Neumayr: Ich bin allein in den Iran übergesiedelt und wollte wieder mit meiner Familie zusammenleben, die damals schon in der Schweiz wohnte. Insofern bin ich glücklich, dass ich zum FC Aarau wechseln konnte.

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