Fussball

Hany Mukhtar im Interview: "Der hat sich doch glatt meinen Torjubel tätowieren lassen"

Von Michael Reis

Hany Mukhtar galt als eines der größten Talente in Deutschland. 2014 schoss er die deutsche U-19-Nationalmannschaft zur Europameisterschaft. Danach kam bei Hertha BSC schnell das Aus. Über Benfica Lissabon, RB Salzburg und Bröndby Kopenhagen ist der Berliner nun in der US-amerikanischen Major League Soccer bei Nashville SC gelandet - und ist dort ein Top-Star.

SPOX und Goal haben mit Mukhtar über seinen ungewöhnlichen Werdegang, große Träume und die positiven Effekte im Ausland gesprochen.

Herr Mukhtar, wie ist das Leben in Nashville, Tennessee, in Zeiten der Corona-Pandemie?

Hany Mukhtar: Es geht. Noch haben wir keine komplette Ausgangssperre. Einkäufe dürfen gemacht werden, aber sich ohne Grund im Freien aufzuhalten, ist nicht mehr so einfach erlaubt. Seit Mitte März trainieren wir auch nicht mehr. Das ist hart.

Mit wem verbringen Sie die Zeit zu Hause?

Mukhtar: Meine Eltern waren bis zu meinem Geburtstag am 21. März bei mir. Ansonsten lebe ich in meinem Appartement in Nashville Downtown allein. Das ist aber auch nicht schlimm, das war in Lissabon und Kopenhagen auch so. Eigentlich wollten mich jetzt Freunde besuchen kommen, aber das fällt leider aus. Ich jammere deswegen nicht, weil es momentan in dieser Zeit einfach wichtigere Dinge gibt, als Freunde zu treffen.

Wie sieht der Alltag dann aus?

Mukhtar: Ich trainiere jeden Tag auf dem Fitnessrad, absolviere dazu Krafttraining. Bis vor kurzem war ich auch noch täglich draußen joggen. Aber jetzt ist es ratsam, weitestgehend zuhause zu bleiben. Dort spiele ich sehr gern Playstation. Wegen der Zeitverschiebung ist es normalerweise schwieriger, mit Freunden und Kollegen in Deutschland online zu daddeln. Aber da viele ebenfalls ans Homeoffice gebunden sind, stehen die schon mal in der Nacht auf und wir zocken dann zum Beispiel Fifa.

Mukhtar: "Zwei meiner Teamkollegen haben ihre Wohnung verloren"

Was war das erste Aha-Erlebnis in Nashville?

Mukhtar: Das Wetter hat mich überrascht. Es gibt hier häufiger Naturkatastrophen. Vor zwei Wochen wütete ein Tornado und zwei meiner Teamkollegen haben ihre Wohnung verloren. Zu dieser Jahreszeit ist das wohl normal. Ich habe mir dann gleich eine Warn-App heruntergeladen. Die hat letztens wie wild geblinkt und getönt, obwohl es auf lautlos gestellt war. Ich habe dann gleich einen Mitspieler angerufen und der hat Entwarnung gegeben: Der Tornado war fünf Kilometer von uns entfernt.

Wie war das bei den anderen Stationen im Ausland?

Mukhtar: In Lissabon herrscht eine ganz besondere Lebensqualität. Es ist total angenehm, wenn man nach einem anstrengenden Training noch an den Strand fahren kann, ohne dafür stundenlang im Auto zu sitzen oder in der Sonne am Pool zu liegen. Da wird Julian Weigl gerade eine sehr schöne Zeit haben. Salzburg war ein krasser Gegensatz. Eine kleine, aber sehr schöne Stadt und drumherum die Berge und Wälder. Gerade im Winter spektakulär. In Kopenhagen ist mir die Offenheit, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft der Dänen am meisten in Erinnerung geblieben. Alle sind interessiert und es wirkt alles sehr harmonisch in dieser Stadt. Aber egal wo: Am Ende ist man nur aus einem Grund da und wenn es sportlich nicht läuft, ist man immer unzufrieden.

Nashville hat Sie als Designated Player verpflichtet. Davon darf jedes Team nur drei im Kader haben, weil sie mehr verdienen dürfen, als das Salary Cap vorsieht. Ist das Druck?

Mukhtar: Nein, für mich ist das eine Ehre, dass ich der erste Designated Player der Vereinsgeschichte bin. Das Projekt hat mich total überzeugt. Hier soll etwas Großes entstehen und im ersten Heimspiel hat man mit 60.000 Zuschauern gesehen, dass MLS-Fußball in Nashville angenommen wird. Leider war unser Start mit zwei Niederlagen nicht so toll, obwohl wir eigentlich beide Partien dominiert haben.

Bundesliga-Rückkehr? Mukhtar will auf der Zehn spielen

Offiziell gehören Sie zu den Stars der MLS. Tritt man da selbstbewusster in der Kabine auf?

Mukhtar: (lacht) So ist es nicht. Aber es ist etwas anderes, ob man als 18-jähriger Perspektivspieler ohne viele Einsätze von Hertha BSC zu Benfica Lissabon in die Kabine kommt, oder als Stammspieler und Spielmacher mit viel Erfahrung von Bröndby Kopenhagen in ein ambitioniertes Team wie hier in Nashville. Insgesamt war die Eingewöhnung eh einfach, da alle im Team neu sind und die Situation für jeden gleich.

Wurden Sie von den Teamkollegen schon auf Ihren EM-Titel mit der deutschen U-19-Nationalmannschaft 2014 angesprochen, als Sie im Finale das entscheidende Tor gegen Portugal geschossen habe?

Mukhtar: Nein, das ist im Ausland überhaupt kein Thema. Das hat mich weder in Kopenhagen noch in Lissabon jemand gefragt. Um ehrlich zu sein, ist das immer nur Thema bei deutschen Journalisten. (lacht)

Immerhin haben Sie mit Stars wie Joshua Kimmich, Julian Brandt oder Niklas Stark im Team gestanden, die im Gegensatz zu Ihnen in der Bundesliga für Furore sorgen.

Mukhtar: Das stimmt, aber mein Karriereweg verläuft nun mal ein bisschen anders. In Berlin werde ich oft gefragt, warum ich damals nicht bei Hertha geblieben bin, weil nach meinem Abgang wenig später Pal Dardai kam, der auf viele Talente gesetzt hat. Aber daran denke ich nicht. Ich verdiene mit meinem Hobby Geld und darf so viele schöne Länder erleben. Wer kann das schon von sich behaupten? Ich bin total zufrieden und glücklich mit meiner Karriere.

Sollen denn noch ein paar mehr Bundesliga-Einsätze als die zehn aus der Saison 2013/14 dazukommen?

Mukhtar: Das weiß ich jetzt noch nicht. Aber in der Bundesliga wird eigentlich nicht mehr mit dem klassischen Zehner gespielt. Da spielen dann zwei offensive Achter. Von daher gäbe es für mich aktuell nicht so viele Optionen.

Beobachten Sie noch, was bei Hertha alles passiert, wie zuletzt die Posse um das Tagebuch und den Abgang von Jürgen Klinsmann?

Mukhtar: Ganz ehrlich: Ich habe von der Sache fast nichts mitbekommen. Aber insgesamt ist das sehr schade. Denn im Winter habe ich mich noch über die vielen Neuzugänge gefreut. Bei den großen Namen wäre es schön, wenn es mal wieder mit dem internationalen Fußball klappen würde. Das hätte eine Stadt wie Berlin verdient.

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